Dieser eine Moment: Was willst du sein, frei oder gehorsam?

(Kolumne)

von Stephanie Schulze (07. Oktober 2018)

Die perfekte Haut. Eine Blume, die nie verwelkt. Grund genug, neidisch auf die weiblichen Anroiden in Detroit - Become Human zu sein habe ich allemal. Bloß blöd, wenn die eigentlich gefühllosen Roboter einem ans Herz wachsen. Über ein Spiel, dass mich mal eben meine komplette Grundeinstellung zur Roboter-Thematik überdenken ließ.

Eine Warnung vorweg:

Ohne Spoiler geht es leider nicht! Wer vorhat, das Spiel zu zocken, sollte besser nicht weiterlesen. Außerdem beeinflusst der Spieler in Detroit - Become Human mit seinen Entscheidungen den Story-Verlauf, daher wundert euch nicht, wenn die von mir beschriebenen Handlungen nicht mit euren Erlebnissen übereinstimmen.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Roboter - das waren für mich immer diese süßen, kleinen metallenen Gebilde, die mit großen viereckigen Augen und höchstens 5 km/h durch die Gegend kurvten. Als ich ein kleines Kind war, war die Vorstellung für mich beeindruckend, dass uns Roboter eines Tages mal im Alltag unterstützen könnten. Dabei dachte ich jedoch viel mehr an putzige, kleine Haushaltshelfer als an menschenähnliche Kreaturen, die mir sämtliche Arbeiten abnehmen.

Das Thema Roboter im Alltag ist natürlich nicht neu. Um genau zu sein, sind sie wichtige Unterstützer als Bombenentschärfer oder beim Automobilbau geworden. Und nicht wenige Menschen haben einen kleinen Bodenstaubsauger, also einen Mini-Roboter, bei sich zu Hause.

Die Androiden aus Detroit:

Was für mich dieses Thema aber greifbarer als je zuvor macht, ist das Spiel Detroit - Become Human. Zum einen bin ich unglaublich beeindruckt von der Grafik. Allein auf dem Startbildschirm starre ich minutenlang auf den weiblichen Androiden, der mich willkommen heißt. Zum anderen rührt das Spiel ein Thema an, das im Alltag längst vergessen wurde. Was passiert, wenn Androiden in fast allen Bereichen die Arbeit übernehmen? Kann man Androiden wie Maschinen behandeln, wenn sie selbst sich wie Menschen verhalten, wie solche aussehen, wie solche sprechen und - und hier kommen Künstliche Intelligenzen ins Spiel - ihre eigenen Entcheidungen treffen?

Androiden- Lifestyle

Die Entscheidungen, die die Androiden im Spiel treffen, haben weitrechende Konsequenzen.Die Entscheidungen, die die Androiden im Spiel treffen, haben weitrechende Konsequenzen.

In Detroit - Become Human dreht es sich um menschenähnliche Roboter, kurz gesagt: Androiden. Diese übernehmen tägliche Arbeitsaufgaben. Ob im Straßenbau, im Büro oder im Haushalt, die einfachsten Androiden sind sogar schon für 899 Dollar zu erhalten. Wie eine Ware werden die Androiden im Schaufenster angepriesen und sind somit für jeden Menschen greifbar.

Die Androiden sind auf Gehorsam programmiert. Misshandlung dieser scheinbar leblosen Kreaturen ist somit an der Tagesordnung. Die Androiden werden geschlagen oder für sexuelle Handlungen verwendet, dafür gibt es sogar spezielle Bordelle. Besonders schlimm finde ich, dass sogar das ideale Kind gekauft werden kann. Ein Kind, programmiert auf Gehorsam klingt im ersten Moment zwar wie eine wahnsinnige Erleichterung, ist bei genauerer Betrachtung aber einfach nur erschreckend. Es gehört dazu, dass man als Mensch genervt ist, wenn ein Kind schreit oder unvernünftig reagiert. Das ist nun mal ein Teil unseres Reifungsprozesses, den wir als Menschen von Kindheit an durchmachen.

Ein Leben ohne Emotion

Doch was ist, wenn Roboter Gefühle entwickeln und ihre Handlungen in Frage stellen? Liebe, Freundschaft, Hass, Trauer? Zu Beginn des Spieles steuere ich die Androiden lediglich. Connor, Markus und Kara führen ihre Befehle aus. Connor hilft bei der Polizei, Kara im Haushalt, Markus kümmert sich um einen alten Mann. Jedoch wendet sich das Blatt für alle drei Charaktere sehr schnell.

Kara kann es irgendwann nicht mehr ertragen, Zeugin davon zu sein, wie das Mädchen Alice von ihrem eigenen Vater misshandelt wird und wird zum Abweichler. Als Abweichler bezeichnet man diejenigen Androiden, die nicht mehr den Befehlen des Menschen gehorchen. Markus setzt sich mit dem gewalttätigen Verhalten des eifersüchtigen Sohnes seines Hausherren auseinander. Und Connor muss sich der Abneigung seines menschlichen Arbeitspartners Hank stellen.

All diese kleinen Momente führen mich bis zu diesem einen Moment, einem speziellen Moment, der sich mir eingebrannt hat. Während ich zahlreiche Entscheidungen treffe, die ich übrigens schon nach wenigen Sekunden wieder bereue, kommt irgendwann das Aufeinandertreffen der drei Hauptcharaktere, die ich bislang nur getrennt voneinander gesteuert habe. Als Connor habe ich die Menschen unterstützt und bin gegen die Abweichler vorgegangen. Bis ich Markus, dem Anführer der Androiden gegenüberstehe. Mit einer Waffe.

