Test Life is Strange 2: Wen das kalt lässt, der hat noch nie geweint

von Micky Auer (26. September 2018)

Mit Life is Strange 2 erhält das stille, emotionale und oft nostalgische Abenteuer von 2015 endlich eine richtige Fortsetzung. Entwickler Dontnod bemüht sich, nicht bloß eine spielerische Kopie mit anderen Inhalten zu füllen.

Das Universum rund um Life is Strange 2 ist ein seltsames: Auf den ersten Blick gleicht es der realen Welt in so gut wie jedem Aspekt. Jedoch existieren darin Menschen, die über übernatürliche Kräfte verfügen. Im ersten Teil konnte Hauptfigur Max die Zeit manipulieren, im neuen Teil scheinen telekinetische Kräfte eine wichtige Rolle zu spielen.

Woher diese Kräfte kommen, bleibt bislang völlig ungeklärt. Genetische Mutationen wie bei den X-Men? Kosmische Zufälle? Spirituelle Einwirkung? Göttliche Intervention? Es bleibt ein Mysterium. Die Entwickler folgen da der Philosophie des Horror- und Fantasy-Autors Stephen King: Dinge passieren, einfach ... weil sie passieren.

Tatsächlich drehen sich die Erzählungen beider Spiele mehr um die darin vorkommenden Personen, während die Superkräfte eher ein spielerisches Vehikel sind, mit deren Hilfe das Spiel gelöst werden kann.

Life is Strange 2: Eine emotionale Reise beginnt

Das ist ein Punkt, den Life is Strange 2 völlig auf den Kopf stellt. Denn ja: Superkräfte sind wieder vorhanden, jedoch scheinen sie einen gänzlich anderen Stellenwert einzunehmen. Das ist gleichzeitig ein gut genutzter Vorteil, aber auch ein gewisser Verlust in spielerischer Hinsicht. Zumindest in Episode 1.

Eine Geschichte voller Unfairness - OHNE Spoiler!

Life is Strange 2 legt mit der ersten Episode "Roads" seinen Fokus ganz klar darauf, in erster Linie eine Erzählung zu sein. Weit abgeschlagen auf Platz 2 liegt seine Existenz als Spiel. Dazu gleich mehr, jedoch soll erwähnt werden, dass quasi jede Information über die Geschichte einen Spoiler darstellt, schon allein wegen der Kürze der Episode (etwa zweieinhalb Stunden). Daher gibt es an dieser Stelle nur die grobe Rahmenhandlung.

Sean und Daniel: Ihr Leben wird komplett aus den Fugen gerissen.Sean und Daniel: Ihr Leben wird komplett aus den Fugen gerissen.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Brüder Sean (16) und Daniel (9), die gemeinsam mit ihrem Vater Esteban in Seattle, im Nordwesten der USA leben. Die Mutter hat die Familie verlassen, niemand spricht über sie, doch ansonsten scheint alles in Ordnung zu sein. Daniel erlebt eine schöne Kindheit, Sean steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und hat neben Schule und Nebenjob zunehmend Partys und ein ganz bestimmtes Mädchen im Kopf.

Dass alles so normal verlaufen kann, ist augenscheinlich dem Vater der Jungs zu verdanken: Esteban ist sympathisch, verständnisvoll, aufopfernd und ein ziemlich nerdiger Erwachsener, der auf Videospiele, Halloween, coole Musik, Science Fiction und Fantasy steht. Er ist seinen Söhnen Vater, Freund und Vorbild zugleich, schwärmt oft von Puerto Lobos, seiner Heimatstadt in Mexiko und arbeitet hart als Mechaniker, um seine Familie zu erhalten.

Das Idyll zerbricht innerhalb einer Sekunde, als eine Kette von scheinbar unzusammenhängenden und mehr oder weniger harmlosen Ereignissen zu einem tragischen Ergebnis führt. Esteban stirbt durch die Kugel eines Polizisten, gleich darauf ereignet sich eine mysteriöse Explosion, die jenen Polizisten tötet. Sean schnappt sich Daniel und ergreift die Flucht.

Niemand kann von einem 16-Jährigen erwarten, von jetzt auf gleich nur stark zu sein. Sean wird von seiner Trauer übermannt.Niemand kann von einem 16-Jährigen erwarten, von jetzt auf gleich nur stark zu sein. Sean wird von seiner Trauer übermannt.

