Vorschau Fallout 76: Holt euch die Welt zurück!

von Micky Auer (08. Oktober 2018)

Die Ankündigung, dass Fallout 76 kein klassisches Einzelspieler-RPG sein würde, sorgte für gemischte Gefühle bei den Fans. Nachdem wir probespielen durften, sehen wir das Spiel nun mit anderen Augen.

Zuerst mal sollten wir einen großen Irrtum ausräumen: Fallout 76 ist zur Gänze online mit anderen Menschen spielbar und folgt daher gewissen Mechaniken, die ihr aus MMOs kennt. Dennoch ist es selbst eben kein MMO, sondern ein ... nennen wir es mal: MO.

Ob so oder so: Die Hoffnung vieler Fans, mit einem weiteren klassischen Serienteil verwöhnt zu werden, in dem ihr im Alleingang eine riesige Spielwelt voller Gefahren erforschen könnt, schien daraufhin erstmal zerschlagen zu sein. Dabei könnt ihr aber nach wie vor genau das tun, wenn euch der Sinn danach steht. Nämlich eine riesige Spielwelt voller Gefahren im Alleingang erforschen.

Und wenn ihr doch lieber in der Gruppe unterwegs seid, dann zieht ihr eben in der Gruppe los. Darin liegt wohl die spielerische Flexibilität und Stärke von Fallout 76, wie uns die Entwickler im Zuge eines Hands-On im malerischen US-Bundesstaat West Virginia, dem Schauplatz des Spiels, vor kurzem versicherten.

Ab sofort zählt Teamwork in Fallout:

Beim Anspielen konnten wir etwas weiter in die Mechaniken und Eigenheiten von Fallout 76 vordringen und uns erstmals mit eigenen Augen ein Bild davon machen, in welche Richtung Bethesda die Marke mit diesem Eintrag wachsen lässt. An dieser Stelle wollen wir gleich den nächsten, weitverbreiteten Irrtum ausräumen: Fallout 76 ist nicht Fallout 5 und ist auch kein Ersatz für zukünftige reine Einzelspieler-Kampagnen. Bedenkt ihr jedoch, welche großen Projekte aktuell noch bei Bethesda in der Warteschleife stehen, wird wohl noch viel Zeit bis zum nächsten nummerierten Eintrag in der Reihe vergehen.

Fallout 76 ist nun aber auch kein Lückenbüser, der die wohl noch lange Wartezeit auf Teil 5 überbrücken soll. Es ist das, was es ist: Ein Fallout, das online spielbar ist, in dem ihr euch mit anderen Spielern zusammentun könnt oder eben diesen Aspekt ausklammert und als Einzelkämpfer loszieht. Wie uns die Entwickler verraten, soll das zu 99 Prozent ohne Einschränkungen möglich sein, bringt aber auch notwendige Veränderungen mit sich.

Leb wohl, V.A.T.S. Willkommen, V.A.T.S.!

Eine wichtige Änderung betrifft das Vault-Tec Assisted Targeting System (kurz: V.A.T.S.), das seit Fallout 3 eines der wichtigsten Elemente in den Echtzeit-Kämpfen der Reihe und eine beliebte Alternative zu den vorhergehenden rundenbasierten Kampfsystemen darstellt. Dabei wird die Action angehalten und ihr könnt eure vorhandenen Bewegungspunkte in gezielte Angriffe auf bestimmte Körperteile des Gegners investieren. Je nach verwendeter Waffe sowie basierend auf Talent- und Charakterwerten könnt ihr auf diese Weise taktisch gezielt vorgehen und den Gegner in seiner Mobilität oder Zielgenauigkeit einschränken (oder ihn komplett vernichten).

Das neue V.A.T.S.-System in Aktion. Auf den ersten Blick wie gehabt, jedoch wird die Zeit nicht mehr angehalten.Das neue V.A.T.S.-System in Aktion. Auf den ersten Blick wie gehabt, jedoch wird die Zeit nicht mehr angehalten.

