Spider-Man vs. God of War: Eine Spinne schlägt den Gott des Krieges

(Kolumne)

von Micky Auer (23. September 2018)

Eines vorweg, damit es keine Missverständnisse gibt: Sowohl das in diesem Jahr erschienene God of War als auch das erst seit kurzem erhältliche Marvel's Spider-Man sind beides Spiele, die vieles richtig machen, über einen hohen Unterhaltungswert verfügen und packende Abenteuer bieten. Jedes auf seine Art und Weise.

Was sie verbindet, ist der Umstand, dass es sich um Produktionen handelt, die exklusiv unter der Schirmherrschaft von Sony für die PlayStation 4 erhältlich sind. Die Erwartungshaltung gegenüber God of War war immens hoch, verabschiedete sich der zornige Kratos doch aus Griechenland und schickte sich an, die Götterwelt des hohen Nordens zu dezimieren. Ein solcher Wechsel des Szenarios geht immer mit viel Spekulation, oft auch mit Befürchtungen seitens der Fans einher.

Das Ergebnis überzeugt jedoch und die meisten Fans sind glücklich. God of War entwickelte sich schnell zum Verkaufsschlager. Nicht jeder hat damit gerechnet, dass Sony im selben Jahr nochmal ein solcher Erfolgswurf gelingen würde. Vielleicht sogar mit Spider-Man? Nah ... wird sicher ganz gut, aber kann die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft an den Erfolg eines waschechten Kriegsgottes heranreichen oder diesen sogar übertreffen?

Nun ja, kann sie:

3,3 Millionen verkaufte Exemplare in nur drei Tagen ist schon mal eine Hausnummer, mit der man protzen darf. Auf geldwerter Seite wurde ein Umsatz von 198 Millionen US-Dollar (knapp 169 Millionen Euro) erzielt. Und darin eingerechnet sind noch nicht mal die Verkäufe des "Limited Edition"-Bundles mit einer PS4 Pro, wie die Seite USA Today berichtet. Zum Vergleich: Der Film "Spider-Man - Homecoming" hat an seinem ersten Wochenende 117 Millionen US-Dollar eingespielt. Videospiel schlägt Blockbuster-Film - das will schon was heißen.

Die Krone für den Verkaufsrekord geht somit von God of War auf Spider-Man über. Kratos' neues Abenteuer hat sich innerhalb der ersten drei Tage stattliche 3,1 Millionen mal verkauft. Zuvor war der Rekordhalter Naughty Dogs Uncharted 4 - A Thief's End mit 2,7 Millionen verkauften Einheiten in den ersten sieben Tagen nach Erscheinen.

Wie konnte das passieren?

Nun ist der Erfolg von God of War wirklich herausragend. Nur ist halt der von Spider-Man noch etwas herausragender. So manch ein gestandener Gott mag sich nun vielleicht die Frage stellen, warum das so ist. Vor allem, weil zum Beispiel Presse- und User-Wertungen auf Metacritic darauf schließen lassen, dass das Verkaufsergebnis der beiden Spiele genau andersrum hätte ausfallen sollen:

Quelle: MetacriticQuelle: Metacritic

Quelle: MetacriticQuelle: Metacritic

Ich wage eine steile These: God of War lässt euch in die Rolle eines mächtigen Gottes schlüpfen, bietet opulente Kulissen, einen spannende Geschichte und jede Menge Action. Zudem hat die Serie auch viele Fans, die sich auf ein neues Abenteuer von Kratos gefreut haben.

Zu weiten Teilen trifft das auch auf Spider-Man zu. Ersetzt "Gott" mit "Superheld". Teil einer zusammenhängenden Spieleserie ist das neue Abenteuer jedoch nicht. Die bisherigen Videospiele mit der beliebten Comic-Figur waren auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Auch so gesehen sollte God of War eigentlich in Führung liegen.

Aber ... Spider-Man ist einer von uns.

Wie, Spider-Man ist einer von uns? Der Kerl hat übermenschliche Kräfte und läuft die Wände hoch! Ist der Schreiberling dieser Zeilen etwa von einer besoffenen Spinne gebissen worden?

Nun, das will ich nicht ausschließen. Dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung. Denn Kratos ist vordergründig, in erster Linie und fast so gut wie immer der God of War, der Kriegsgott, der sich ohne darüber nachzudenken einen Baum auf die Schulter schwingt, der anderen Göttern mit bloßen Händen den Kopf abreißt, der mit Titanen ringt und von der Hölle bis in den Olymp gereist ist. Wann wart ihr zuletzt ein Kriegsgott? Hm? Nie? O.K.

Kratos hat dazugelernt. So sehen die Kämpfe in God of War aus:

Spider-Man ist aber mindestens die Hälfte seines Daseins über kein Superheld, sondern Peter Parker. Der junge Mann, der ständig in Geldnöten ist, dessen Herz noch immer an seiner Ex-Freundin MJ hängt und der chronisch zu spät kommt. Ein Mensch, der hin und wieder einfach mal bewaffnet mit einem Becher Kaffee und einem Donut auf sein Handy schaut, gerne Pizza essen geht und einen Tag zu lange gewartet hat, seine Klamotten zu waschen.

