Gaming-Experiment: Wenn Nichtzocker zu Zockern werden

(Kolumne)

von René Wiesenthal (02. Januar 2019)

Um die Weihnachtszeit hatte ich die Gelegenheit, Menschen aus meinem Umfeld beim Zocken zuzugucken, die sonst rein gar nicht spielen. Anlass dafür war ein frisch gekauftes "PlayStation VR"-System. Was ich beobachten durfte, war lustig und faszinierend zugleich.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Wer gerne Videospiele zockt, der soll das tun. Wer sie nicht mag, hat eben andere Vorlieben. Doch manchmal passiert es, dass Barrieren durch ein Schlüsselereignis durchbrochen werden und bis dato abgeneigte oder desinteressierte Menschen plötzlich voller Begeisterung videospielen. So geschehen während meines Aufenthalts in der Heimat um die Weihnachtszeit, wo mein Bruder und ich einige Freunde und Familienmitglieder unter die VR-Haube steckten.

Damit hat es angefangen: Die Spielesammlung PS-VR Worlds

Angefangen hat der Freund meiner Mutter. Der Mann ist in stattlichem Alter, ziemlich konservativ und mit moderner Technik nicht sonderlich vertraut. Ein Auto kann er ohne Anleitung auseinanderschrauben und wieder zusammensetzen, ein Laptop ist eine fremde Galaxie. Als wir ihn fragten, ob er mal die VR-Brille aufsetzen will, rechneten wir mit sehr viel mehr Widerstand. Als ob er nur darauf gewartet hatte, sagte er: „Jetzt gleich? Ja klar!“

Er spielte nicht im wahrsten Sinne, sondern tauchte in PlayStation VR Worlds in die Tiefsee ab. Die Demo heißt Ocean Descent, wir ließen ihn im Tauchkäfig hinab, um ihn dort mit einem Weißen Hai bekannt zu machen.

Der alte Mann und das VR-Meer

Das Erlebnis dauert etwa eine Viertelstunde. In dieser Zeit erlebten wir einen älteren Herren, der kindesgleich mit virtuellen Fischen und Rochen redete, nach ihnen ausgriff, als wolle er sie berühren. Er drehte sich aufgeregt im Wohnzimmer umher, weil er alles entdecken wollte, was es zu sehen gab, lachte und flüsterte regelmäßig in seinem tiefen Bayerisch überwältigt „Ah, verreck‘!“.

Anfangs geht es noch gemütlich zu in Ocean Descent.Anfangs geht es noch gemütlich zu in Ocean Descent.

Als der Hai den Käfig zerstört hatte und auf ihn zuschoss, erschreckte er mit einem hohen Schrei, versuchte das Tier zu boxen und verfiel dann in lautes Lachen. So wie auch wir. Noch nie hatte ich ihn so gefesselt von einem Videospiel gesehen. Nach dem Spielen diskutierte er weiter angeregt mit uns über die Technik und stellte viele Fragen dazu.

Am Ende geht's nur wieder ums Töten

Meine Mutter war am nächsten Tag an der Reihe. Sie ist ein besonders hartnäckiger Fall. Für eine Partie Rommé ist die Frau immer zu haben, auch fantastische Filme und Serien voller CGI sind kein Problem. Videospiele kommen aber nicht in Frage. Die aktive Rolle beim Zocken schreckt sie ab – vor allem, weil sie die steuerbaren Figuren generell als fragwürdig betrachtet. Das Medium assoziiert sie nämlich vorrangig mit Töten und Zerstören als übergeordnete Ziele, das findet sie verwerflich.

Als sie mich beim entspannten Ausritt in die Welt von Red Dead Redemption 2 beobachtete, tat sie sich schwer damit, Gefallen daran zu finden. Irgendwie mochte sie, was sie sah, aber sie war immer in Alarmbereitschaft, dass hinter der bildschönen Fassade nur stumpfe Gewalt versteckt ist, die jeden Moment zum Vorschein kommen könnte.

„Das spielt ja keiner, weil die Welt so schön ist. Am Ende geht’s doch nur wieder ums Töten.“ – In dieser Aussage verfestigte sich für mich einmal mehr die Distanz, die meine Mutter zum Medium und dem Nutzungsverhalten von Spielern hat.

Doch, das spielen viele auch - oder vor allem - wegen der Spielwelt.Doch, das spielen viele auch - oder vor allem - wegen der Spielwelt.

Dann kam also VR. Auch sie war überraschenderweise nicht schwer davon zu überzeugen, es mal zu probieren. Jedoch denke ich, dass das Maß an Immersion ihr von vorneherein nicht geheuer war und sie von Anfang an Angst hatte. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie mit hinterm Rücken verschränkten Armen kommentar- und regungslos alles über sich ergehen ließ, was beim Tauchgang passierte - bis der Hai dann aufmüpfig wurde.

Das Tier schnellte auf den Käfig zu und meine Mutter riss sich die Brille vom Kopf. Das war es dann mit ihrem VR-Erlebnis, etwas anderes wollte sie danach auch nicht mehr probieren.

Das wurde meiner Mutter doch zu viel.Das wurde meiner Mutter doch zu viel.

