Abgestumpft: So kehrte für mich die Begeisterung für Videospiele zurück

(Kolumne)

von Micky Auer (09. Oktober 2018)

Spiele, Spiele, Spiele ... Seit meiner Kindheit und den ersten batteriebetriebenen LED- und LCD-Spielekisten komme ich nicht mehr davon los. Doch irgendwann ist eine Sättigung eingetreten.

Es gab da mal so Teile, die nannten sich in Versandhauskatalogen: "Telespielgeräte". Dahinter verbargen sich meist billig produzierte Konsolen mit ein paar vorinstallierten Spielen, die über nicht mehr als drei Farben und Pixel so groß wie Wackersteine verfügten. All diese Teile versuchten, auf der Erfolgswelle der ersten Heimkonsolen wie dem Atari VCS 2600 mitzuschwimmen. Über Umwege fand ein solches Telespielgerät auch den Weg in unseren Haushalt.

Warum ich hier 40 Jahre in die Vergangenheit gehe und über Dinge berichte, die zeitgenössischen Gamern bestenfalls wie ein Grafikfehler erscheinen mögen? Ganz einfach: Weil es damals für mich kaum etwas Faszinierenderes gab! Ja, es gab Star Wars. Das war faszinierend. Zu meinem zehnten Geburtstag durfte ich die Animations-Verfilmung von Der Herr der Ringe im Kino sehen. Das war ebenfalls äußerst faszinierend. Aber nichts davon konnte mit dem Gefühl mithalten, einen kinderfaustgroßen, viereckigen "Ball" auf dem Bildschirm zu manipulieren.

Und das war erst der Anfang. Die Zeit brachte neue Technik, bessere Grafik. Aus Spielen wurden Geschichten, aus Geschichten interaktive Erlebnisse, manchmal sogar Erfahrungen. Meine Faszination wuchs immer weiter. Unbedarft und naiverweise dachte ich, dass diese Faszination für immer bestehen bleiben würde und sich vor allem durch stetig verbesserte Technik auch immer wieder neu anfühlen sollte.

Das war ein Irrtum. Denn tatsächlich habe ich mich nach etwa 30 Jahren Gamer-Karriere gefragt: Was mach ich da eigentlich? Und wie soll das weitergehen? Und wo stehe ich heute, zehn Jahre nach dieser Erkenntnis? Die Antworten auf diese Fragen sind gleichermaßen simpel wie wegweisend.

Mehr, mehr, immer mehr!

Manchmal schlägt das Leben ein paar unerwartete Haken, so auch das meine. Letzten Endes landete ich dort, wo ich niemals dachte, eine Chance gehabt zu haben, nämlich bei einem großen Videospielhersteller. Klar, was ich dort gemacht habe, war Arbeit. Dennoch war ich den ganzen Tag umgeben von Videospielen, musste mich damit auseinandersetzen, sie besprechen, damit arbeiten, planen und darüber diskutieren. Nach Feierabend hab ich dann zu Hause privat (auch die Spiele der Konkurrenz) gespielt, und im Freundeskreis war das ohnehin schon immer ein wichtiges Thema.

Schön säuberlich sortiert. Ein winzig kleiner Einblick in die Sammlung.Schön säuberlich sortiert. Ein winzig kleiner Einblick in die Sammlung.

Nach dem Siegeszug der Marke PlayStation und einem wachsenden Gebrauchtspielemarkt gab es bald keine Schranken mehr für mich und ich habe großflächige Einkaufstouren im Netz hingelegt. Schließlich gab es unglaublich viele gute Spiele, teilweise zu übelsten Schleuderpreisen. Und meine Faszination war so stark wie nie zuvor. Daher wollte ich auch nichts verpassen. Wozu führte das? Natürlich zu einem "Pile of Shame", der höher ist als der Mariannengraben tief.

Stakkatoartig habe ich Spiele durchgespielt. Eingelegt, gegrindet, Textboxen überflogen, von Boss zu Boss gehechtet, Abspann gesehen, fertig, nächstes. Keine Zeit habe ich mir erlaubt, eine Geschichte auf mich wirken zu lassen oder die Ausarbeitung der Charaktere genauer zu verfolgen. Irgendwann ging es so weit, dass ich sogar die Grafik und den Sound von Spielen - egal, wie schön sie auch gewesen sein mögen - nur noch bedingt wahrgenommen habe. Als Vehikel einer Spielmechanik - mehr war es nicht mehr für mich. Und außerhalb des Spielgeschehens wurde ich nach wie vor von allen Seiten mit dem Thema bombardiert. Es wurde zu viel.

Mit der Degradierung zur Massenware, die ich konsumiert habe wie eine billige Soap Opera im Fernsehen, ging auch bald eine Unlust einher, so dass ich immer weniger Zeit mit Spielen verbracht habe. Ich wusste ihren Inhalt nicht mehr zu schätzen, ich konnte keine Freude mehr daraus beziehen. Emotionen haben Spiele zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr bei mir geweckt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem quasi die kritische Masse erreicht war.

Was mache ich hier eigentlich?

So genau kann ich gar nicht mehr sagen, bei welchem Spiel es der Fall war, dass ich die Erkenntnis hatte, etwas falsch zu machen. Ich glaube, es war Dawn of Mana auf der PlayStation 2. Mitten im Spiel kam in mir unwillkürlich die Frage auf: "Was mache ich hier eigentlich?"

