Dieser eine Moment: Life is Strange 2 - das hätte ich sein können

(Kolumne)

von Micky Auer (27. September 2018)

Gestern habe ich meinen Test zu Life is Strange 2 veröffentlicht. Als ich angefangen habe zu spielen, ahnte ich in keiner Weise, wie sehr mich das Geschehen mitnehmen würde. Denn ich hätte im echten Leben aufgrund ähnlicher Voraussetzungen wie im Spiel ein ähnliches Schicksal erleiden können. Das Spiel hat mir diese Realität in aller Härte vermittelt.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >Diesen einen Moment!< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Hier geht's zum Test: Life is Strange 2 - Wen das kalt lässt, der hat noch nie geweint

SPOILER-WARNUNG: In dieser Kolumne wird auf spezifische Ereignisse im Spiel eingegangen. Wenn ihr darüber nichts wissen wollt, solltet ihr ab hier aufhören zu lesen.

Ein älterer Mann packt den Teenager unsanft an, bedroht ihn, hält ihn fest. Als dieser versucht zu fliehen, schlägt er ihn nieder, schleppt ihn in ein Haus, fesselt ihn an ein Heizungsrohr.

Es ist nicht die erste Szene, die mich in Life is Strange 2 tief im meinem Inneren trifft, aber es ist die erste, die mir so richtig vor Augen führt, wie es sich anfühlt, mit unverhohlenem Rassismus konfrontiert zu werden. Zur Erklärung:

Sean, die 16-jährige Hauptfigur der Geschichte, wird an einer Tankstelle in den Wäldern des US-Bundesstaates Washington von einem weißen, älteren Mann angegriffen. Der will keine Erklärung, keine Rechtfertigung, kein gar nichts. Er will einfach nur hassen. Warum? Sean ist mexikanischer Abstammung, verfügt daher über dunkle Haare und Augen sowie einen etwas dunkleren Hautton.

Sean wird wird im Spiel von einem Rassisten angegriffen.Sean wird wird im Spiel von einem Rassisten angegriffen.

Für seinen Angreifer reicht das als Grund, ihn als Verbrecher zu betrachten. Denn "wenn Mexiko seine Leute schickt, schickt es nicht seine besten ... Sie schicken Leute, die eine Menge Probleme haben, und sie bringen die Probleme zu uns. Sie bringen Drogen. Sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger. Und manche, nehme ich an, sind gute Leute." - Donald J. Trump, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Life is Strange 2 scheut sich nicht, den durch solche Rhetorik von höchster Stelle ermutigten latenten Rassismus darzustellen. Den lange Zeit verborgenen, aber stets vorhandenen Hass, die grundlose Xenophobie, die Ablehnung von allem, was nicht so aussieht wie das Bild im Spiegel. Oft gepaart mit dem Irrglauben, Menschen anderer Herkunft in jeder Hinsicht überlegen zu sein, wird - in diesem Fall - ein Junge lateinamerikanischer Abstammung zum Menschen letzter Klasse degradiert, der nur eines im Sinn haben kann: Verbrechen zu begehen. Ihn zu schlagen, festzuhalten, der Polizei zu übergeben, das kann ja gar nicht falsch sein, oder?

So viel zu den bekannten Verhaltensmustern von Rassisten. Aber was hat das alles mit mir, dem Autor dieser Zeilen zu tun? Nun, Sean aus dem Spiel und ich haben eine Gemeinsamkeit: Wir beide haben einen mexikanischen Vater. Und auch mein Vater lebt in den USA. Allerdings erfreut er sich bester Gesundheit. Seans Vater hingegen stirbt durch die Kugel eines Polizisten. Dieses Szenario ruft in mir Angst hervor. Schon wieder. Denn auch mein Vater hat oftmals die Breitseite des Rassismus abgekriegt, so wie auch ich mein ganzes Leben lang. Zwar etwas subtiler, aber immer und immer wieder.

"Du bist der Grund warum wir diese Mauer brauchen!"

Mein Vater kam in Texas zur Welt, ging dort zur Schule, diente in der US Army, war in Vietnam stationiert und arbeitete bis zu seiner Pensionierung vor ein paar Jahren als Arzt. Selbst danach hat er noch im örtlichen Krankenhaus in der Notaufnahme unendgeltlich ausgeholfen, hat dort Verletzungen geheilt, Wunden versorgt und nicht selten Leben gerettet.

Die Brüder Diaz auf der Flucht vor dem Gesetz. Sean, der Ältere, hat Angst, dass man zwei Latino-Jungs nicht glauben würde.Die Brüder Diaz auf der Flucht vor dem Gesetz. Sean, der Ältere, hat Angst, dass man zwei Latino-Jungs nicht glauben würde.

Wenn ihr im Spiel den Chat-Verlauf auf Seans Handy aufmerksam durchlest, findet ihr eine Konversation, die auf die große Fernsehdebatte zwischen den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Hillary Clinton Bezug nimmt. Seans beste Freundin äußert im Chat ihre Sorge darüber, dass "er" gewinnen könnte.

