Test 11-11 - Memories Retold: Ein Spiel so schön wie erschütternd

von Matthias Kreienbrink (09. November 2018)

Die beiden Weltkriege werden immer wieder als Szenerie in Videospielen gewählt - man schaue nur auf Call of Duty - WW2 oder Battlefield 1. Doch selten geht es in diesen Spielen um etwas Anderes als das Schießen. Der Krieg wird auf die Action reduziert. 11-11 - Memories Retold hat einen ganz anderen Ansatz. Doch auch Fans von Shootern sollten diese Erfahrung mal gemacht haben.

Schaut euch dieses wunderschöne Spiel einmal an:

In 11-11 - Memories Retold werdet ihr nicht einen einzigen Schuss abfeuern. Fans von Shootern mögen an dieser Stelle aussteigen und denken, dass das hier ja kein richtiges Game sei. Das mag stimmten: 11-11 ist kein klassisches Videospiel, in dem es um Herausforderung, ein Sich-Messen geht. Aber gerade für solche unter euch, für die das Schießen meist die einzige Interaktion in einem Videospiel ist, kann dieses Spiel genau richtig sein. Erschienen ist das Spiel für PS4, Xbox One und PC.

Zwei Menschen, die eigentlich Gegner sein sollten

11-11 - Memories Retold erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die eigentlich Feinde während des Ersten Weltkriegs sein sollten. Ein Soldat aus Deutschland, einer aus Kanada. Beide sind nicht aus Patriotismus in diesen Krieg geraten. Der Kanadier, Harry, will mit seiner Uniform eine Frau beeindrucken, tritt der Armee bei, um sich und ihr zu beweisen, wie tapfer er ist. Fortan soll er den Krieg als Fotograf begleiten, Fotos machen von den vermeintlichen Heldentaten der Soldaten. Der Deutsche, Kurt, wiederum ist auf der Suche nach seinem Sohn Max. Die Einheit, zu der er gehört, wird vermisst. Ob der Sohn noch lebt, genau das will der Vater Kurt herausfinden. Interessant ist, dass beine Protagonisten von bekannten Schauspielern gesprochen werden. Elijah Wood spricht Harry, der deutsche Sebastian Koch spricht Kurt. Im Laufe der Geschichte kommen sich diese beiden vermeintlichen Feinde immer näher, lösen sich die Grenzen auf, die zwischen ihnen verlaufen sollten.

Eine ganz besondere Szene: Vor euch ein Friedhof mit endlos vielen Gräbern der gefallenen Soldaten.Eine ganz besondere Szene: Vor euch ein Friedhof mit endlos vielen Gräbern der gefallenen Soldaten.

Das Besondere an 11-11 ist zunächsten augenscheinlich: der ganz besondere Grafikstil des Spiels. Vom Impressionismus haben sich die Entwickler dabei inspirieren lassen - der Stilrichtung, die zur Zeit des Ersten Weltkriegs die Kunst mitbestimmte. Der Grafikstil ist so weit entfernt vom Realismus, wie man nur sein kann. 11-11 macht deutlich: Von so einem gigantischen Vernichtungskrieg kann man nur eingefärbt erzählen. Es gibt da keine historische Objektivität, keinen Realismus. Das Spiel ist wunderschön - und gerade deswegen unglaublich erschütternd. Denn die fein gezeichneten Bilder machen umso deutlicher, wie brutal, wie menschenverachtend Krieg eigentlich ist.

In diesen Momentan vergisst man den Krieg - fast. Die vermeintliche Idylle einer Stadt, die noch nicht zerbombt wurde.In diesen Momentan vergisst man den Krieg - fast. Die vermeintliche Idylle einer Stadt, die noch nicht zerbombt wurde.

Was nach dem Schießen bleibt

In Shootern reduziert sich das Geschehen - dem Namen treu - ganz auf das Schießen. Auch wenn Spiele wie Battlefield 5 in den Kriegsgeschichten versuchen, dem überaus komplexen Thema treu zu bleiben - schlussendlich geht es doch immer nur um den Schuss aus dem Gewehrlauf und welche Folgen dieser hat. Es geht um die Unmittelbarkeit im Moment, die Spieler sind immer im Hier und Jetzt, schnell von einem Gegner zum nächsten. Ein Shooter kann wohl auch nur so funktionieren. Es geht um die Herausforderung, die Reflexe. Darum wollen wir an dieser Stelle auch nicht sagen, dass diese Mechanik schlecht wäre - aber sie lässt eben sehr viele Leerstellen, die sonst in Videospielen kaum behandelt werden.

11-11 erzählt von genau diesen Leerstellen. Es thematisiert das, was nach dem Schießen passiert: die, die übrig bleiben, die leiden, die geprägt werden von dem Gräuel, den sie erleben. Damit ist es die perfekte Ergänzung für einen Shooter.

Was man im Krieg so macht

Eure Aufgaben in diesem Spiel sind recht abwechslungsreich. Mal schreibt ihr einen Brief an die Familie in der Heimat. Wählt aus verschiedenen Textbausteinen aus, die alle unterschiedliche Auswirkungen auf die Geschichte haben. Dann wieder schleicht ihr euch an feindlichen Soldaten vorbei oder rennt von Deckung zu Deckung, um nicht vom Trommelfeuer getroffen zu werden. Wird gerade keine Schlacht geschlagen, vertreibt ihr euch die Zeit mit Kartenspielen, oder unterhaltet euch mit den Soldaten in den Schützengräben, diesen trostlosen Orten, an denen alle nur auf das Sterben warten - oder auf das Töten.

Ab und zu könnt ihr eine Partie spielen.Ab und zu könnt ihr eine Partie spielen.

Kurzum, 11-11 zeigt das, was so einen Krieg auch ausmacht: die Sinnlosigkeit, das Ausharren, das Hadern. Dabei ist es die Kombination aus dieser grandiosen Grafik mit einem eindrucksvollen Soundtrack und den interaktiven Momenten, die 11-11 so besonders machen. Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die euch Videospiele sonst kaum bieten. Es ist ein Erfühlen von Geschichte - ganz subjektiv. Und es erzählt eine Geschichte, der es zu lauschen unbedingt lohnt. Man muss nur aushalten, dass der Gewehrlauf hier nicht allesbestimmend ist.

Meinung von Matthias Kreienbrink

Es ist sehr schwierig, einem Spiel wie 11-11 - Memories Retold eine Wertung zu geben. Bewerte ich hier die Spielmechanik? Die Grafik? Die Steuerung? Wenn ja, mit welchen Spielen vergleiche ich sie? Oder bewerte ich das Gefühl, dass dieses Spiel hinterlässt? Wenn ja, kann man ein Gefühl mit Prozentpunkten bewerten?

Wenn ich mir aber anschaue, was 11-11 bewirken will, dann sehe ich, dass das Spiel genau das schafft. Es erzählt eine emotionale, empathische Geschichte von zwei Männern, die keine Feinde sein wollen. Und es erzählt diese Geschichte mit Mitteln - Grafikstil, Musik, Spielmechaniken - die besser nicht passen könnten. Es ist ein ganz besonderes Spiel, das lange im Gedächtnis bleiben wird. Auch - oder gerade - wenn ihr Shooter-Fans seid und die Weltkriege nur aus dieser Linse kennt: Schaut euch dieses Spiel an!

85 Spieletipps-Award

meint: 11-11 - Memories Retold ein besonderes Spiel, das lange im Gedächtnis bleibt. Schaut euch dieses Spiel an!

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