Lösungsbücher: Keine Steinzeit-Werkzeuge, sondern weise Reisebibeln

(Kolumne)

von Michael Sonntag (20. November 2018)

In Zeiten, in denen Guides zu Spielen online jederzeit und überall zu finden sind, gehören physische Lösungsbücher immer mehr einer aussterbenden Art von Gaming-Accessoires an.

Stellvertretend für diese Entwicklung gab der "Prima Games"-Verlag letzte Woche bekannt, dass er aufgrund zu geringer Verkaufszahlen nach 28 Jahren schließen wird. Während dieser Zeit hat der Verlag die Spieler durch 1.400 Spiele geführt, Fallout 76 gehört zu seinen letzten großen Publikationen.

Etwas Hilfe in der Apokalypse wäre auch nicht verkehrt:

Auch wenn es sich bald ausgeblättert hat, finden wir, dass den Lösungsbüchern noch einmal ihr nötiger Tribut gezollt werden muss. Dafür haben sie uns zu sehr begeistert, zu oft aus misslichen Lagen gerettet und uns zu viele Geheimnisse offenbart, die wir sonst niemals entdeckt hätten.

Ein in Kürze zusammengerufener Nostalgie-Zirkel, bestehend aus drei Redakteuren (Micky, René und meiner Wenigkeit), hat sich zusammengesetzt, um in Erinnerungen zu schwelgen und euch daran teilhaben zu lassen.

Lösungsbücher, eure Zeit ist zwar vergangen, aber nicht vergessen.

Lösungsbücher haben...

... Micky begeistert und frustriert

Wenn ich in Hinblick auf Lösungsbücher "früher" sage, meine ich in erster Linie die Zeit rund um die Jahrtausendwende. "Noch früher" wäre in der Amiga-Ära gewesen, als es kein Internet gab und man nicht einfach im nächstbesten Buch- oder Zeitschriftenhandel fündig wurde. Für viel Geld gab es manchmal schlecht aufgemachte, meist händisch zusammengeschusterte Machwerke auf dunkelsten Importwegen.

Die ersten richtigen Lösungsbücher waren ein Segen! Vor allem bei umfangreichen Rollenspielen wurde es für mich bald zur Pflicht, zusammen mit der Bestellung eines Spiels auch ein Lösungsbuch dazuzubestellen. War dann (hoffentlich gleichzeitig) alles da, wurde der Spieleabend zelebriert.

Zuerst schon mal ins Buch reingeschaut, um rauszufinden, wie ich am besten vorgehen sollte. Ob Side Quests in einem separaten Kapitel untergebracht waren, ob Geheimnisse und Easter Eggs in den normalen Aufbau mit eingebunden sind - das war, als würde man ein kleines, spaßiges Projekt planen, um dann den Ablauf reibungslos zu gewährleisten.

Das Gefühl danach war eines der Vollständigkeit: Man hatte dem Spiel alle seine Geheimnisse entlockt, weil man alles so gemacht hat, wie im Buch beschrieben. Die beiden Entitäten wurden zu einer Einheit und man konnte sie reinen Gewissens als echte Trophäe in den Schrank stellen.

Einige dieser Lösungsbücher, die ich im Laufe der Jahre so gesammelt habe, sind wunderschön aufgemacht, aufwändig produziert und enthalten vorher noch nie gesehenes Artwork und Infos, die man zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sonst nirgendwo finden konnte. Andere wiederum ... ließen bald alle Seiten fallen, weil der Bindeleim nichts taugt. Das betraf vor allem die ganz teuren Produktionen, die sich schnell als wertloser Schund rausgestellt haben.

Die einfachen Lösungsbücher sind es, die mir ans Herz gewachsen sind. Und auch hat sich im Laufe der Jahre eine Werteverschiebung ergeben: Anfangs griff ich vorzugsweise zu Büchern von Bradygames, um Prima Games machte ich einen großen Bogen. Doch dann wurden die Prima-Produkte immer bessern, Brady von Mal zu Mal enttäuschender. Den Rest gab mir der Spieleberater zu Final Fantasy 9 (US-Version).

Statt Lösungswege und Strategien und den Fundort aller Geheimnisse war das Buch voll von Codes, die der Leser auf einer Webseite eingeben sollte, um DORT dann die Lösung zu erfahren. Einen größeren Schwachsinn habe ich nie gesehen.

Unvergesslich die Taktik für den Endgegner: "Setze alle deine besten Zauber und Fähigkeiten ein, um den Boss zu besiegen. Lol.

Lösungsbücher waren...

... für René Fotoalben und Almanache in einem

Ich erinnere mich an die guten, alten Lösungsbücher weniger als Hilfen für schwierige Spielpassagen. Wenn ich zurückdenke, muss ich neben dem wundervollen Geruch nach dem ersten Öffnen vor allem an das denken, was die Bücher mir übers normale Spielen hinaus an Mehrwert gebracht haben.

