Von wegen nerdig: Darum sind Spieler eigentlich totale Spießer

(Kolumne)

von René Wiesenthal (16. Oktober 2018)

Nerds und Geeks - so werden Spieler manchmal pauschal genannt. Gerne auch abwertend. Zum Glück haben wir heutzutage zwar viele solcher Vorurteile überwunden, jedoch könnte man das Image von Spielern sogar auf die gegensätzliche Spitze treiben: Im Grunde sind wir nicht nur nicht verrückt, sondern richtige Spießer.

So schlimm wie zu Zeiten von RTL-Kameras, die unbedarften Messebesuchern auflauern, um sie bloßzustellen, ist es nicht mehr. Doch noch immer gibt es Menschen, die Berührungsängste mit Videospielen haben. Die Leute, welche dem Hobby frönen, gedanklich in eine wenig konkrete, aber doch irgendwie abnorme Schublade stecken.

Völlige Freiheit? Nicht wirklich, Minecraft ist ein Spießerspiel:

Dabei zeigen Nutzerdaten und Branchenumsätze, dass die Mitte der Gesellschaft längst erreicht ist. Sie zeugen davon, wie massentauglich das Hobby Videospiel ganz generell ist – aus guten Gründen: Videospielen ist so normal, wie Hobbies nur sein können.

Skill-Baum: Kampf-Spießer

Es fängt schon an, wenn wir uns überlegen, was Videospielen im Kern eigentlich ausmacht: Wir lenken Figuren mittels fest vorgeschriebener Bewegungsschemata durch Welten, die überall Grenzen und feste Regeln und Gesetze haben. Wenn wir uns nicht entsprechend dieser Regeln verhalten, machen wir keine Fortschritte. Unser Ziel ist es aber, Fortschritte zu machen. Es macht uns Spaß. Das bedeutet, Aufgaben zu erledigen, Herausforderungen zu meistern. Kurz: Leistung zu zeigen.

Klingt das nach Spaß? Oder doch eher nach Arbeit? Nach Streben? Genau, wir sind Streber! Wir wollen unsere Fähigkeiten unter Beweis stellen, damit wir dafür Belohnungen erhalten. Egal ob es die reinen Erfolgserlebnisse sind oder Glücksgefühle beim Erleben einer unterhaltenden Geschichte. So oder so: Egal wie außergewöhnlich und darstellerisch einfallsreich Spiele auch sein können, der Akt des Spielens ist in den meisten Fällen alles andere als chaotisch oder ungezwungen, sondern oftmals sehr geordnet.

Lernen, die Ordnung zu lieben

Ordnung ist ein wichtiges Stichwort: Videospielen bedeutet häufig, eine Ordnung herzustellen oder sie bestmöglich zu erhalten. Spiele, in denen völlige Beliebigkeit im Mittelpunkt steht, würden wohl niemanden ansprechen. Selbst Sandbox-Spiele wie Minecraft laufen trotz vielfältiger Herangehensweisen immer auf Ordnung hinaus: Ein Haus bauen, Tiere halten, ein schönes Kunstwerk schaffen – es wird nicht aufgehört, ehe nicht jeder Klotz an Ort und Stelle steht, wie es der Bauplan im Kopf vorsieht. Das digitale Pendant zum Heiraten, Haus bauen, Baum pflanzen und Kinder kriegen – Konservatismus in Reinform.

Gewohnheiten machen glücklich

Und wie konservativ wir sein können! Weicht ein Serienteil mal zu stark von gewohnten Mustern ab, gehen wir auf die Barrikaden. Ein Spiel, das einem Genre angehört, das wir nicht schon immer gerne spielen? Uninteressant. Und dann noch diese Hype-Spiele: Irgendwer kommt mit einer frischen Idee um die Ecke und begeistert Massen junger Leute. Für den gestandenen Videospieler ein No-Go. Sollen die Kids sich damit begnügen, irgendwann werden sie merken, dass bunte, quirlige Spiele nichts weiter als Kinderkram sind.

Die guten Spiele sind die, die uns nicht zu sehr aus unseren Gewohnheiten reißen. Oder warum glaubt ihr wohl, ist Franchising eine solch erfolgreiche Vermarktungsmethode? Ein Spiel bekommt den zigsten Aufguss, der sich kaum von seinen vielen Vorgängern unterscheidet. Durch einen uns schon bekannten und gewohnten Namen auf dem Cover werden wir in der Komfortzone gehalten und greifen gerne zu. Jedes Mal.

"Der spielt nicht richtig!"

Und auch die Art wie wir Zocken ist alles andere als anarchistisch. Wir wollen, dass der Controller oder die Tastatur perfekten Komfort bieten, der Sitzplatz natürlich auch. Das Matchmaking hat einwandfrei zu funktionieren und wenn sich im Multiplayer-Match einer danebenbenimmt oder nicht am gemeinsamen Ziel arbeitet, ist der Spielspaß versaut. Es kommt nicht von ungefähr, dass Agenturen, die Gaming-Coaches vermitteln, sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Spielfortschritte sind eben meistens Erfolgsparameter.

Vielleicht sind euch diese Erkenntnisse alle nicht neu. Und schlimm sind sie auch nicht. Im Gegenteil: So auf den Punkt gebracht, könnt ihr euer Hobby vielleicht mal in einem anderen Licht betrachten und euch eventuell sogar dagegen wehren, wenn ihr dafür mal wieder von engstirnigen Mitmenschen als Verrückte abgestempelt werdet. Oder seht ihr das alles ganz anders? Schreibt es uns in die Kommentare!

Tags: Multiplayer   Open World   Fun  

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