Ab hier beginnt ein Road Movie, in dem Sean von einem Moment auf den anderen die Rolle des Erwachsenen übernehmen muss und die Verantwortung für seinen kleinen Bruder trägt. Gemeinsam versuchen sie, sich an der US-Westküste entlang nach Mexiko durchzuschlagen, denn Sean sieht keine Chance, den tragischen Vorfall schlüssig zu erklären. Vor allem nicht die Explosion, die ein weiteres Todesopfer forderte. Auch sieht er sich nicht in der Lage, seinem Bruder Daniel zu erklären, was geschehen ist, denn dem fehlt jegliche Erinnerung an den Vorfall. So auch der Umstand, dass sein Vater tot ist.

Sehr wenig Spiel, sehr viel von allem anderen

Bereits der Vorgänger von Life is Strange 2 war spielerisch etwas dünn. Der neue Teil bietet dahingehend sogar noch weniger Substanz. Genau wie zuvor sucht ihr - diesmal in der Rolle von Sean, dem älteren Bruder - eure unmittelbare Umgebung nach Gegenständen ab, mit denen ihr interagieren könnt. Das wird durch eingeblendete Schrift und Kommandos angezeigt, sobald ihr einem solchen Objekt näher kommt.

Life is Strange 2 bietet viele stille Momente, die wie eine Zuflucht in all dem grausamen Chaos der Geschichte wirken.Life is Strange 2 bietet viele stille Momente, die wie eine Zuflucht in all dem grausamen Chaos der Geschichte wirken.

Vieles davon sind nur simple Gegenstände, deren Zweck es ist, mit ein paar kurzen Sätzen an eine Erinnerung der Hauptfigur anzuknüpfen. Dadurch entstehen erzählerische Hintergründe, die durch ihre scheinbare Nebensächlichkeit umso authentischer wirken und mit der Zeit ein Gesamtbild ergeben.

Andere wiederum sind Dinge, die ihr braucht, um die Geschichte voranzutreiben. Manchmal sollt ihr bestimmte Gegenstände sammeln, manchmal etwas ein- oder ausschalten, absichtlich umwerfen oder ähnliches. Falsch machen, im Sinne von: ein "Game Over" herbeiführen, könnt ihr dabei nichts. Euer Handeln hat Konsequenzen, jedoch enden die in Episode 1 nie mit einem verfrühten Spielende.

Tatsächlich sind diese Aktionen selten und völlig linear eingestreut. Meist geht es darum, aus einer vorgegebenen Auswahl von Möglichkeiten die eine zu wählen, die euch weiterbringt. Wählt ihr falsch, versucht ihr es einfach so lange, bis es klappt. Aus spielerischer Sicht ist das schon beinahe kein Spiel mehr, denn ebenso gut könntet ihr theoretisch auch auf einen "Weiter"-Button klicken.

Während die übernatürlichen Kräfte von Max im ersten Teil ein integraler Teil der Spielmechanik waren, mit deren Hilfe ihr einfache Logik-Rätsel lösen konntet, so sind die telekinetischen Kräfte im neuen Teil in Hinblick auf ihren Einsatz im Spiel gänzlich anderer Natur.

Sean ist ein begabter Zeichner. Er verarbeitet seine Emotionen im Spiel durch die bildnerische Erfassung wichtiger Momente.Sean ist ein begabter Zeichner. Er verarbeitet seine Emotionen im Spiel durch die bildnerische Erfassung wichtiger Momente.

Für das Geschehen selbst sind sie von großer Wichtigkeit, denn sie sind mit einer der Gründe, warum die beiden Brüder überhaupt auf der Straße sind. Ihr als Spieler habt jedoch absolut keine Kontrolle darüber. Es gibt keine interaktive Verwertung. Dafür liegt wiederum mehr Gewicht auf den Entscheidungen, die ihr im Spiel trefft.

Seans verhalten, das ihr direkt beeinflusst, hat wiederum Auswirkungen auf das Verhalten von Daniel. Der kleine Bruder hat nur noch eine Bezugsperson, nämlich seinen großen Bruder. Je nachdem, wie der sich verhält, soll das auch Auswirkungen auf Daniels Verhalten haben. Solche Entscheidungen fällt ihr in Episode 1 mehrfach, jedoch gibt es noch so gut wie keine Konsequenzen zu beobachten. Ob und wie dieses wichtige Element in zukünftigen Episoden behandelt wird, bleibt also abzuwarten.

