Test Red Dead Redemption 2: Ein behäbiges, wunderschönes Monstrum

von René Wiesenthal (14. November 2018)

Ein Koloss wie Red Dead Redemption 2 möchte erst einmal bezwungen werden. Wir haben uns ausreichend Zeit dafür genommen und sind nun bereit, eine Wertung abzugeben.

Wie wir euch vor einiger Zeit mitteilten, wurden wir nicht rechtzeitig mit einem Testmuster vom Spiel versehen, um direkt zum Release eine Wertung parat zu haben. Das soll sich nun ändern. Denn seitdem die Redaktion mit Exemplaren bestückt ist, taucht sie tiefer und tiefer in die Materie Red Dead Redemption 2 ein, ergründet, genießt, analysiert - und wundert sich über manche Design-Entscheidung. Heute geben wir dazu ein Fazit ab.

Das direkt zu Beginn: Red Dead Redemption 2 ist kein Action-Feuerwerk, kein kopfloser Western-Schinken, in dem ständig die Revolver rauchen. Das Spiel erzählt in seichtem, langsam zunehmenden Tempo von einer beschwerlichen Reise zweifelhafter Gestalten. Und hebt dabei das Konzept der Open World auf das nächste Level.

So haben wir RDR2 noch recht zu Anfang erlebt: Mitschnitt unseres Live-Streams

Es war auch mit vorhandenen Testmustern kein leichter Einstieg, den uns Red Dead Redemption 2 bereitet hat. In der eisigen Kälte der Grizzly Mountains kämpften wir mit der Gang zu Beginn des Spiels ums Überleben, während wir vor dem Bildschirm jeden einzelnen ihrer Schritte spürten und mitlitten, mitfroren.

Das Maß an Immersion in diese unangenehmen Geschehnisse ist erstaunlich. Wie fühlbar das Geschehen dank der lebendigen Welt ist, faszinierte auf Anhieb. Sie öffnet sich nach dem Intro zwar immer mehr, ihre Schwerfälligkeit und bedrückende Atmosphäre behält sie aber immer bei. Sie ist bedrohlich und die Figuren, deren Geschichte ihr erlebt, wissen das.

Langsam bewegt sich das Monstrum

Red Dead Redemption 2 ist ein Spiel wie kein anderes zuvor. So viel ist sicher. Ob das gut oder schlecht ist, darüber sind sich Spieler nicht zu einhundert Prozent einig. Es ist kein Spiel für Leute, die den nächsten schnellen Kick suchen, die Quest um Quest abfertigen wollen, um irgendeine Prozentanzeige aufzufüllen. Red Dead Redemption 2 ist ein entschleunigtes Spiel, belohnt Geduldige mit der Pracht einer Welt, die mit ihrer erdrückenden Präsenz mehr Protagonist zu sein scheint als die vielen Figuren, die sie bewohnen.

Die Schönheit und Tiefe der Welt lassen bloße Ausritte zu Highlights werden.Die Schönheit und Tiefe der Welt lassen bloße Ausritte zu Highlights werden.

Das zeigt sich auch dadurch, dass die Figur, die ihr steuert - Arthur Morgan - nicht der Nabel dieser Welt ist. Er ist ein unbedeutender Halunke, ein Gescheiterter, der seinen Platz in der Welt nur abseits einer Gesellschaft findet, die sich mehr und mehr entwickelt, während er sich ihr verweigert. Er versteht die neue Welt nicht. Er und seine Gang sind Exemplare einer aussterbenden Art von Gesetzlosen. Und ihnen beim Aussterben zuzuschauen, ist ein fesselndes, cinematisch überragend umgesetztes Unterfangen.

Wenn Tristesse zur Tugend wird

Doch auch abseits der Haupthandlung offenbart Red Dead Redemption 2 eine unglaubliche Tiefe. Egal ob es ziellose Ausritte sind, oder das Nachgehen des Tagesgeschäftes: Das Spiel schafft es, Belanglosem eine Bedeutung zu geben, die Tristesse zur Tugend zu machen.