In Dragon Quest 8 waren es die wunderschönen Artworks von Akira Toriyama, an denen ich mich stundenlang ergötzte. Im Lösungsbuch von Grand Theft Auto – San Andreas fand ich die vielen Nebenbeschäftigungen und interessanten Orte, die ich trotz großen Eifers noch übersehen hatte. Ein besonderes Schmankerl war für mich das Lösungsbuch zu Metal Gear Solid 2 – Sons of Liberty.

Die MGS-Spiele stecken so voller kleiner Details, Easter Eggs und Geheimnisse, dass das Lösungsbuch nochmal eine richtige Offenbarung darstellte. Obwohl mein Bruder und ich das Spiel schon mehrfach ohne das Buch durchgespielt hatten.

Okay, zugegeben, ein Lösungsbuch findet sich in meinem Bestand, das ich als Hilfe benutzt habe. Ich stellte mich peinlicherweise als junger Bub in Wild Arms 3 so doof an, dass ich an Punkten im Spiel nicht weiterkam, an denen man die Spielwelt frei bereisen konnte.

Mir ist irgendwie mehrmals entgangen, wo ich als nächstes hinsollte. Zum Glück hat sich ein guter Freund erbarmt, und mir einen von einem Spieler geschriebenen Walkthrough aus dem noch nicht ganz so umfangreichen Internet heruntergeladen und mir das Teil ausgedruckt.

Mangels ausreichender Tinte in Dunkelrosa auf Weiß, eingepflegt in einen Kunststoffschnellhefter, mit Cover-Artwork vorne dran. Auch jetzt noch liegt das Büchlein bei den anderen in meiner Sammlung und erfüllt mich mit nostalgischer Freude beim Draufgucken.

Lösungsbücher konnten ...

... Michael zu einem echten Gamer ausbilden

Als ich damals zu meinem elften Geburtstag GTA - Vice City bekam - (Ihr wollt nicht wissen, wie viele Verhandlungen und Kompromisse dafür notwendig waren) - hat meine Mutter noch ein Lösungsbuch dazugelegt. Vor Schreck dachte ich zuerst, dass mein Wunsch falsch verstanden worden sei und ich das Spiel nur zum Lesen bekomme. Was für ein böser Scherz!

Danach - als ich begriff, dass meine Mutter mich beim Zocken nur mit einem Ratgeber unterstützen wollte - war ich zunächst arrogant. Wozu brauche ich so was? Ich weiß doch, wie man GTA spielt. Cheats eingeben und fertig! Die ersten paar Stunden lag das Heft unberührt auf dem Schreibtisch, während ich mich wie ein braver Gangster nicht an die Gesetze hielt und dafür massig Ärger von den Polizisten bekam.

Nachdem das Amoklaufen keinen Spaß mehr machte, begann ich mit den Hauptmissionen und versagte in einer Tour. Zeit abgelaufen, wichtige Person gestorben, Auto explodiert, Zielort nicht gefunden. Ich brauchte Hilfe und wusste nicht, wen ich fragen sollte. Ja, das Buch, aber dann hätte ich meinen Fehler eingestehen müssen. Vier Niederlagen später war es allerdings gar nicht mehr so schwer, das Ding aufzublättern.

Und das Beeindruckende war nicht, dass das Lösungsbuch alle Details zu den besagten Missionen kannte, sondern dass es allgemein auch alles andere wusste: Wo die versteckten Päckchen sind, wie man am schnellsten reich wird und was die Stadt für Insider zu bieten hat. Damals dachte ich ehrfürchtig, dass ich die Biografie des besten "Vice City"-Spielers in den Händen halten würde. Daraufhin ging ich in seine Lehre und las es tagtäglich.

In hitzigen Situationen hatte mein Mentor aus Papier immer einen Tipp für mich. Und selbst wenn ich seine Hilfe nicht brauchte, wollte ich wissen, auf welche clevere Weise er es gelöst hat. Ich mochte die anschaulichen Bilder, frechen Beschreibungen und praktischen Anweisungen. So las und spielte ich bis zum Ende. Einmal konnte ich einem Freund an einer kniffligen Stelle weiterhelfen und ihn anschließend davon überzeugen, sich das Buch ebenfalls schenken zu lassen.

Dieses Lösungsbuch hatte den Charakter eines guten Freundes, der mich in einer neuen und fremden Stadt rumführt. In diesem Fall war es das pixelige Vice City. Wenn ich heute noch manchmal reinlese, steht darin nicht nur die Geschichte des Autoren, sondern unsere gemeinsame.

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