Test Mega Man 11: Alte Härte trifft auf neue Zugänglichkeit

von Thomas Nickel (01. Oktober 2018)

Mehr als acht Jahre ist es her, dass Mega Man sein letztes Abenteuer erlebte - damals noch in 8Bit-Pixelgrafik. Jetzt ist er wieder da - zweidimensional wie eh und je, aber dafür im neuen Polygongewand. Und noch ungewöhnlicher: Er kann jetzt auch richtig zugänglich sein!

Man hätte nicht mehr mit ihm gerechnet - nachdem Capcom alle Mega-Man-Entwicklungen mit dem Weggang von Entwickler-Legende Keiji Inafune 2010 einstellte, trat Mega Man bestenfalls noch in Klassiker-Neuauflagen, billigem Mobile-Murks und natürlich im famosen Super Smash Bros. für 3DS und Wii U auf. Die Zeit seiner knackschweren Solo-Abenteuer schien passé. Doch nachdem der genannte Keiji Inafune seinen eigenen Mega-Man-Konkurrenten Mighty No. 9 erschreckend spektakulär an die Wand fuhr, wollte es Capcom wohl doch nochmal wissen.

Oder hat doch der fiese Dr. Wily die Finger im Spiel? Immerhin will der es seinem alten Widersacher Dr. Light wieder mal so richtig zeigen. Er gräbt eine alte Erfindung, das Gear-System aus, programmiert damit eigentlich ganz nette Roboter um und geht mal wieder auf Konfrontationskurs - klar, dass Mega Man wieder in seinem blauen Kampfanzug schlüpft. Und da da Mega Man alleine gegen die Gear-verstärkten Gegner nicht ankommt, baut ihm sein Schöpfer Dr. Light selbst einen Prototypen des Systems ein - und damit hat Mega Man 11 schon sein ganz eigenes Gimmick. Dazu gleich mehr.

2,5D ... Olé!

Mega Man kam schon in vielen Formen daher - im pixeligen NES-Look, im detaillierten SNES-2D, in PSone-Zeichentrickoptik, im Geheimtipp Mega Man Legends erforschte er als polygonaler Held ausladende 3D-Szenarien und mit Mega Man 9 kehrte der blaue Wicht zum alten NES-Look zurecht - Kenner jubilierten, waren doch die NES-Episoden nicht nur Mega Mans kultigste, sondern auch die spielerisch rundesten Abenteuer.

Für sein neues Abenteuer versucht es Capcom jetzt wieder mit 3D-Grafik - das Spiel findet zwar klassisch auf zwei Ebenen statt, alle Hintergründe, Plattformen und Figuren bestehen aber aus Polygonen. Dieses Mal besteht jedoch kein Grund zur Sorge: Capcom ist es tatsächlich gelungen, Steuerung und Spielgefühl so schnell und direkt zu halten, wie man es aus den alten Episoden gewohnt ist. Dank klarem Design, sauberer Bildrate und direkt ansprechender Steuerung leidet das Spielgefühl im Gegensatz zu manch früherer Episode nicht unter der neuen Technik.

Gears of Mega

Für spielerisch frischen Wind sorgt das sogenannte Gear-, also Zahnrad-System. Per Schultertasten kann Mega Man damit zwischen zwei Hilfs-Modi wechseln. Bei einem wird jeder Schuss massiv verstärkt, auch Gegner mit besonders hohem Einsteckvermögen geben so nach wenigen Treffern klein bei. Der andere Modus ist noch nützlicher: Alles bewegt sich für kurze Zeit langsamer - zwar ist davon auch Mega Man selbst betroffen, aber lange nicht so extrem wie seine Umgebung. Dieser Modus ist ideal, um flinken Angriffen auszuweichen oder knifflige Sprungpassagen über bewegliche Blöcke zu meistern.

Über Mega Mans Kopf seht ihr die fast gefüllte Gear-Anzeige.Über Mega Mans Kopf seht ihr die fast gefüllte Gear-Anzeige.

Allerdings ist Vorsicht geboten, denn der Einsatz der mächtigen neuen Fähigkeiten ist nicht unbegrenzt möglich: Sobald eine aktiviert wird, füllt sich eine rote Leiste. Schaltet ihr den Modus rechtzeitig wieder aus, schrumpft sie relativ schnell wieder. Übertreibt ihr es dagegen, überhitzen die Gears und Mega Man muss geduldig warten, bis die Leiste sich langsam wieder komplett gelehrt hat. Bei biestigen Bosskämpfen kann das mitunter ein echtes Problem darstellen. Die neue Mechanik fügt sich überraschend gut in das erprobte Spielsystem von Mega Man ein und stellt einen echten Mehrwert dar. Bei geschicktem Einsatz verlieren auch sehr knifflige Passagen ihren Schrecken, ohne dass das Spiel seinen bei Fans beliebten, beinharten Schwierigkeitsgrad einbüßt.

Block, Bounce, Torch, Tundra...

Davon abgesehen bleibt alles ganz beim alten. Nach dem Vorspann wählt ihr aus, welchen der acht feindlichen Roboter ihr zuerst angehen wollt. Soll es der behäbige Block Man sein? Oder sein flinker Kollege Fuse Man? Der eiskalte Tundra Man? Oder doch einer der fünf anderen Bosse? Jeder wartet am Ende eines thematisch auf ihn abgestimmten Levels voller Gefahren und gelingt es euch, den jeweiligen Endgegner zu besiegen, dann steckt ihr seine Wumme ein und habt damit eine weitere Angriffsvariante in eurem Arsenal.