Nach einer dieser Fernsehdebatten flog bei meinem Vater nachts ein Stein durchs Fenster. Daran klebte ein Zettel mit der Aufschrift: "Trump wird dir schon zeigen wo du hingehörst, du dreckige Azteken-FXXze!" Steuerzahler? Soldat? Lebensretter? Alles nebensächlich im Angesicht seiner Hautfarbe. Gut, solche Dinge würden meinen Vater ein müdes Lächeln kosten, würde er sich nicht um die Sicherheit seiner Frau sorgen. Einer Amerikanerin norwegischer Abstammung, übrigens. Auch sie musste sich schon hinter vorgehaltener Hand anhören, warum sie ausgerechnet "so einen" heiraten musste, wo sie doch eine so schöne Frau ist. Mexikaner verdienen nämlich keine schönen Frauen. Sie sind Vergewaltiger. Bloß nicht vergessen.

So beschloss er, einfach alles liegen und stehen zu lassen und in eine Gegend zu ziehen, in der es niemanden schert, wer woher kommt und wie er aussieht. Auch so etwas gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sean hingegen erlebt die andere Seite, als besagter Rassist ihm klipp und klar vermittelt: "Du bist der Grund warum wir diese Mauer brauchen!" - Gemeint ist die geplante Mauer an der Grenze zu Mexiko, die illegale Einwanderer abhalten soll. Eines der größten Wahlkampfversprechen von Trump. Ein Versprechen, das ihm viele Stimmen eingebracht hat.

Noch viel zu wache Erinnerungen

Als in der Einleitung von Life is Strange 2 Esteban Diaz, der Vater von Sean (und seinem Bruder Daniel) von einem Polizisten völlig grundlos niedergeschossen wird, konnte ich die Tränen nicht mehr unterdrücken. Anstelle von Sean sah ich mich selbst dort auf dem Rasen liegen, die Hände hinter dem Kopf, während mein eigener Vater versucht, den vermeintlichen Konflikt zu lösen. Anstelle von Esteban sehe ich meinen Vater, der vor meinen Augen getötet wird.

Auch Mafia 3 setzt sich mit dem Thema Rassismus auseinander:

Als ich im Spiel den nervösen Polizisten sehe, der mit gezogener Waffe da steht, taucht in meiner Erinnerung die Ermordung von Philando Castile auf. Der Mann wurde vor den Augen seiner Partnerin und deren vierjähriger Tochter im Zuge einer Verkehrskontrolle aus nächster Nähe von sieben Schüssen aus der Waffe eines Polizisten niedergestreckt. Warum? Er hat dem Polizisten mitgeteilt, dass er eine Waffe im Auto hat. Registriert, zugelassen, nicht illegal. Sein korrektes Verhalten hat sein Leben nicht geschützt. Der Polizist verliert die Nerven und drückte sieben Mal aus einer Entfernung von etwa einem Meter ab. Der Umstand, dass Philando Castile Afroamerikaner war, hat angeblich nichts mit dieser Tat zu tun.

Mit all diesen Informationen und Vorstellungen im Kopf wurde es mir an dieser Stelle kurzzeitig zu viel und ich musste das Spiel pausieren. Wäre ich bei meinem Vater aufgewachsen, hätte ich Sean sein können. Wäre ich jetzt in den USA, könnte ich in meinem aktuellen Alter Esteban sein. Zu weit hergeholt ist dieses Szenario leider nicht.

Und da war er dann, dieser eine Moment, der so viele verborgene Erinnerungen in mir wachgerüttelt hat. Dinge, die ich - genau wie mein Vater - einfach weggelächelt habe. Dinge, über die ich mich erhaben fühlte. Ich bin etwas angriffslustiger als er, so habe ich - wenn es mir gereicht hat - schon mal jemanden aufgrund seiner dämliche Äußerungen konfrontiert. Bekehrt habe ich vermutlich niemanden.

Stellt euch bitte mal folgende Situation vor: Ein 19-Jähriger wird nach einem Unfall ins Krankenhaus eingeliefert. Der Arzt in der Notaufnahme plärrt quer durch den Raum, während er mit dem Finger auf den Patienten zeigt: "SPRICHT DER ÜBERHAUPT DEUTSCH?" Der Pfleger, der den Patienten in den Raum gebracht hat antwortet laut und deutlich mit: "Besser als du, du Trottel."

Der 19-Jährige war ich, mit dem Pfleger habe ich heute noch Kontakt. Ein Einzelfall? Mitnichten. Seit meiner Kindheit erlebe ich so etwas andauernd. "Der Kleine ist aber nicht von hier, oder?", "Sprechen Sie meine Sprache?", "Hast du dich verlaufen? Zur Grenze geht's da lang.", "Meine Eltern wollen nicht, dass ich mich mit dir treffe." Oder zu meiner Mutter: "Sie waren sicher im Urlaub in der Türkei, oder?" Auf die Frage, wie die Fragestellerin darauf kommt, nickt diese nur in meine Richtung.

Manche dieser Szenen habe ich nicht verstanden. Als Kind war mir das Konzept "Rassismus" nicht geläufig, als Jugendlicher war ich verletzt, als Erwachsener habe ich mich gewehrt, doch bin ich auch gleichzeitig abgestumpft. Es hat ein Videospiel gebraucht, um mir zu zeigen, dass das alles nicht normal ist, nicht in Ordnung. Und ich hoffe sehr, dass alle, die es spielen, die richtige Lehre daraus ziehen und ins echte Leben übertragen. Es gibt keinen Platz für Rassismus. Nirgendwo.

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Tags: Dieser eine Moment  

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