Spider-Man: Wie mich die Spinne in eine emotionale Krise schleuderte (Kolumne)

von Michael Sonntag (Montag, 24.09.2018 - 14:23 Uhr)

Wenn ich heute auf gut Glück ins Kino gehen würde, läge die Wahrscheinlichkeit bei 80 Prozent, dass auf der Leinwand gerade ein Superheld einen Superschurken verprügelt.

Ob es daran liegt, dass die Zuschauer einfach nicht genug von diesen Blockbustern bekommen oder die Produzenten nicht wissen, wie sie ihr Comic-Abonnement kündigen können - es wird noch eine lange Zeit dauern, bis ein Marienkäfer im Film auf einer Hand landen kann, ohne den Betreffenden gleich mit radioaktiven Fähigkeiten auszustatten.

Spider-Man: Prügeln, Schwingen, freche Sprüche

Falls es noch nicht durchkam: Nein, ich bin kein großer Marvel-Fan. Nichtsdestotrotz hat die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft seit meiner Kindheit einen Sonderstatus bei mir, weil mein Vater als großer Fan immer von ihm geschwärmt hat. Als Tobey Maguire 2002 in den rotblauen Anzug schlüpfte, war ich elf Jahre alt und mein Vater gefühlte acht.

Nein, auch wenn ich jahrelang der endlosen Marvel-Lawine ausgewichen bin, Spider-Man blieb für mich der einzig sympathische Held, bodenständig wie ein Labradorwelpe, schmerzresistent wie eine Mikrobe. Als angekündigt wurde, dass er dieses Jahr ein neues Spiel bekommen sollte, war ich, zugegeben, für einen kurzen Moment nicht völlig unbegeistert. Jetzt habe ich es gespielt und weiß nicht, ob ich falle, aufsteige oder beides tue.

Holpriger, aber sonst guter Start

„OH, DIESES NETZSCHWINGEN!“ fasst das gesamte Marketing zu Spider-Man am besten zusammen. „Besteht das Spiel etwa aus nichts anderem?“, frage ich mich immer wieder. Erst bin ich skeptisch, dann aber erleichtert, als ich herausfinde, dass der vorgestellte Netzschwung-Simulator auch eine Geschichte und ein Kampfsystem anbietet.

Nachdem ich aber zwanzig Minuten das Tageslicht-"Arkham Asylum" gespielt habe, ist mein Fazit folgendes: „Hmmm ... Joah ... Ähm ... Ist ganz nett ... Aber ... Hmmm“. Statt einen Marvel-Film anzuschauen, kann ich dieses Mal im Abspann auch als Tastendrücker erwähnt werden. Aber dann entlässt mich das Tutorial glücklicherweise in die offene Spielwelt.

„OH, DIESES NETZSCHWINGEN!“, schreie ich. Hoch, runter, fallen lassen, hochschießen, Salto, um einen Wolkenkratzer driften und punktgenau auf einer Fernsehantenne landen. Ja, okay, ich gebe es zu, das ist wirklich cool. Solange nicht irgendjemand meine Hilfe oder Prügel braucht, bin ich Tarzan, der eins mit dem New Yorker Beton-Urwald wird. Wuhuuu! Ich muss meinem Vater dieses Spiel unbedingt zeigen!

Spider-Man war für mich schon immer unglaublich charmant wegen seiner Bescheidenheit. Während die Avengers die Welt vor einem fiesen Alien-Diktator beschützen müssen, bewegen sich Peters Aufgaben fast schon auf dem Niveau eines Schülerlotsen. Und um glücklich zu werden, braucht er nicht mehr als seine flapsigen Sprüche, sein Netzschwingen und ein nettes Wort von seiner Angebeteten Mary Jane. Schön, dass er trotz seiner Fähigkeiten auf dem Boden geblieben ist. Ich erwische mich tatsächlich dabei, wie ich dieses Superhelden-Ding genieße.

Marvelige Mitte

Als ich dann tatsächlich auf besagtem Boden lande, grüßt mich eine Passantin, woraufhin ich sie mir genauer anschaue. Und ja, dieses freundliche, pixlige Kastengesicht erinnert mich genau daran, was der ganze Comic-Hype für mich ausdrückt: Sieh niemals genauer hin! Genieß die Explosionen, die Kämpfe, die einfache Schwarzweiß-Moral, aber ignorier in jedem Fall, was links und rechts von dir ist. Keine Tiefe, keine Abwechslung, immer derselbe Aufguss. Wehe, du erwartest mehr!

Frei wie ein Vogel ... ähm, eine Spinne!Frei wie ein Vogel ... ähm, eine Spinne!

Die Weltkarte zeigt mir beispielsweise an, dass es dutzende Nebenaufgaben und sammelbares Zeug gibt. „Diese Welt hat also richtig was zu bieten?“, frage ich. Spider-Man nickt. „Erwarten mich dort denn interessante und abwechslungsreiche Aufgaben, die nicht nur Beschäftigungstherapie sind?“ Spider-Man denkt für einen Moment nach, bevor er langsam den Kopf schüttelt.

Okay, mein Fehler, ich bleib von nun an im eigentlichen Zentrum des Spiels - Auf in den Himmel und zurück zu den Hauptmissionen! Während ich auf die aufgesetzten Schleichpassagen hätte verzichten können, habe ich doch Freude an den Kämpfen und an den unterhaltsamen Zwischensequenzen. Die Figuren führen dort derart sympathische Gespräche, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihnen zu sagen, in welchem Standard-Spiel sie stecken. Ich kann Spider-Man wie den Filmen in der Weise vertrauen, dass er mich niemals überfordern (oder herausfordern) wird.

Frustrieren vielleicht, wenn ich das Gefühl im Kampf habe, dass ich zwar ganz viele Fähigkeiten zur Auswahl habe, sich diese aber nicht immer intuitiv einsetzen lassen. „Moment, Jungs, ich muss nochmal kurz nachsehen, wie die kreative Kombi geht. Einen Moment, bitte. Gleich geht’s weiter.“ Oder ich prügle mit immer derselben Variante auf euch ein, die sich als effektivste herausgestellt hat. Aber daran habt ihr vermutlich genauso wenig Spaß wie ich.

Der rote Flummi kann ganz schön austeilen.Der rote Flummi kann ganz schön austeilen.

Das Ende: Diese Welt braucht nicht noch mehr Helden

Mittlerweile ignoriere ich die Verbrechen, wenn ich durch die Stadt schwinge. Ich will nicht immer der Held sein, ich will auch mal mein eigenes Ding machen. Und schließlich braucht die Polizei auch etwas zu tun, sofern sie im Spiel nicht nur erwähnt wird, sondern auch tatsächlich existiert. Wenn mir der Sinn nach Prügeln steht, gehe ich auf Baustellen oder mache Herausforderungen, weil es dort immer genug Feinde zum Verdreschen gibt.

Und wenn ich nicht kämpfe oder für die Schwing-Weltmeisterschaft trainiere, lasse ich mir von den Objekten aus den Rucksäcken interessante Anekdoten über die Vergangenheit dieses Nerds erzählen. Das mochte ich an Peter Parker schon immer: Er kann für einen Moment aus dem Superheldengeschäft aussteigen und ein normaler Mensch sein. Denn dann hat er eine Fähigkeit, die alle anderen Helden aufgrund ihrer festgesetzten Rollen nicht haben: Die Fähigkeit zu überraschen. Die dieses Spiel auch ab und zu mal hat, in den Momenten, wenn es ein „Spider-Man“-Spiel war und kein reines Marvel-Spiel.

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