"Nachts zu reisen ist voller Mysterien"

Was Life is Strange 2 in spielerischer Hinsicht vermissen lässt, legt es in Bezug auf Atmosphäre, Emotion und Dramaturgie drauf. Wie bereits erwähnt ähnelt die Geschichte einem typischen Road Movie. Ein Abenteuer auf und um die Straßen eines großen Landes, meist mit bittersüßem oder tragischem Hintergrund. Die Bilder sind ruhig, aber kraftvoll, die Musikauswahl bildet die Straße für den emotionalen Teil der Reise zweier Kinder, die plötzlich vor dem Nichts stehen und in den Schatten bleiben müssen.

Hilfe kommt oft aus unerwarteter Richtung, wie in Form des Freigeistes Brody.Hilfe kommt oft aus unerwarteter Richtung, wie in Form des Freigeistes Brody.

Dabei fackelt das Spiel auch nicht lange. Während der Vorgänger langsam (manchmal zu langsam) seinen Aufbau vollzieht, wirft euch die Episode "Roads" nach kurzer Zeit in den Abgrund. Mit der schönen, herbstlichen Atmosphäre zu Beginn des Spiels, den nebensächlichen Gesprächen und den Vorbereitungen zu einem Vielleicht-Date, das für einen Teenager der Mittelpunkt des Universums ist, wird eine Normalität aufgebaut, die sich einen Moment später als grausame Fallhöhe herausstellt.

Die Charaktere sind glaubhaft, sympathisch und weitestgehend authentisch dargestellt, die Dialoge wirken natürlich. Wichtig dabei ist der Umstand, dass es keine deutsche Sprachausgabe gibt, lediglich Untertitel. Das gesprochene Wort im Spiel bleibt auf Englisch, und das ist vermutlich auch gut so. Denn die Sprecher leisten hervorragende Arbeit und vermitteln ihre mitunter aufgewühlte Gefühlswelt sehr intensiv. Die oft viel zu aufgesetzt und lieblos wirkenden deutschen Synchronisationen in Spielen hätten diesen wichtigen Punkt vermutlich zunichte gemacht.

Ein immer wiederkehrendes Motiv im Spiel sind die "lobos", die Wölfe. Ziel der Reise ist ein Ort namens Puerto Lobos - der Hafen der Wölfe. Ladebildschirme zeigen einen großen und einen kleinen Wolf, die in der rechten unteren Ecke des Bildschirms einfach nur laufen - auf etwas zu oder von etwas weg, vermutlich beides. Sean und Daniel sitzen im Wald und heulen wie die Wölfe den Mond an. Und wenn der große Bruder, dem kleinen Bruder, der an seine Schulter gelehnt dasitzt und die Welt nicht mehr versteht, eine Geschichte erzählt, in der der Vater von zwei Wölfen von Jägern erschossen wird und seine Kinder im großen Wald ein neues Zuhause finden müssen, ist es schwer, die Tränen zu unterdrücken.

Life is Strange 2 geht weg vom Teenie-Drama des ersten Teils und erzählt eine so grausame, traurige und starke Geschichte, wie sie selten zuvor in einem interkativen Medium vermittelt wurde. Schon mit der ersten Episode übertrifft das Spiel in erzählerischer Hinsicht seinen Vorgänger um Längen, das Schicksal der beiden Brüder wird vermutlich nur wenige kalt lassen. Außerdem - und das soll nicht unerwähnt bleiben - nehmen die Entwickler direkten Bezug auf die aktuelle politische Lage in den USA. Rassismus, die Angst von nicht weißen Menschen gegenüber Polizisten und der Unmut vor allem der jungen, aufgeschlossenen Bevölkerung gegenüber der amtierenden Administration wird thematisiert und direkt mit der Motivation der Protagonisten verknüpft.

Technisch nichts Neues

Publisher Square Enix verspricht im Rahmen einer Pressemitteilung "Verbesserte Grafik – das Spiel behält den malerischen Design-Stil seiner Vorgänger bei, sieht dank Unreal Engine 4 aber moderner und noch schöner aus." Das stimmt zum Teil. Denn der Stil ist unverkennbar der, den ihr aus dem ersten Teil kennt. Allerdings lässt sich kaum sagen, dass die Grafik verbessert wurde. Das ist aber auch nicht nötig.

