Ciri auf Netflix: Wie die Debatte Rassisten in die Hände spielt

(Kolumne)

von René Wiesenthal (21. September 2018)

Die Debatte um die Besetzung von Ciri in der geplanten Fernsehserie hat ein riesengroßes Problem. Und das ist nicht, dass Netflix-Kritiker sich eine Ciri wünschen, die optisch der Buch- und Spielvorlage ähnelt. Es besteht darin, dass sich viele von ihnen - bewusst oder nicht - zu Erfüllungsgehilfen von Rassisten machen.

Ich verstehe es. Als Fan verschiedener Franchises laufe auch ich Gefahr, unflexibel zu werden. Nicht akzeptieren zu können, wenn mit fortschreitender Erweiterung eines fiktiven Universums Veränderungen einhergehen. Weil ich mich daran gewöhnt habe, wie mir bestimmte Elemente vorgestellt wurden und nun beanspruche, dass die für immer so bleiben.

Somit kann ich auch nachvollziehen, dass Unzufriedenheit aufkommt, wenn eine Figur, die Fans bereits in Buch- und Spielform kennengelernt haben, für eine Realverfilmung anscheinend anders werden soll.

So stellen sich die meisten Fans Ciri vor und so möchten sie sie umgesetzt sehen:

Es ist immer schwer, es Fans eines Originalstoffs recht zu machen, wenn man diesen adaptiert. Im Falle von The Witcher fängt der Unmut gar nicht bei der Netflix-Serie an. Schon der Autor der Romanvorlage, Andrzej Sapkowski, zeigte sich unzufrieden damit, wie CD Projekt Red seine Werke verarbeitete. Er habe mit seinen Büchern dafür gesorgt, dass die Videospiele berühmt wurden und nicht andersrum.

Nun kommt die nächste Stufe der medialen Übersetzung hinzu: Aus dem Buch, das dank der erfolgreichen Spieleserie international enorm an Popularität gewonnen hat, wird eine Serie. Sapkowski selbst steht offenbar im Austausch mit den Schöpfern, spricht sich für einen diversen Cast aus. Und doch: Noch bevor die erste Aufnahme im Kasten ist, beginnt ein riesiger Aufschrei seitens der Fans.

Nichts ist sicher, trotzdem nörgeln

Es wird euch wohl nicht entgangen sein, dass es einen heftigen Shitstorm gab, nachdem im Internet eine mittlerweile entfernte Ausschreibung für die Rolle der Ciri in der Netflix-Verfilmung in Umlauf kam. Grund der Aufregung: Geralts Ziehtochter solle von einer Darstellerin besetzt werden, die einer so genannten BAME-Gruppierung angehört.

BAME, das ist eine Bezeichnung, die im Vereinigten Königreich genutzt wird, um Volksgruppen zusammenzufassen, die nicht der dortigen ethnischen Mehrheit angehören. Das umfasst "Black" genauso wie "Asian", also Farbige und Asiaten sowie "Minority Ethnic", also ganz pauschal ethnische Minderheiten. Diversität als Kredo, Repräsentation von Unterrepräsentierten als Lösung – so weit, so unproblematisch, sollte man meinen.

BAME kann vieles bedeuten. Für manche bedeutet es aber nur eines ...BAME kann vieles bedeuten. Für manche bedeutet es aber nur eines ...

Was aufgebrachte "Fans" daraus in den großen und kleinen Foren des Internets machen: Ciri solle unbedingt schwarz werden, weil die Gesinnungspolizei das so auferlegen würde. SJW hier, PC da – die Kirche wurde mit einem heftigen Ruck aus dem Dorf entfernt, noch ehe ein Verantwortlicher bei Netflix einwendend den Finger heben und "Moment mal ..." sagen konnte.

Eine Frau zwischen Kritik und Hassnachrichten

Was nicht heißt, dass sich niemand zu Wort meldete. Lauren S. Hissrich, die Schöpferin der Serie, ging in die Diskussion auf Twitter. Zuerst einmal mit dem Statement, Castings nicht kommentieren zu wollen, da sie niemals Castings kommentiere. Es solle abgewartet werden. Doch Abwarten ist nicht die größte Stärke der wütenden Internet-Kommentatoren, die sich mit Anschuldigungen auf die Dame stürzen. Hissrich wird es zu viel, sie zieht sich vorerst von Twitter zurück, um Abstand vom Hass zu bekommen.