Dawn of Mana: Ich glaube, das war das Spiel, in dem mir klar wurde, wie oberflächlich ich agiere.Dawn of Mana: Ich glaube, das war das Spiel, in dem mir klar wurde, wie oberflächlich ich agiere.

Damit meine ich nicht die grundsätzliche Aktion, ein Spiel zu spielen. Nein, es ging darum, dass ich wirklich nicht mehr wusste, warum ich gerade durch einen Abschnitt im Spiel laufe, worum es ging, welches Ziel ich im Spiel verfolge. Zur einfacheren Veranschaulichung: Stellt euch vor, ihr spielt Super Mario Bros. und wisst mitten im Level nicht mehr, dass ihr die Prinzessin retten sollt. So ging es mir.

Der Moment der Erkenntnis war erschütternd. Mir wurde klar, wie unglaublich oberflächlich ich seit geraumer Zeit durch die Spiele brenne und das ich nichts, absolut nichts daraus mitgenommen habe. Und das kam mir dann tatsächlich wie übelst verschwendete Zeit vor. Nicht nur, dass all diese Spiele während ich sie gespielt habe ihren Wert nicht entfalten durften, sie hatten nach ihrer Beendigung auch keinen bleibenden Eindruck, nicht mal eine Erinnerung bei mir hinterlassen.

Es war ein Moment der Entscheidung für mich. Denn es ging um die Wertigkeit eines Mediums in meinem Leben, dass mich schon seit meiner Kindheit fasziniert hat. Versteht ihr jetzt den ausladenden Einstieg in diesem Artikel? Was war daraus geworden? Was war aus mir geworden? War das der Moment, in dem ich dieser Leidenschaft entwachsen bin? Es mag nach "First World Problems" klingen, aber letztendlich geht es um einen wichtigen Teil meines Lebens, der mir plötzlich wertlos erschien. Könnte ich den wirklich so einfach aus meinem Dasein entfernen?

Ob so oder so, ich musste die Situation überdenken und eine Entscheidung treffen.

"Schau mal nach oben!"

Wie die Geschichte ausgeht, sollte auf der Hand liegen. Schließlich lest ihr gerade die Zeilen von jemandem, der sich noch immer mit dem Medium Videospiele auseinandersetzt. Hauptberuflich. Mit mehr Leidenschaft denn je zuvor. Das Geheimnis hinter diesem Wandel: Eine gesunde Mischung aus Interesse und Gleichgültigkeit. Mischt sich schlecht? Nicht, wenn man es richtig macht!

Ich habe damals angefangen, Videospiele wieder bewusster zu erleben. Immer wieder erinnere ich mich an die erstaunlich weisen Worte meines besten Freundes, während wir gemeinsam Final Fantasy 12 gespielt haben: "Schau mal nach oben." Gesagt - getan. Zu sehen war eine reich verzierte Decke mit so dermaßen vielen bunten Details, dass es eine wahre Augenweide war. Und da wurde mir klar: Kaum ein Spieler schaut sich das an. Mit diesem geschärften Bewusstsein habe ich Spiele wieder mit neuen Augen gesehen.

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Damit einher ging auch eine veränderte, weil stärkere Wahrnehmung von akustischen Effekten, Musik, Dialogen, Geschichten und dem Gefühl, ein Spiel zu spielen. Ich wurde analytischer und habe gleichzeitig wieder die Freude und die Begeisterung wahrgenommen, die Spiele bieten können. Und mit all diesen Veränderungen kam sie wieder zurück: die Faszination. Und seitdem hat sie mich nicht mehr verlassen.

Das eingangs erwähnte Interesse ist hiermit begründet. Doch was hat es mit der Gleichgültigkeit auf sich? Nun, die gestaltet sich in zwei Formen. Einmal nach innen, einmal nach außen gerichtet. Nach innen bedeutet einfach, dass ich mir selber keinen Druck mehr auferlege, so viele Spiele wie möglich zu spielen, sondern jedes Spiel als etwas Besonderes zu sehen. Die Möglichkeit, eine neue Erfahrung zu machen, egal ob diese Erfahrung gut oder schlecht sein würde.

Die nach außen gerichtete Gleichgültigkeit bezieht sich mehr auf den Drang, als komplett abgeklärt rüberzukommen. So von wegen: "Videospiele? Ja, kenne ich. Hab ich alle gespielt. Um mich hinter dem Ofen hervorzulocken, braucht es schon was ganz Besonderes." Totaler Blödsinn, das sollte klar sein. Stattdessen freue ich mich wie ein kleines Kind über die hübsche Grafik, eine witzige Szene, einen tollen Erfolg, eine gemeisterte Schwierigkeit. Und damit kehren auch die Emotionen wieder zurück.

Es ist alles wieder da. Die Begeisterung für Videospiele ist zu mir zurückgekehrt. Nicht nur freue ich mich darüber, ich habe diese Begeisterung nun auch wahrlich verinnerlicht. Tatsächlich habe ich noch andere Lehren daraus gezogen, die auf viele Lebensbereiche anwendbar sind. Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Seitdem machen mich Spiele wieder glücklich.

Es würde mich brennend interessieren, wir ihr das seht. Wart ihr auch schon mal an diesem Punkt? Falls ja, wie habt ihr ihn überwunden? Oder habt ihr für euch beschlossen, dass ihr Spiele nur am Rande wahrnehmt (was um Himmels Willen nichts Verwerfliches ist) und damit gut leben könnt? Erzählt mir eure Geschichten gerne in den Kommentaren!

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