Die melancholische Stimmmung des Spiels wird in jeder Szene durch herbstliche Farben und Licht vermittelt.Die melancholische Stimmmung des Spiels wird in jeder Szene durch herbstliche Farben und Licht vermittelt.

Life is Strange 2 lebt von Stimmungen, nicht von Grafik-Bombast. Szenen, in denen einfach nur gezeigt wird, wie Sonnenlicht durch Äste fällt, wie der Mond über dem Meer leuchtet oder welche Farben eine Stadt an einem Nachmittag im Herbst annimmt, ergänzen sich perfekt mit der Geschichte. Es ist die Gestaltung, nicht die Technik, die hier die Pluspunkte kassiert.

Tatsächlich gibt es nach Szenenwechseln sogar hin und wieder holprige Stellen, wenn zum Beispiel der Schattenwurf erst eine Sekunde später nachlädt oder eine Textur erst nach und nach an Schärfe zunimmt. Das Umgebungs-Interface ist gefühlt besser als zuvor. Die Interaktionsmöglichkeiten sind minimal leichter zugänglich. Allerdings kommt es (höchst selten) zu Problemen, wenn zwei oder mehr Möglichkeiten zu nahe beieinander liegen. Um dann eine bestimmte Aktion auszuwählen, müsst ihr mit Sean einen regelrechten Tanz aufführen, um die richtige Position einzunehmen. Beides ist aber - und das sei betont - nicht spielbeeinflussend, sondern höchstens etwas nervig.

Meinung von Micky Auer

Was ich erwartet habe, war tatsächlich nichts anderes als das erste Life is Strange mit neuen Charakteren, neuem Hintergrund und neuer Superkraft. Was ich gespielt habe, war ein unglaublich emotionaler und erschreckend authentischer Road Trip, der mich mehrfach mit den Tränen hat kämpfen lassen. Ein- oder zweimal habe ich diesen Kampf verloren.

Life is Strange 2 ist in Bezug auf den Inhalt ein ganz anderes Kaliber als sein Vorgänger. Zwar mochte ich die Abenteuer von Max und Chloe, doch scheinen sie mir im Angesicht des Schicksals von Sean und Daniel wie eine müde Teenie-Tragödie.

Dafür hat das Gefüge aber spielerisch abgebaut. In Episode 1 könntet ihr ebenso gut die selbstlaufenden Sequenzen nacheinenander anschauen, die Interaktion mit der Spielwelt beschränkt sich auf generische Handlungen. Das ist zwar im Angesicht der starken Erzählung verschmerzbar, jedoch hoffe ich, dass die nächsten Episoden dahingehend zulegen. Denn auf Dauer will man als Spieler auch was Sinnvolles zu tun haben und nicht zum reinen Betrachter avancieren.

Unterm Strich bleibt für mich eine packende Geschichte, die mir die Protagonisten schnell ans Herz wachsen lässt. Es dauerte nicht lange und ich saß mit der Hand vor dem Mund und weit aufgerissenen Augen vor dem Bildschirm, während ich still "Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!" im Geiste wiederholte. Die einschneidenden Geschehnisse ereignen sich ohne große Vorwarnung und erwischen euch vermutlich genau so kalt wie mich.

All das wird mit einer stark politischen Note präsentiert. Das Schicksal zweier Jungen mexikanischer Abstammung ist ein gänzlich anderes als das zweier weißer Kinder. Das spiegelt sich in jedem Aspekt ihrer Flucht wieder. Dontnod hat es sich nicht nehmen lassen, Kritik an der Politik der aktuellen US-Regierung zu nehmen. Das zeigt sich in Textnachrichten auf Seans Handy, im unverhohlenen, gewalttätigen Rassismus einer Figur im Spiel, die jedem nicht weißen Menschen automatisch attestiert, ein Verbrecher zu sein und vielen weiteren kleinen und großen Referenzen, die sich mit der Erzählung verknüpfen. Dieser Mut der Entwickler verdient zusätzliches Lob.

83

meint: Starke und äußerst emotionale Erzählung in einem recht dünnen spielerischen Kontext. Die Geschichte ist es auf jeden Fall wert, erlebt zu werden.

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Tags: Episoden  

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