Fun Fact: Als ich ein paar Tage später gerade Little Nightmares ausmachte, fragte sie, ob ich denn nicht noch ein bisschen weiterspielen würde. Von mir unbemerkt hatte sie dem Spiel neben ihren eigentlichen Tätigkeiten interessiert zugeguckt. Irgendwann mischte sie sich sogar fast beiläufig ein: „Du musst dich an einem der Haken festhalten und daran aus dem Raum flüchten.“ – Diese trockene (und vollkommen richtige) Bemerkung erwischte mich kalt und ich freute mich innerlich ein wenig.

An einem anderen Tag hatte ich einen meiner besten Freunde zu Besuch. Zu Zeiten der PlayStation 2 hat er noch ausgiebig Grand Theft Auto gespielt, GTA - San Andreas sogar bis zum Ende. Irgendwann verlor er aber das Interesse an Videospielen völlig. Von sich aus fragte er, ob er nicht mal PS-VR probieren dürfte.

Ein heimlicher Profi

Was folgte, entzückte mich. Ich schaute ihm sehr lange dabei zu, wie er fasziniert im Ocean Descent mit dem Hai tauchte, wie er in Moss Rätsel löste und auf dem Skateboard einen Hang herunterbretterte. Immer wieder kommentierte er angeregt das Geschehen, machte interessante Beobachtungen und Feststellungen. Im Gegensatz zu meinem Bruder und mir ist er darüber hinaus auch noch immun gegen "Motion Sickness". In zahlreichen Partien von Firewall – Zero Hour stellte er unter Beweis, was für eine gute Hand-Auge-Koordination er hat. Am Schießstand von London Heist zog er mich punktemäßig ordentlich ab. Das Herz ging mir auf.

Danach gefragt, ob der Perspektivwechsel ihn dazu bewegen könnte, die Spielmechaniken selbst als „Begleiterscheinung“ mögen zu lernen und auch ohne VR wieder Freude am Spielen entwickeln könnte, verneinte er. Er finde das Konzept VR total spannend, verliere aber beim Spielen generell schon nach kurzer Zeit die Motivation, weiterzumachen. Schade, es hätte mein Leben ein ganzes Stück erhellt, wäre der Knabe nun zum Zocker mutiert.

Penisbilder und Mäuseekel

Zu guter Letzt besuchte uns ein befreundetes Paar an den freien Tagen. Jetzt wo mein Bruder und ich schon erfahren hatten, was PS-VR mit Nichtspielern machte – und umgekehrt - versuchten wir unser Glück auch hier. Der Freund ist schon seit jeher Spieler, seine Freundin hat kaum einen Bezug zum Thema. Wir ließen sie Moss zocken, rieben uns die Finger, wie verzaubert die Dame wohl gleich sein würde.

Kann man dieses Spiel nicht lieben? Man kann ...

Fehlanzeige, sie findet Nager eklig. Jedes Mal, wenn Quill rannte, eine Kante hinaufkletterte oder sprang, quittierte sie das nur mit „Iiiiiehs“ und „Äääähs“ – aus der Zauber. Dafür konnte ich sie – wie schon viele andere zuvor - noch am selben Abend mit That’s You! infizieren (ein Hobby von mir).

Wir spielten stundenlang, es wurde sehr viel gelacht, die Zeichenspiele waren noch penislastiger als sonst. Als wir irgendwann in der Nacht aufhörten, sagte die Dame zu ihrem Freund, dass sie sich das Spiel für Silvester wünscht. Hatte ich meine geheime Gaming-Mission also doch erfüllt.

An dieser Stelle Fun Fact Nummer 2: Den Kumpel selbst inspirierte ich an diesem Tag in Sachen Körperbehaarung. Mein Pseudoschnorres war für ihn Anlass, sich auch einen Oberlippenbart stehen zu lassen. Zum Leidwesen seiner Freundin. Ich bin ein Influencer.

Ich kann also feststellen: Selbst, wenn die VR-Erfahrung die Leute nicht zu eingefleischten Gamern hat werden lassen - sie konnte erste oder ganz neue Berührungspunkte schaffen, dabei für Gamer vertraute Mechaniken vermitteln und diese dank der enorm immersiven Perspektive zur unterhaltenden Begleiterscheinung machen. Und sie hat Menschen über Videospiele staunen und schwärmen lassen, von denen ich das niemals geglaubt hätte. Ich bin selbst kein begeisterter VR-Spieler, freue mich aber darüber, dass dadurch diese Brücke geschlagen wurde und ich das erleben durfte.

Habt ihr selbst schon Erlebnisse gehabt, bei denen Nichtspieler auf einmal total begeistert in die virtuelle Welt eingetaucht sind? Teilt eure Geschichten mit uns, indem ihr sie in die Kommentare schreibt. Wir freuen uns darauf, sie zu lesen!

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: VR  

Leicht, Mittel, Brutal-Schwer - stellt euch der Quiz-Herausforderung

Skyrim | Leicht, Mittel, Brutal-Schwer - stellt euch der Quiz-Herausforderung

Willkommen zum Quiz-Duell rund um Skyrim! Heute haben wir eine besondere Herausforderung für euch: Könnt ihr (...) mehr

Weitere Artikel

Controller funktioniert zu Beginn nur teilweise kabellos

Stadia | Controller funktioniert zu Beginn nur teilweise kabellos

Der Wireless Controller von Google Stadia ist offenbar zu Beginn nur eingeschränkt kabellos nutzbar. Ledigl (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

PS4 (Übersicht)
* Werbung