Die Stage von Tundra Man ist voller lebensgefährlicher Zacken.Die Stage von Tundra Man ist voller lebensgefährlicher Zacken.

Hier kommt Taktik ins Spiel: Nicht nur ist jeder Bossgegner gegen eine andere Waffe besonders allergisch, auch in den Levels selbst machen euch die neuen Wummen das Leben oft einfacher. Beispiel gefällig? In der Stage von Block Man wimmelt es nur so vor Gegnern in Rädern - diese könnt ihr immer nur in einem bestimmten Moment treffen. Doch mit der Waffe von Fuse Man erledigt ihr sie immer sofort! Habt ihr genügend Energie am Start, dann habt ihr so auf dem Weg zum dicken Brick Man gleich eine Sorge weniger. Kenner tüfteln sich nach kurzer Zeit eine ideale Reihenfolge aus, in der sie die Stages angehen.

Mega Man für Einsteiger

Bisher war Mega Man stets als knackige Serie für Kenner bekannt - und die kommen auch in der aktuellen Episode voll auf ihre Kosten, Bissspuren im Controller inklusive. Aber auch Einsteiger ohne jahrzehntelange Serienerfahrung und die Reflexe eines Zwölfjährigen auf Red Bull haben jetzt die Chance, das Ende des Spiels zu Gesicht zu bekommen. Neben dem schon erwähneten Gear-System hilft auch die großen Auswahl an Schwierigkeitsgraden: Wer auf dem niedrigsten spielt, der muss nicht mit begrenzten Leben haushalten und auch Stürze in die großzügig verteilten, bodenlosen Gruben sind jetzt nicht mehr fatal.

In den niedrigeren Schwierigkeitsgraden nehmt ihr unter anderem auch weniger Schaden.In den niedrigeren Schwierigkeitsgraden nehmt ihr unter anderem auch weniger Schaden.

Dann dürft ihr auch noch Dr. Lights Werkstatt aufsuchen. Dort bekommt ihr nicht nur nette Extras wie zusätzliche Energietanks oder Extraleben, vor allem gibt es auch permanente Verbesserungen zu kaufen. Und die haben es in sich. Schnelleres Aufladen des Gear-Systems oder die Möglichkeit, sich in Zeitplupe mit normaler Geschwindigkeit zu bewegen, sind mächtig. Vor allem aber die Fähigkeit, den mächtigen Mega Buster automatisch aufzuladen, wenn man gerade nicht feuert, hat es in sich: So wird fast jeder normale Schuss zum durchschlagenden Feuerball und der Schwierigkeitsgrad sinkt nochmal enorm. Profis überlegen sich gut, ob sie in solche mächtige Verbesserungen investieren.

Switch-Eindrücke von Mega Man 11:

Meinung von Thomas Nickel

Wenn Mega Man - gerade die klassische Serie ohne X, Legends oder Zero - einen neuen Grafikstil ausprobiert, ist immer erst einmal Skepsis angesagt. Der blaue Wicht funktioniert einfach am besten im klassischen 8Bit-Look. Doch dieses Mal hat es Capcom geschafft. Ja, Mega Man 11 fühlt sich etwas anders an, als die Vorgänger. Aber, und das ist das entscheidende, es fühlt sich richtig gut an. Alles spielt sich wunderbar flüssig, Schüsse und Treffer haben genau die richtige Wucht und dank der direkten Steuerung ist sofort klar, dass die Schuld für gegnerische Treffer nie am Spiel, sondern stets beim Spieler liegt.

Interessant ist vor allem die Flexibilität des neuen Abenteuers. Wer eine harte Herausforderung der alten Schule möchte, der kriegt immer noch sein Fett weg. Aber dank neuer Schwierigkeitsgrade, Hilfsfunktionen und Dr. Lights Laden werden hier auch Spieler vorankommen, die nicht weiland durch die gnadenlose 8Bit-Schule gegangen sind. Mega Man 11 ist so schwer oder so leicht, wie ihr es gerne hättet. Skeptisch war ich zunächst beim neuen Gear-System, auf den ersten Blick wirkte das wie eine Verschlimmbesserung oder eine unnötige Komplikation. Doch dem ist nicht so, gerade die Zeitlupenfunktion wird immer wieder clever eingesetzt und führt zu ein paar neuen, interessanten Taktiken und Spielsituationen.

Kritisieren muss ich allerdings die Bosskämpfe ein wenig. Durch die verschiedenen Phasen muss der Spieler eine ganze Menge Mechaniken und Bewegungsmuster erlernen, ein Sieg im ersten Anlauf ist meist nur mit exzessivem Energietank-Gebrauch möglich, kurze Phasen der Unverwundbarkeit nach einem Treffer verlangen alten Hasen erst einmal einiges an Umstellung ab. Andererseits ist der Sieg über einen harten Boss am Ende natürlich besonders befriedigend.

Dank all dieser Faktoren ist Mega Man 11 die zugänglichste Episode seit dem SNES-Meisterwerk Mega Man X. Egal ob erfahrener Profi oder Mega-Neuling, hier kommen alle Spielernaturen auf ihre Kosten. Vor allem ist es - gerade nach dem fiesen Scheitern von Mighty No. 9 - einfach schön, wieder ein richtiges Mega Man Abenteuer zu erleben. Gute Arbeit, Capcom! Und lasst uns das nächste Mal vielleicht nicht ganz so lange Warten, okay?

80

meint: Die Rückkehr von Mega Man ist rundum gelungen - trotz Polygongrafik bleibt das Abenteuer alten Qualitäten treu und holt auch Neulinge gekonnt ab.

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