Das Jagen von Tieren, die Versorgung des Camps, das Verwalten und Aufbessern der Aurüstung und das stückweise Vordringen in der Welt sind vor der lebendigen Kulisse nicht einfach nur Plfichtaufgaben. Dadurch, dass Arthur sowohl physisch seine Spuren hinterlässt - Fußspuren im Schlamm oder im tiefen Schnee zum Beispiel - als auch in Form von Erinnerungen anderer Personen an seine Taten, wird jedes Handeln mit Bedeutung versehen. Seine belebte und unbelebte Umwelt reagiert immer wieder auf ihn und kann ihn schon mal mit Verachtung abstrafen.

Verhaltet ihr euch ehrenhaft oder niederträchtig? Es wird durch die Reaktionen anderer auf euch quittiert.Verhaltet ihr euch ehrenhaft oder niederträchtig? Es wird durch die Reaktionen anderer auf euch quittiert.

Wo all das die Möglichkeiten dessen, wie ein Videospiel sein kann, über bisherige Grenzen bringt und neue Standards setzt, knickt Red Dead Redemption 2 an einigen grundlegenden Punkten ein, die ein Videospiel ausmachen.

Doch nur ein Videospiel?

Die Steuerung ist oft kontraintuitiv und störrisch, manchmal funktionieren kontextsensitive Manöver nicht und so werden Schusswechsel zur unfreiwilligen Geduldsprobe. Das Bounty-System ist nicht immer schlüssig und bestraft mitunter Verhalten auf nicht nachvollziehbare Art. Zudem erinnern altbackene Fährtensuchmechaniken und die Linearität vieler Missionen unangenehm daran, dass es sich doch nur um ein Videospiel handelt.

Diese Mankos kann man anerkennen - für manche sind sie sie vielleicht sogar ein Dealbreaker. Sie schaffen es doch aber nicht, das Monstrum, das Red Dead Redemption 2 ist, ins Wanken zu bringen.

Das Spiel ist zu besonders und zu faszinierend, um es für seine Schwachstellen zum Teufel zu jagen. Und somit schafft es Rockstar Games am Ende nicht nur, eine riesige Menge begeisterter Käufer zu überzeugen, die es aus ganz verschiedenen Gründen fantastisch finden. Auch wir können abschließend nur zustimmen: Das Spiel ist mit all seinen Ecken und Kanten fantastisch.

Meinung von René Wiesenthal

Red Dead Redemption 2 hat es mir nicht ganz leicht gemacht. Ich war von Beginn an überwältigt von der wunderschönen Grafik, der dynamischen Spielwelt und ihren Bewohnern, mit denen ich auf vielfältigste Art interagieren kann. Die sich an mich für meine Taten erinnern, mich Abneigung, Vertrautheit und Mitleid verspüren lassen. Ich habe nicht selten gestaunt angesichts der Detailtiefe und kleinen Easter Eggs, die sich überall im Spiel finden lassen.

Auf der anderen Seite ärgerte ich mich mehr als einmal über die strenge Linearität der Missionen. Den Druck, dem ich darin oft ausgesetzt bin, um in den durchgetakteten Missionen hinterherzukommen und die Steuerung und schwerfälligen Reaktionen auf Befehle von Arthur, die vor allem in Feuergefechten oftmals zu Chaos führen.

Aber ach, wie hätte ich viele Tränen über diese Kritikpunkte vergießen können? Seitdem ich mich einmal auf Red Dead Redemption 2 einließ, hat es mich fest im Griff und ich kann der Faszination nicht widerstehen. Egal wie sehr es versuchte, mich von sich zu stoßen. Ich musste weiterspielen und herausfinden, wie es mit der Gang weitergeht. Zwischen den Missionen genoss ich die ausschweifenden Ritte inmitten abwechslungsreicher Landstriche, in denen ich immer wieder überraschende und spannende Begegnungen machte.