Ein solches System, mit dessen Einsatz die Zeit in der Spielwelt komplett angehalten (oder wie in Fallout 4 stark verlangsamt) wird, ist natürlich in einer Online-Umgebung, die von mehreren Spielern gleichzeitig genutzt wird, nicht mehr möglich. Stattdessen wird eine Echtzeit-Mechanik etabliert, die nach wie vor darauf abzielt, einzelne Körperteile des Gegners in den Fokus zu nehmen. Wie gut oder wie schlecht danach die Trefferquote ist, hängt größtenteils davon ab, wie ihr euren Charakter im Spiel trainiert habt. Ein System, das sicherlich teils für hochgezogene Augenbrauen sorgen wird, jedoch in der Verwendung letzten Endes zu ähnlichen Ergebnissen führen soll, wie ihr es gewohnt seid.

In seiner Gesamtheit wirkt das Kampfgeschehen in Fallout 76 schneller, direkter und actionlastiger als in den Vorgängern. Wir hatten das Gefühl, dass Treffer klarere und fühlbarere Auswirkungen haben. Es lässt sich schwer beschreiben, jedoch ist die Veränderung durchaus positiv. Die gefühlt bessere Nachvollziehbarkeit von verursachtem Schaden geht auch mit der gesteigerten Wichtigkeit im Ressourcen-Management einher.

Denn eines wird euch in Fallout 76 schnell klar: Schon sehr früh im Spiel werdet ihr euch zweimal überlegen, ob ihr mit einer durchschlagenden Schusswaffe auf Gegner ballert und sie euch damit vom Leib haltet, oder lieber mit Nahkampfwaffen auf sie losgeht und so höheren Eigenschaden riskiert. Denn Munition - ebenso wie andere Verbrauchsgüter wie Heilung und Nahrung - sind gerade anfangs Mangelware. Diese schwierige Balance führt zur nächsten großen Änderung.

Ein großer Schöpflöffel mehr Survival

Kronkorken, die offizielle Währung in den Fallout-Spielen, sind schwer zu kriegen. Munition auch. Heilgegenstände auch. Rüstung und Waffen auch. Diesen Mangel an Ressourcen - in erster Linie am Anfang des Spiels - kennt ihr aus der Reihe bereits. In Fallout 76 werden allerdings alle Arten von Crafting wesentlich größer geschrieben als bisher.

Rechts unten seht ihr die Anzeigen für Hunger und Durst. Vernachlässigt ihr diese Bedürfnisse, solltet ihr mit herben Einschränkungen rechnen.Rechts unten seht ihr die Anzeigen für Hunger und Durst. Vernachlässigt ihr diese Bedürfnisse, solltet ihr mit herben Einschränkungen rechnen.

Hunger und Durst, zwei survival-typische Werte, die zum Beispiel in Fallout - New Vegas noch optional verwendbar waren, sind ab sofort eure ständigen Begleiter. Somit zieht auch eine gewisse Survival-Mechanik mit ins Spielgeschehen ein. Die ist zwar von großer Wichtigkeit, jedoch stellt euch das Spiel ausreichend Rohstoffe und Crafting-Stationen zur Verfügung, um all eure spielerischen Bedürfnisse abzudecken. Ihr müsst sie nur finden, was wiederum zum Erkunden der Umgebung einlädt.

Hiermit entsteht ein schöner Kreislauf. Klar, ihr könnt den Hauptaufgaben Punkt für Punkt folgen und strikt einer Questreihe folgen. Viele Rohstoffe findet ihr auch gut sichtbar am Wegesrand (wir hatten den Eindruck, dass wesentlich mehr pflanzliche Ressourcen im Spiel vorkommen als bisher). Wenn ihr aber querfeldein wandert, werdet ihr nicht nur seltenere Materialen finden, sondern auch auf neue Aufgaben stoßen, die vielleicht wiederum weitere Ressourcen für ihren Abschluss benötigen, was euch wieder weitersuchen lässt.

An solchen Stationen könnt ihr euch - ähnlich wie in Fallout 4 - Bauteile für eine Siedlung zimmern.An solchen Stationen könnt ihr euch - ähnlich wie in Fallout 4 - Bauteile für eine Siedlung zimmern.

Auch darin hat Fallout 76 gegenüber den anderen Teilen nicht nachgelassen. Die Spielwelt - laut Entwicklern ist sie viermal größer als Fallout 4 - lädt zum Erkunden ein. Die Karte ist so vollgepackt mit Geheimnissen und Fundstücken, dass ihr sehr viel Zeit investieren könnt, wenn ihr das verstrahlte West Virgina genau unter die Lupe nehmen wollt. Speziell wenn ihr euch mit Crafting und dem Aufbau von Lagern befasst (und das solltet ihr, wenn ihr das Spiel meistern wollt), werdet ihr euch schnell weitab von befestigten Straßen wiederfinden.

