Trigger-Warnungen: Warum gibt es sowas nicht öfter?

(Special)

von Stefan Wirth (06. Januar 2019)

Achtung: In diesem Text werden unter anderem die Darstellungen von Folter, sexueller und häuslicher Gewalt sowie Selbstmord in Videospielen diskutiert!

Was ihr hier gerade gelesen habt, ist eine sogenannte Trigger-Warnung, denn genau um diese soll es in diesem Special gehen. Doch stopp! Bevor Stimmen laut werden, dass wir hier Zensur gutheißen, bestimmte Inhalte kategorisch schlecht machen oder hypersensibel im Umgang mit dem Medium sein wollen – das ist auf keinen Fall unsere Absicht.

Doch die Debatte um die Trigger ist aufgeheizt und es gibt viele Missverständnisse darum, was mit dem Begriff überhaupt gemeint ist. Deshalb lasst uns einmal ganz von vorne anfangen. Wir möchten euch erklären, worum es sich dabei überhaupt handelt, woher die Idee stammt und warum es gar nicht so schlecht ist, wenn diese im Kontext von Videospielen häufiger vorkommen.

Was ist eigentlich ein Trigger?

Trigger, Auslöser, Schlüsselreiz – es gibt viele Begriffe, die im Kern alle dasselbe bezeichnen. Dabei handelt sich nicht um ein Thema oder Handlungselement, dass euch nicht gefällt und ihr lieber geändert hättet. Bei Triggern handelt es sich um psychische Reize, die bei dem Betroffenen eine extreme körperliche und/oder psychische Reaktion hervorrufen.

Spiele wie Spec Ops - The Line, die das Kriegsgeschehen so ungeschönt wie möglich wiedergeben, können beispielsweise Trigger enthalten.Spiele wie Spec Ops - The Line, die das Kriegsgeschehen so ungeschönt wie möglich wiedergeben, können beispielsweise Trigger enthalten.

Die Reize und Reaktionen darauf können unterschiedlich ausfallen. Beispielsweise kann es passieren, dass ein Kriegsveteran beim Geräusch eines Helikopters sich mental plötzlich wieder im Kriegseinsatz befindet – er durchlebt einen sogenannten Flashback. Die Darstellung sexueller Gewalt kann bei dem Opfer einer Vergewaltigung eine Panikattacke auslösen (diese können sogar stundenlang anhalten). Auch bei Menschen mit Phobien, wie beispielsweise die Angst vor Spinnen, kann der Auslöser für ähnliche Zustände sorgen - auch das sind also Trigger.

Ihr seht, es gibt sie in vielen verschiedenen Formen. Geräusche, Gerüche, Bilder aber auch Erzählungen und noch viele, viele andere Sachen können Trigger sein. Auf welche Weise und wie stark auf die Reize reagiert wird, ist unterschiedlich und im höchsten Maße von der betroffenen Person abhängig. Daraus ergibt sich die größte Schwierigkeit: Es ist nahezu unmöglich, vor jedem potenziellen Trigger zu warnen. Wann ergibt eine Warnung also Sinn und wie sollte diese aussehen?

Der Umgang mit ernsten Themen

Videospiele werden immer erwachsener und ernster. Das ist toll, denn so ermöglichen sie euch Geschichten auf eine Art und Weise zu erleben, wie es kein anderes Medium schafft. Dadurch, dass sie interaktiv sind und euren Input erfordern, damit überhaupt etwas passiert, sind sie unglaublich immersiv. Das bedeutet, ihr werdet in besonders starkem Maße in die Welt gezogen. Dadurch steigt der Effekt, den die Handlung auf euch als Spieler hat.

Der Trailer zu The Last of Us 2 enthält viel Gewalt, aber nur wenig Kontext:

Vielen von euch kennen sicher das Gefühl, nach dem Ende eines Spiels total ergriffen zu sein. Die Geschichten von The Last of Us, The Witcher 3 – Wild Hunt, Red Dead Redemption und so vielen anderen Spielen werden jene von euch, die sie gespielt haben, wohl kaum kalt gelassen haben. Dass Videospiele eben genau diese starke Wirkung auf euch haben, scheint den Publishern aber manchmal nicht bewusst zu sein.

Auf der Paris Games Week im Jahr 2017 zeigte Sony, was in nächster Zeit exklusiv auf ihrer PlayStation 4 erscheinen würde. Neben Spider-Man der dem Bösen auf spektakuläre Art das Handwerk legt oder schönen Indie-Spielen wie Hollow Knight machten auch zwei andere Spiele-Trailer von sich reden. Zum einen Detroit - Become Human - hier wurde gezeigt, wie ein Mädchen von ihrem Vater misshandelt und möglicherweise auch getötet wird. Zum anderen The Last of Us 2 - hier standen Folter und Gewalt im Mittelpunkt.

