RDR2 und Odyssey: Warum es schade ist, dass beide nicht ein und dasselbe Spiel sind

(Kolumne)

von Michael Sonntag (10. November 2018)

Als Assassin's Creed - Odyssey am 5. Oktober erschien, konnte ich spektakuläre drei Wochen im antiken Griechenland verbringen und hatte extremen Spaß dabei. Doch dann wurde mein Abenteuer am 26. Oktober plötzlich unterbrochen, durch den Release von Red Dead Redemption 2.

Seitdem rufen zwei Welten gleichzeitig nach mir und selbst, wenn ich zerreißen sollte, kann ich mich nicht zwischen ihnen entscheiden. Beide haben Vorteile, die das jeweils andere Spiel bräuchte, und beide haben Nachteile, die das andere Spiel vermieden hat. Am liebsten hätte ich es, wenn beide ein und dasselbe Spiel wären. Im Folgenden gewähre ich einen Einblick in meinen Zwiespalt gegenüber beiden Spielen und was er über mein Spielverhalten allgemein aussagt.

RDR2 ist das nächste Level der Open World:

Kleiner Ganove versus großer Krieger

In RDR2 seid ihr nicht Billy the Kid oder ein Mitglied der Dalton-Bande, sondern nur Arthur Morgan, ein einfacher Outlaw einer umherziehenden Gemeinschaft. Ihr führt also ein Leben wie viele andere Menschen dieser Zeit, euer Alltag besteht aus simplen Dingen wie Jagen, Reiten, Schießereien und Überfällen. Es ist zwar möglich, euch einen größeren Namen zu machen, aber hundert Jahre später hat jeder euren Namen und eure Taten vergessen. Somit fühlt das Spielen selbst auch nicht wirklich bedeutsam an.

In Odyssey dagegen startet ihr als einfacher Söldner und strebt den Weg einer Kriegerlegende an, kämpft in Schlachten an vorderster Front, erobert mit eurem Schiff das Mittelmeer, duelliert euch im Alleingang mit einer Untergrundgesellschaft und könnt die geheimsten Orte der Welt erkunden. Richtig: Das ist die Formel fast jeden Videospielabenteuers, sie ist zwar keine schlechte, aber eine, die mittlerweile Staub angesetzt hat. Sie ist gewissermaßen ein Service, aber vielleicht sollten Videospiele langsam andere Rollen präsentieren. Aber müssen das zwangsläufig kleine sein?

Kosmos versus Kulisse

Die Welt von RDR2 markiert das nächste Level der Open Worlds. Die Karte ist nicht nur riesig und offen, sie enthält nicht nur viele Orte und Steppen, alles greift organisch ineinander und scheint aus echtem Leben zu bestehen, nicht nur aus Codezeilen. Egal, in welche Richtung ihr reitet, ihr könnt nicht vorher sagen, was ihr werdet. Aber trotz ihres Anspruch auf Authentizität zieht sie nach wie vor gegenüber der Wirklichkeit den Kürzeren und ist thematisch im Vergleich zu anderen Videospielwelten unspektakulär. Wälder, Steppen, Schneelandschaften - Das gab es schon häufiger zu sehen, auch wenn nicht so beeindruckend. Wenn mal ein außerirdischer Planet so organisch dargestellt werden würde, wären beide Zweifel getilgt.

Die Welt von Odyssey dagegen ist wunderschön wie eine interaktive Postkarte und liefert an jeder Ecke Gelegenheiten für Schnappschüsse. Doch so schön sie auch ist, so plastikhaft wirkt sie, wenn es um ihre Lebendigkeit geht. Reitet ihr beispielsweise durch eine Stadt, platziert das Spiel schnell eine Schar Passanten rein, damit diese euch ausweichen können. Die Welt besteht nur aus Statisten und Kulissen, die euch eine Bühne für eure Heldentaten geben, aber abseits dessen sind es nur hübsche Polygonmassen, die nichts simulieren. Der Spieler kann nichts anderes tun als ihr Held zu sein. Aber sonst wäre er auch nicht hier.

Realität versus Romantik

Denke ich an den Wilden Westen, habe ich Sonnenuntergänge, knallharte Revolverhelden und Kutschenüberfälle vor Augen. Denke ich an die Antike, stelle ich mir epische Schlachten, Marmorstädte und mythoglische Kreaturen vor. Auch wenn das wenig mit den realen Gegebenheiten zu tun hat und klischeehaft wirkt, bieten beide Szenarien in dieser Form unterhaltsamen Stoff für Videospiele.

Während Odyssey seine Vorlage komplett ausschöpft und jegliche Realitätsnähe über Bord wirft, um einen antiken Vergnügungspark zu schaffen, bleibt RDR2 weitesgehend bodenständig und ernst. Die meiste Zeit geht es friedlich zu und wenn es mal hart auf hart kommt, könnt ihr von Glück reden, dass ihr es überlebt. In Griechenland fragt ihr euch jede Minute, was ihr tun könnt - in Amerika, was ihr tun dürft, ohne euch dabei großen Ärger einzuhandeln. Oder anders gesagt: In RDR2 lebt ihr eure Figur, in Odyssey spielt ihr eure Figur.

Emanzipation versus Spaß

Nachdem diese Prämissen zwischen beiden Spielen herausgearbeitet wurden, lässt sich sagen, dass sie sich genauso unterscheiden wie sie sich ähneln, was es schwer macht, sich zu entscheiden, welchem man eher seine Zeit schenken möchte. Jedes Spiel macht dem Spieler ein anderes Angebot.

Odyssey möchte mit Spaß verführen, mit einer Heldengeschichte und einem Sandkasten, in dem alles getan werden darf, ohne Rücksicht auf Konsequenzen, da der Spieler ohnehin die stärkste Macht darstellt. RDR2 dagegen eröffnet einem die Möglichkeit, aus dem üblichen Trott herauszukommen und eine vollkommen neue Erfahrung zu machen, nicht zu genießen, da das Spiel dafür auch viel Bequemlichkeit opfern musste. Das alles, um den Überlebenskampf eines Menschen zu veranschaulichen, der einer aussterbenden Art angehört.

Ich sollte mir nicht die Frage stellen, welches Spiel ich zocken möchte, sondern was ich tun möchte, wenn ich Videospiele konsumiere. Die Lösung meines Dilemmas wird lauten, dass ich abwechselnd spielen werde, abwechselnd lerne und mich ausruhe, abwechselnd gute Erfahrungen und neue Erfahrungen mache.

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