Da bleibt die Frage: Könnt ihr vielleicht auch zu weit ins Spiel vordringen und Gebiete betreten, in denen ihr vielleicht noch gar nichts verloren habt? Die Antwort darauf lautet: Ja! Und das werdet ihr merken. Denn die Gegner in Fallout 76 passen sich nicht eurem Level an. Es gibt Bereiche, in denen euch die Fauna einfach haushoch überlegen ist, und das werdet ihr auch schnell merken, wenn ihr in ein solches Gebiet eintretet. Was da hilft: Fleißig eure Ausrüstung aufwerten, Ressourcen sammeln und natürlich: euren Charakter entwickeln.

Charakterentwicklung: Ihr seid immer noch S.P.E.C.I.A.L.

Online hin, Survival her - im Kern ist Fallout 76 immer noch ein Rollenspiel. Damit einher geht natürlich auch die Entwicklung eures Charakters, der im Laufe des Spiels genretypisch immer stärker werden soll. Diese Entwicklung beginnt bereits mit der Erstellung einer Spielfigur, zieht sich über das ausgiebige Crafting und die damit verbundene Verbesserung der Ausrüstung und endet in den besonderen Fähigkeiten, den sogenannten Perks, die ihr mit jedem Level-Anstieg erweitert.

Dem zugrunde liegt das altbekannte S.P.E.C.I.A.L.-System (steht für Strength, Perception, Endurance, Charisma, Intelligence, Agility und Luck - die Grundwerte eurer Spielfigur). Darauf aufbauend verdient ihr euch beim Level-Anstieg besondere Fähigkeiten, genannt Perks. Diesmal jedoch mit einem neuen Twist.

In Fallout 4 habt ihr zum Beispiel ganz klassisch Skill-Points in Fähigkeiten investiert, um diese zu aktivieren und in weiterer Folge zu verstärken. Diesmal hingegen erhaltet ihr Karten-Packs. Jede Karte steht für einen Perk. Welche ihr davon aktivieren wollt oder überhaupt aktivieren könnt, hängt davon ab, wie hoch dazugehörige S.P.E.C.I.A.L.-Werte sind. Hinzu kommt die Möglichkeit, eure eigenen Perks mit einer Gruppe von Spielern zu teilen und gleiche Karten in eurem Inventar zusammenzufassen und so höhere Perk-Werte zu erzielen.

Das System wirkt zu Beginn nicht ganz so intuitiv wie es eigentlich sein sollte. Aber das mag noch Änderungen unterliegen, schließlich ist bis zum Release des Spiels noch ein wenig Zeit. Die Charakterentwicklung ist aus unserer Sicht bislang ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite habt ihr nicht mehr so ganz die gezielte Kontrolle darüber, eure Figur im Spiel punktgenau auf einen gewissen "Built" hin zu trainieren. Auf der anderen Seite macht das Kartensystem die gesamte Entwicklung wesentlich flexibler. Vor allem die Möglichkeit Fähigkeiten mit der Gruppe zu teilen, ist für ein Spiel, das vordergründig auf Mehrspieler-Aktionen baut, durchaus sinnvoll.

Geschichten in kleinen Portionen

Kommunikation mit anderen Spielern kann auch über Emotes erfolgen.Kommunikation mit anderen Spielern kann auch über Emotes erfolgen.

Mal bei Licht betrachtet: Die Storys in den Fallout-Spielen waren hauptsächlich ein Roter Faden, der das Konstrukt aus Erforschung, zahlreichen Neben-Quests und unzähligen Kämpfen zusammengehalten hat. Uns ist kaum ein Spieler bekannt, der sich nicht (gerne) ins verstrahlte Ödland locken lässt, weit weg vom nächsten Punkt der Hauptquest, in den Nebenaufgaben verliert und lieber auf eigene Faust loszieht.

Ähnlich könnte das auch in Fallout 76 stattfinden, zumal die Hauptgeschichte in erster Linie über Tagebucheinträge, Fundstücke und Audio-Aufzeichnungen erzählt wird. Ihr folgt einer Spur aus Hinweisen, ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd. Es fehlt dadurch gänzlich die Interaktion mit NPCs, die damit verbundene emotionale Verbindung und somit auch ein gewisser Teil der Immersion. Verschmerzbar im Angesicht der vorhin erläuterten Erzählstruktur, aber zumindest ein geringer Verlust, keinesfalls eine Verbesserung.

