Red Dead Redemption 2: Der Spieler ist nicht der Nabel der Welt

(Kolumne)

von Stefan Wirth (03. November 2018)

Ein Held sein. Die Welt retten. Für das Richtige kämpfen. Die Welt zu einem besseren Ort machen. Ein persönliches Ziel erfüllen, welches auch immer das sein mag. Das alles ermöglichen uns Videospiele. Häufig schlüpfen wir in die Rolle des Helden, der Auserwählten und begleiten unsere Protagonisten auf einer Reise zu einer besser Welt.

Falls ihr noch nicht wisst, wie die offene Welt aussieht, bekommt ihr im Mitschnitt unseres Live-Streams einen Eindruck:

Ein Held ein Ziel

In God of War bin ich Kartos, ein Krieger der die Kraft eines Gottes erlangt. In Horizon - Zero Dawn bin ich Aloy, eine Kriegerin auserwählt die Menschheit gegen die Maschienen zu verteidigen. Im ersten Teil von Red Dead Redemption versuche ich als John Marston alles, um meine Familie wiederzusehen und mache dafür im DLC Undead Nightmare sogar die Zombie-Apokalypse rückgängig.

In Red Dead Redemption 2 bin ich als Arthur Morgan unterwegs und möchte… Was genau eigentlich? Ich habe mittlerweile 30 Stunden Red Dead Redemption 2 gespielt und ich habe immer noch keine Antwort auf die Frage, was eigentlich das Ziel meines Protagonisten ist, beziehungsweise ob er überhaupt eines hat.

Insgesamt bietet Arthur als Charakter nicht gerade viel Tiefgang. Natürlich sind nur wenige Figuren aus Rockstar-Spielen besonders vielschichtig, schließlich bauen diese häufig auf Stereotypen auf. Jedoch haben diese immer ein Ziel. Schauen wir uns einmal die 3 Hauptcharaktere aus dem letzten Spiel von Rockstar, Grand Theft Auto 5, an. Franklin möchte dem Ghetto entkommen. Micheal möchte seine kriminelle Vergangenheit ungeschehen machen. Trevor möchte reich werden. Alle Protagonisten haben ein ziemlich klares Ziel vor Augen.

Dieses fehlt bei Arthur aber. Er arbeitet als Hilfssheriff, Kopfgeldjäger, aber auch als Dieb und Schläger. Auf welcher moralischen Seite Arthur steht, ist unklar - oder wechselt ständig. Das war bei Trevor aus GTA 5 auch so, dieser war aber ein Psychopath. Arthurs Handeln auf der anderen Seite erweckt aber doch den Anschein, dass es wohlüberlegt ist.

Was treibt euer Handeln an?

Die Impulse, die Arthur überhaupt erst zum Handeln antreiben, stammen meistens nicht von ihm selbst. Sämtliche Aufgaben die ihr im Verlaufe von Red Dead Redemption 2 absolvieren könnt, werden von anderen Charakteren vorgeschlagen. Ob Arthur daran teilnimmt oder nicht, ist dabei auch nicht seine Entscheidung, sondern eure - die des Spielers.

In der Interaktion mit anderen wird Arthur kaum charakterisiert. Sich selbst bezeichnet er als Arbeitspferd und von den Figuren im Spiel wird er als zuverlässig bezeichnet. Das liegt aber natürlich daran, dass ihr als Spieler das, was das Spiel von euch erwartet, schaffen müsst, um weiterzukommen. Arthur ist also nicht der Protagonist, weil er zuverlässig ist - er ist zuverlässig, weil er der Protagonist des Spiels ist.

Arthur hat keine eigene Motivation. Er nimmt Aufgaben an, die ihm andere Charaktere anbieten, füllt, wie die anderen Mitglieder der Bande, die Lagerkasse auf und verbessert seine Ausrüstung und Fähigkeiten, um diese Aufgaben besser erledigen zu können. So erfüllt er zwar alles, was der Spieler braucht um mit der Welt zu interagieren, biete jedoch keinen Mehrwert für die Geschichte.

Eine Welt mit vielen Geschichten

Nun liegt die Vermutung nahe, dass Red Dead Redemption 2 sehr schnell langweilig wird, wenn ihr als Spieler kein Ziel habt, das es zu erfüllen gilt. Es gibt keine Prinzessin zu retten, keine Welt zu beschützen und kein Unglück zu verhindern. Es gibt nur euch und eine riesige Welt.