Ein Schuss und Schluss

Das schlimmste an diesem Moment ist, dass man mit sich selber spricht. Zum einen steuere ich, was Markus mir als Connor sagt, zum anderen bin ich Connor, der Markus gegenübersteht. Unterstütze ich als Connor die Menschen, welche sich von den Androiden bedroht fühlen, oder schlage ich mich auf die Seite der Androiden, die schamlos ausgenutzt werden?

Androiden im Schaufenster: Nicht mehr als eine Ware.Androiden im Schaufenster: Nicht mehr als eine Ware.

Der Moment, in dem ich entscheide ob ich Markus erschieße oder nicht, ist mein Aufwach-Moment. Ich entscheide mich es nicht zu tun, weil Markus mir viel zu sympathisch geworden ist. Und weil ich Mitleid habe. Connor senkt die Waffe und ich lasse ihn eine innere Wand durchbrechen. Er wird zum Abweichler.

Für mich ist diese Situation einer der Höhepunkte von Detroit - Become Human. Das gesamte Gameplay ist von Entscheidungen geprägt, die meine Charaktere leben oder sterben lassen. Doch noch nie zuvor ist mir die Auswirkung so sehr bewusst gewesen wie in diesem Moment.

Die Menschen erschießen in Detroit gnadenlos die Androiden, selbst als diese sie anflehen, sie doch zu verschonen. Die Leute fühlen sich bedroht von einer Rasse, die sie selbst erschaffen haben und die ihnen bedingungslos gehorchen sollte. Detroit - Become Human hat mich mit dieser Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen die Androiden behandeln, sehr wütend gemacht. Sie geben ihnen Namen und lassen sie sie rund um die Uhr begleiten, doch sobald sie nicht mehr benötigt werden, werden sie abgeschaltet. Ich habe Mitleid mit einer Maschine, und das, obwohl Connor doch eigentlich nur aus Algorithmen und Pixeln besteht.

Wenn ein digitales Spiel solche Gefühlsstürme vermitteln und in mir auslösen kann, stellt sich die Frage, ob in der Zukunft vielleicht auch Maschinene in der Lage sind, Emotionen auszudrücken, Gefühle zu zeigen und aufgrund ihrer lernenden Intelligenz vielleicht Gefühle entwickeln können. Ich finde dieses Szenario nicht unwahrscheinlich.

Androiden als bessere Menschen

Androiden lernen ihre Programmierung und in Folge ihre neu gewonnenen Gefühle in Frage zu stellen. In Detroit verweigern sie ihre Befehle und sind bereit, die Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. Die Androiden zeigen meiner Ansicht nach menschlichere Züge als es heutzutage in der Realität oft bei Menschen vorkommt. Anstelle stumpf durch den Alltag zu laufen fangen sie an, frei für ihre Rechte und Meinungen zu kämpfen. Sie sind eine Gemeinschaft, die sich gegen Ungerechtigkeit stellt.

Androiden fordern, frei zu sein:

Das ist einer der Gründe, warum ich bei Connors Entscheidung erst eine kurze Pause einlegen musste. Es ist natürlich im ersten Moment verlockend, die Verantwortung abgeben zu müssen und lediglich Befehle auszuführen. Aber so einfach ist das Leben nunmal nicht. Detroit - Become Human hat mir gezeigt, dass man zu seinen Entscheidungen stehen muss. Ich habe stets versucht, es allen recht zu machen, indem ich das geringste Übel wähle.

Leider lässt mir das Spiel dazu nicht viele Möglichkeiten. Krieg oder Diplomatie, weitere Zwischenstufen stehen mir nicht zur Verfügung. Ich denke, es ist bezeichnend, dass ich mich in Detroit gegen die Menschen stelle und für die Androiden entscheide. Ich habe versucht, die friedliche Variante zu gehen. Doch das Spiel setzt sich auch mit dem Konstrukt "Fake News" auseinander. Selbst wenn ich keine Menschen verletze, streuen die Magazine das Grücht, die Androiden sind gewalttätig vorgegangen. Somit bin ich mittlerweile der Ansicht, dass man für seine Überzeugung kämpfen muss.

Eine Entscheidung, unzählige Konsequenzen

In dem Spiel habe ich viele Charaktere durch meine Entscheidungen verloren. Es ist nicht einfach, dazu zu stehen, vor allem weil ich unter Druck gehandelt habe. Ich glaube nicht, dass ich das Thema "Roboter in unserem Alltag" weiter ignorieren werde. Zuvor las ich nur mit geringfügigem Interesse über Berichte von menschenähnlichen Robotern, die schon heute in Banken eingesetzt werden. Doch damit ist nun Schluss.

Zwar kann ich in gewisser Weise den Einsatz von Robotern unterstützen, vor allem bei lebensbedrohlichen Arbeiten wie Bombenentschärfung. Doch muss ein Roboter wirklich menschenähnlich sein und uns alle Arbeiten im Alltag abnehmen?

Ich glaube nicht, dass das Leben in Zukunft ohne Roboter überhaupt vorstellbar ist. Dafür ist unsere Technologie schon zu weit fortgeschritten. Ich glaube aber, dass man nicht leichtfertig neue Maschinen erbauen sollte, die uns Menschen bei jeglicher Alltagsaufgabe ersetzen oder sogar besser sein sollen. Hey, wir sind schon 7,5 Milliarden kreative Köpfe auf unserem Planeten!

Detroit hat in mir etwas wachgerüttelt und mich zum Nachdenken bewogen. Bleibt nur zu hoffen, dass das Spiel nur eine kreative Idee ist und keine wahrscheinliche Zukunftsvision. Selbst wenn ich es nicht von der Hand weisen kann, dass das Szenario ein wahrscheinliches sein mag.

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Tags: Dieser eine Moment  

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