Dafür zieht das Spiel in anderen Bereichen deutlich erkennbar an. Vor Ort konnten wir uns von der üppigen Natur im malerischen West Virginia überzeugen. Dieses satte Farbenspiel zieht auch ins Spiel ein, ohne jedoch die Atmosphäre einer postapokalyptischen Welt zu verwässern. Ja, Fallout 76 ist deutlich bunter als zum Beispiel noch Fallout 4, jedoch ist das Grafik-Design darauf ausgerichtet, das Beste zweier Welten (nämlich vor und nach dem Atomschlag) miteinander zu vereinen. Es sieht immer noch wie Fallout aus, es fühlt sich immer noch wie Fallout an. Die Identität der Marke ist unverkennbar vorhanden.

Auf musikalischer Seite hingegen fehlen erstmal die Radio-Klassiker, die den Vorgängern ein so distinguiertes akustisches Gesicht verliehen haben. Allerdings können wir nicht bestätigen, ob ihr weiter im Spiel wieder Radiostationen findet, die entsprechende Musikuntermalung bieten werden. Die symphonische Musikuntermalung hingegen ist eindeutig ein Schritt nach vorne. Habt ihr in den anderen Spielen der Reihe oft nur magere Hintergrundmusik gehört, wenn gerade kein Radiosender angewählt war, wird hier das Geschehen wesentlich satter untermalt, ohne jedoch aufdringlich zu werden.

Was anderen ein Sonnenuntergang ist, ist den Spielern von Fallout 76 ein Atombombeneinschlag aus nächster Nähe.Was anderen ein Sonnenuntergang ist, ist den Spielern von Fallout 76 ein Atombombeneinschlag aus nächster Nähe.

Meinung von Micky Auer

Ich war sehr skeptisch was Fallout 76 betrifft. Meine größten Bedenken galten der Spielbarkeit als Einzelspieler und dem typischen Fallout-Gefühl, das mir nach den ersten Videos von Fallout 76 gefehlt hat. Nun, beide Befürchtungen wurden bis zu einem gewissen Grad entkräftet, wenn auch unterschiedlich stark.

Im Interview hatte ich die Gelegenheit, die Entwickler direkt zu fragen, wie sehr ich als Spieler im Alleingang eingeschränkt sein würde. Die Antwort lautete: So gut wie gar nicht. Klar würde es Passagen geben, die allein schwieriger zu meistern sind, dennoch sei ich niemals auf eine Gruppe angewiesen. Ich würde das gerne 1:1 glauben, jedoch wurde bereits ähnliches im Zuge von The Elder Scrolls Online kommuniziert, und da bin ich als Einzelspieler wesentlich stärker eingeschränkt als man es mir ursprünglich vermittelt hat. Daher bleibt in diesem Punkt erstmal eine gewisse Skepsis vorhanden.

Was hingegen das Gefühl betrifft, ein Fallout zu spielen, kann ich schon mal weitestgehend Entwarnung geben: Fallout 76 ist Fallout. Egal, wie bunt es auf den ersten Blick auch sein mag. Auch wenn ich die Marke Fallout mag, das Attribut "schön" konnte ich bis jetzt noch keinem der Spiele verleihen. Fallout 76 hingegen hat es sich durchaus verdient, als schön bezeichnet zu werden. Lichtstimmungen, "God Ray"-Effekte, so viele Details und eine lebendig wirkende tote Welt (der Widerspruch ist beabsichtigt) sind hervorragend in Szene gesetzt.

Das virtuelle West Virgina ist eine Spielwelt, die geradezu danach schreit, Schritt für Schritt erforscht zu werden. Denn für mich lag der eigentliche Reiz der Fallout-Spiele immer darin, die Welt zu erkunden, nicht die Hauptquest zu beenden. Wie es scheint, wird das auch in Fallout 76 wieder voll und ganz der Fall sein.

Die B.E.T.A. von Fallout 76 ist ab dem 23. Oktober 2018 für Xbox One verfügbar. PC und PS4 folgen eine Woche später ab dem 30. Oktober.

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Tags: Multiplayer  

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