Die bloße Tatsache, dass eine Suche nach einer Darstellerin gestartet wurde, die nicht ethnisch weiß ist, wurde und wird mit viel Hass und Rassismus quittiert. Weil: Ciri entspricht in Beschreibungen im Buch und auch im Erfolgsspiel nicht dem, was viele hinter dem Casting-Aufruf vermuten. Es wird über die Ausschreibung gemutmaßt, es werden unlautere Schlüsse gezogen, es werden rassistische Stereotype bedient.

Ich möchte gar nicht weiter darauf eingehen, ob es dem Stoff gerecht werden würde, wenn eine BAME-Darstellering für Ciri gecastet würde. Zum einen, weil BAME in dem Fall genauso bedeuten könnte, dass Ciri von einer Polin verkörpert wird und die Diskussion unnötig ist, solange noch überhaupt gar nichts feststeht. Zum anderen, weil eine schlichte Diskussion über Vorlagentreue nicht das Problem ist, welches das ganze Thema mit sich gebracht hat. Das wirkliche Problem geht viel tiefer und viele Kritiker sind sich dessen vielleicht noch nicht einmal bewusst.

"Ich bin kein Rassist, aber ..."

Denn natürlich ist nicht jede Reaktion zum Thema rassistisch. Viele äußern ihre Zweifel an der Ausschreibung auf eine angemessene Art. Allerdings finden sich selbst unter den nicht rassistischen zahlreiche Aussagen, die in eine Richtung laufen, bei der Rassisten wohl das Wasser im Mund zusammenläuft. Oftmals bekommt ihr in den letzten Tagen in etwa folgenden Wortlaut zu lesen: "Ich möchte nicht, dass Ciri schwarz ist. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Sie ist nun mal kein schwarzer Charakter. Da geht die politische Korrektheit zu weit."

Auch das Geralt-Casting erntete Kritik. Hier allerdings nicht aus Ethnie-Gründen.Auch das Geralt-Casting erntete Kritik. Hier allerdings nicht aus Ethnie-Gründen.

Richtig, es muss nichts mit Rassismus zu tun haben, wenn man nicht möchte, dass Ciri von einer Farbigen gespielt wird. Mit der Übernahme der Interpretation, BAME bedeute genau nur das, schenkt man Rassisten, die dieses Narrativ verbreiten wollen, aber schon den ersten Punkt. Den zweiten damit, dass man schützend vorwegnimmt, man sei kein Rassist. Den dritten mit dem Verteufeln politischer Korrektheit als Agenda einer vermeintlichen Gesinnungspolizei. Und schon hat man sich von den wirklichen Rassisten instrumentalisieren lassen.

Wie es auch hätte laufen können

Was hätte also im Optimalfall stattdessen passieren sollen? Ich denke, zuerst einmal hätte man abwarten sollen, wer überhaupt tatsächlich für welche Rolle engagiert wird und sich dann fragen können, ob die Besetzung passend ist oder nicht. Argumentieren könnte man dann gegebenenfalls dagegen, ohne eine Abwehrhaltung vor vermeintlichen Rassismusvorwürfen schützend vor sich herzuschieben und ohne das Vokabular der Rechten einmal der Reihe nach herunterzuleiern.

Wer unzufrieden ist, kann im vernünftigen Ton begründen, warum. "Ich bin kein Rassist, aber ... falsche political corectness!" ist da der vollkommen falsche Ansatz, wenn man sich nicht von Rassisten vor den Karren spannen lassen will.

Nun habt ihr wieder die Möglichkeit, euch mit euren Meinungen zu beteiligen und zu sagen, was ihr von der Diskussionskultur rund um Ciri auf Netflix haltet. Schreibt es uns in die Kommentare, wir freuen uns, von euch zu lesen.

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Tags: Politik   Rumor   Film  

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