Keine Frage, Red Dead Redemption 2 ist kein Wohlfühlspiel. Aber genau dadurch erschafft es eine Spielerfahrung, die im AAA-Bereich einmalig ist. Wer schnelle, leicht zugängliche Action sucht, der wird hier nicht fündig. Für Spieler, die sich auf das gemächliche Tempo einlassen können und die nötige Zeit mitbringen, offenbart sich ein einzigartiges Erlebnis. Mich hat es enorm begeistert.

Meinung von Matthias Kreienbrink

Es fällt mir gar nicht so leicht, zu beschreiben, was mir an Red Dead Redemption 2 so gut gefällt. Ist es die unglaublich lebendige und interaktive Spielwelt? Sicherlich. Ist es die Ruhe, die dieses Spiel mitunter ausstrahlt, die Zeit, die es mir lässt, die Entschleunigung, die es mir bietet? Auch das.

Dann sind da die endlos vielen Möglichkeiten, mich in dieser Welt aufzuhalten: Reiten, Jagen, Erkunden und ganz wichtig: Lauschen. Ist es auch die Grafik? Ja, ja, ja. Aber vor allem ist es wohl das Zusammenspiel dieser ganzen Elemente. Dieses, für mich, bisher einmalige Konglomerat das mir vor allem eines lässt: ein selbständiges Erleben.

Meinung von Stefan Wirth

Der Hype um Red Dead Redemption 2 war vor der Veröffentlichung so groß, dass ich dachte, das Spiel könne ihm in keinem Fall gerecht werden. Da habe ich mich jedoch gewaltig geirrt. Red Dead Redemption 2 ist ein Spiel, das neue Maßstäbe setzt. Rockstar verabschiedet sich hier von einer Menge altbekannter Videospielstandards und zeigt sich so innovativ wie ich es von einem so großen Spiel nicht erwartet hätte.

In einer derart interaktiven und lebendig wirkenden Welt war ich - abgesehen von meinem echten Leben natürlich - noch nicht unterwegs. Dass es das Spiel nicht schafft, diese hohe Qualität in jedem einzelnen Bereich zu halten, ist mein einziger Kritikpunkt. Auf welchem hohen Niveau ich hier meckere, ist mir aber auch bewusst.

Ich bin mir sicher, dass wir noch lange Zeit über das Western-Abenteuer reden werden.

Meinung von Michael Sonntag

In Zeiten schneller Spiele, die mich jede Sekunde unterhalten sollen, hat Red Dead Redemption 2 mich total ausgebremst und unsanft aufprallen lassen. Die Missionen, die Welt, die Mechaniken – all das hat oft mehr mit Mühe als mit Spaß zu tun. Ist das euer Ernst, Rockstar Games? Es war ein unsanfter Fall in die nur scheinbar idyllische Western-Pampa.

Aber als ich mich vom Sturz erholt hatte, konnte ich allmählich in den Spielfluss gleiten und mich in meiner Rolle als Outlaw einfinden. Manche Aspekte, wie das Schießen, fühlen sich altbacken an, als stammten sie direkt aus dem Vorgänger. Andere sind revolutionär, wie die organische Welt. Red Dead Redemption 2 ist kein gewöhnliches Spiel, es ist ein Angebot, eine völlig neue Erfahrung zu machen. Ein Angebot, das für mich entweder zu früh gekommen ist oder aber genau zur rechten Zeit.

Hat euch dieser Artikel gefallen? Oder habt ihr Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge? Lasst es uns gerne wissen! Schreibt uns eine Mail an redaktion@spieletipps.de und verratet unserer Redaktion eure Meinung.

94 Spieletipps-Award

meint: Mit seiner lebendigen, hochdynamischen Welt und der unaufdringlichen Erzählweise setzt das Spiel trotz spielerischer Macken neue Maßstäbe.

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Tags: Singleplayer   Open World  

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