Ein junger Mann, der seine Erinnerungen in Form von Andenken festhält, sich gerne an die Zeiten in seinem Leben zurückerinnert, als alles noch so viel leichter, so viel unbeschwerter war. Als sein Onkel Ben noch lebte, an den er sich immer noch mit großer Trauer erinnert. Zeiten, in denen er mit seinen beiden besten Freunden einen ganzen Tag lang dafür verschwenden konnte, die beste Pizza der Stadt zu suchen und letzten Endes nur einen Lappen verbrannten Teigs zu finden.

Oder eben kurz gesagt: Er ist einer von uns. Und es geht noch weiter.

Ein Nerd wie du und ich

Ich will nicht pauschalisieren und jeden unserer Leser in einem verbalen Rundumschlag als "Nerd" bezeichnen. Zumal jeder etwas anderes mit dieser Bezeichnung asoziiert. Die einen sehen darin eine Beleidigung, weil Nerds oft mit bleichen, lichtscheuen, pickeligen und entweder zu dürren oder zu dicken Menschen gleichgesetzt werden, die sozial gehemmt sind und sich in Fantasiewelten flüchten.

Andere wiederum - und dazu zähle ich mich selbst - sehen Nerds als Gruppe von Menschen, die sich für viele Aspekte der Pop-Kultur interessieren. Sich mit Comics, Filmen, Serien, Büchern und Spielen auseinandersetzen. Also solche, die jeden Witz in "The Big Bang Theory" verstehen, ohne danach googlen zu müssen. Leute wie ich tragen die Bezeichnung "Nerd" wie eine Ehrenmedaille.

Nebenberuflich Superheld, Hauptberuflich netter Typ von nebenan: Spider-Man ist wieder da.

Der Umstand, dass ihr gerade jetzt diese Zeilen lest, in denen es um fiktive Figuren aus Spielen und Comics geht, zeigt, dass ihr euch bis zu einem gewissen Grad dafür interessiert. Glaubt mir: das ist der popkulturell fixierte Nerd in euch. Und nach der obigen Erklärung wisst ihr auch, dass ich das durchaus als Kompliment meine.

Nun, ihr Nerds! Kommen wir wieder zu Spider-Man. Bevor ihn jener schicksalshafte Spinnenbiss mit Superkräften ausgestattet hat, war er ein bleicher Junge mit dicken Brillengläsern. Je nach Herkunftsgeschichte (Marvel ist da recht flexibel) ist er mal ein hochintelligenter angehender Wissenschaftler, mal ein Schüler, der sich gegen Bullies erwehren muss, immer jedoch ein Junge aus einfachen Verhältnissen, dem nichts geschenkt wird.

Er ist kein Tony Stark (Iron Man), der nicht zweimal überlegen muss, ob er lieber zwei oder drei Milliarden Dollar in neue Technik investiert. Er ist auch kein Kratos, der sich mit Göttervater Zeus anlegen muss, um seine Rache zu kriegen. Er ist wie wir jemand, der zusehen muss, genug Geld für die nächste Miete auf der hohen Kante zu haben. Und ist das nicht vielleicht der Grund, warum Spider-Man letzten Endes für mehr Resonanz bei den Spielern sorgt?

Um Himmels Willen, nichts gegen Kratos und seine geradezu epischen Abenteuer! Ich möchte sie auf keinen Fall missen. Bei Licht betrachtet finde ich sogar durchaus, dass God of War spielerisch mehr Tiefgang bietet als Spider-Man. Vielleicht sogar erzählerisch - das ist Geschmackssache. Gleichzeitig stelle ich aber auch fest, dass ich bereits wesentlich mehr Zeit mit Peter Parker verbracht habe als mit Kratos. Vermutlich, weil ich mich einfach mehr mit jemandem asoziieren kann, der in einer Welt, die der unseren ähnelt, um seine Existenz kämpft und den ganz normalen Überlebenskampf führt, wie wir anderen auch.

Und wenn er dann seine langweiligen Klamotten ablegt, sich in sein hautenges Kostüm zwängt und sich durch die Straßenschluchten von Manhattan schwingt, dann ist ein Teil von mir bei ihm und ich erlebe seine Abenteuer etwas hautnaher als die von Kratos. Vielleicht ging es auch den 3,3 Millionen Spielern Spielern so, die innerhalb von drei Tagen dafür gesorgt haben, dass Spider-Man einen wichtigen Verkaufsrekord gebrochen hat. Wer weiß?

(Oder aber ich sehe das alles schlicht und ergreifend nur deswegen so, weil Spider-Man in Spandex einfach die bessere Figur macht als ich.)

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