Das ist jedoch eine Idee, die Rockstar mit Arthur bewusst verfolgt. Für Red Dead Redemption 2 haben die Entwickler eine Welt geschaffen, die überhaupt erst den Wert des Spiels ausmacht. Diese gilt es zu erkunden und zu erleben. Die behäbige Steuerung sorgt dafür, dass das gesamte Spiel entschleunigt wird. Die Welt lässt sich nur mit einer gewissen Ruhe und Langsamkeit erkunden, denn die Schnelligkeit, die es in anderen Spielen gibt, lässt sich hier überhaupt nicht erreichen.

Das Entfernen einer Hauptmotivation verfolgt einen ähnlichen Zweck. Es gibt kein großes Böses, dass bald über die Welt herfällt. Es gibt keine Person, die ich retten muss und zwar so schnell wie möglich. Da Arthur kein Ziel vor Augen hat, bekomme ich als Spieler die Zeit um die Welt auch zu erkunden und muss mich nicht von einer Quest zur nächsten hetzen.

Rockstar verschiebt den Fokus. Nicht mehr die große Geschichte und der Held stehen im Vordergrund. Die Welt ist das Zentrum des Spiels. Wenn diese so aufgebaut wäre wie die offenen Welten anderer Spiele, würde Red Dead Redemption 2 nicht funktionieren. Doch die Welt hier ist anders.

Es gibt keine tausende von Markierungen auf der Karte. Es gibt auch keine Ausrüstungsgegenstände, die ich in der ganzen Welt aufsammeln kann. Das Handwerkszeug, die gesamte Karte zu erkunden, bekomme ich sogar vergleichsweise schnell an die Hand und muss kein bestimmtes Level erreiche haben, um gewisse Teile der Welt zu erkunden.

Die Welt ist aber auf keinen Fall leer. Es gibt unzählige kleine Geschichten zu entdecken, die sich immer wieder unterscheiden und das Spiel gibt mir die Zeit, all diese zu erleben. Zu keinem Zeitpunkt fühle ich mich, als würde ich leveln, looten oder Spielfortschritt erreichen. Ich erkunde einfach nur.

Der Spieler steht nicht im Mittelpunkt

Natürlich erfindet Red Dead Redmption 2 das Rad nicht neu. Es gibt viele Sammelaufgaben, Verbesserungsmöglichkeiten und Missionen nach Schema F, diese drängen sich mir aber nicht so auf wie in anderen "Open World"-Spielen

Zwar gibt es auch in RDR2 Orte wie Anschlagtafeln, an denen ich von Missionen erfahre. Das Meiste schnappe ich aber einfach auf der Straße, im Gespräch mit anderen oder ganz zufällig auf. Wenn es sich auch in vielen anderen Spielen lohnt vom Weg ab zu erkunden, habe ich in Red Dead Redemption 2 zum ersten Mal das Gefühl nicht von einem Marker zum nächsten zu laufen, sondern wirklich selbst zum Entdecker zu werden.

Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Sollte Arthur auf einmal verschwinden, würde sich die Bande wohl wundern, was mit ihm passiert ist, die Welt würde aber nicht aufhören zu existieren. Ich habe keinen Wert für Red Dead Redemption 2, ich bin einfach nur irgendjemand, der zufällig in diesem Spiel gelandet ist.

Das Spiel braucht mir keine epische Geschichte zu erzählen, denn ich brauche keinen Protagonisten, dessen persönliches Ziel mich dazu bringt, das Spiel weiterzuspielen. Niemand muss mich dazu zwingen, die Welt zu erkunden, die so reichhaltig und interessant ist, dass ich einfach gerne darin unterwegs bin.

Es ist schön, einmal nicht den Druck zu spüren, etwas oder jemanden retten zu müssen. Endlich kann ich mich zurücklehnen und die Welt frei erkunden. Vom Spiel bekomme ich auch ausreichend viel Zeit, dies ausgiebig zu tun.

Findet ihr es auch schön einmal nicht den Druck der Hauptquest zu spüren oder fühlt ihr euch in Red Dead Redemption 2 ziellos und verloren. Könnte die Geschichte für euch spannender und antreibender sein? Verratet es uns in den Kommentaren!

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Tags: Open World   Singleplayer  

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