Diese Trailer wurden ohne Warnung und - viel wichtiger noch - ohne Kontext gezeigt. Wen es genauer interessiert, der kann sich im oben eingebundenen Video der Kollegen von Hooked umfassend informieren, warum genau das so problematisch war. Um es kurz zusammenzufassen: Die Gewalt, die in einem Spiel wie The Last of Us 2 in einem sehr wichtigen Kontext steht, wurde hier völlig aus dem Zusammenhang gerissen und als Verkaufsargument einer Gruppe präsentiert, die überhaupt nicht damit rechnete. Völlig blauäugig wird davon ausgegangen, dass das Gezeigte Interesse weckt, ohne jemanden ernsthaft zu erschrecken.

Ein anderes Beispiel, welches vielen von euch bekannt sein wird, ist die Folterszene aus GTA 5. Spieler und Journalisten weltweit beschwerten sich über die Brutalität der Szene und hinterfragten, wieso diese im Spiel ist. Wirklich Stellung dazu hat Entwickler Rockstar Games nie bezogen. Überspringen ließ sich die Mission im Übrigen nicht so ohne Weiteres. Hier kommt also die Frage auf, ob ernste Inhalte nicht vielleicht genutzt werden, um zu schockieren und für eine größere Publicity zu sorgen.

Life is Strange und Selbstmord-Prävention

An dieser Stelle lohnt es sich, die Geschichte von Laura Dale genauer anzuschauen. Als die Amerikanerin 15 Jahre alt war, beging ihre Freundin Selbstmord, obwohl sie die gesamte Nacht hindurch versucht hat, sie davon abzuhalten. Jahrelang machte sich Laura daraufhin Vorwürfe, ob sie etwas hätte anders machen können, ob jemand anderes ihre Freundin davon hätte abhalten können, ob sie daran Schuld trägt und ob ihre Freundin noch am Leben sein könnte.

Schlussendlich konnte Laura damit abschließen und hörte auf sich selbst die Schuld zu geben - bis sie zum ersten Mal Life is Strange spielte.

An dieser Stelle folgt ein Spoiler! Lest also unter dem nächsten Bild weiter, wenn ihr Life is Strange ohne Vorkentnisse spielen wollt.

Am Ende der zweiten Episode will sich die Schülerin Kate umbringen und der Spieler muss versuchen sie umzustimmen. Das gelang Laura nicht und sie musste zuschauen, wie Kate in den Tod stürzte. Zunächst nahm Laura an, dass diese Situation nicht anders enden konnte. Jedoch wurde ihr danach angezeigt, dass man Kate doch hätte retten können und noch viel schlimmer: 80 Prozent der anderen Spieler haben dies auch geschafft.

Häufig werdet ihr in Spielen mit dem Verlust einer liebgewonnenen Figur konfrontiert - auch das kann ein Trigger sein.Häufig werdet ihr in Spielen mit dem Verlust einer liebgewonnenen Figur konfrontiert - auch das kann ein Trigger sein.

Daraufhin kamen bei Laura die alten Fragen zurück und sie begann sich erneut die Schuld für den Tod ihrer Freundin zu geben. Wenn ihr des Englischen mächtig sein solltet, könnt ihr euch die Ereignisse aus Lauras Perspektive auf der Seite Polygon durchlesen. Um auch an dieser Stelle zusammenzufassen: Eine Trigger-Warnung hätte Laura davor bewahren können, dass ihr altes Trauma wieder von vorne beginnt.

Spoiler, Zensur und andere Probleme

Doch wie genau hätte eine solche Warnung aussehen können und wie baut man sie in das Spiel ein? Das ist die wohl schwierigste Frage bei der Diskussion um Trigger, denn viele Spieler fürchten auch um die Erfahrung mit dem Lieblingsmedium. Eine Szene wie die aus Life is Strange entfaltet natürlich nur ihr gesamtes erzählerischen Potenzial, wenn der Spieler davon überrascht wird. Außerdem reagiert ja nicht jeder auf dieselbe Weise wie Laura auf das Gezeigte.

So entsteht bei vielen Spielern die Angst vor Spoilern, die das Spielerlebnis kaputt machen und Zensur, die dafür sorgt, dass Videospiele sich gar nicht mehr an ernste Themen wagen. Diese beiden Ängste sollten aber eigentlich unbegründet sein, schließlich soll es bei den Warnungen ja nicht darum gehen die Spiele zu verändern, sondern Leute zu warnen, die durch das Spiel in der jetzigen Form negative Konsequenzen fürchten müssen.

Die oben genannten Ängste spielen jedoch eine Rolle. Einfach eine Texttafel einbauen, die beschreibt, was in den kommenden Minuten passieren wird, lässt sich aus diesem Grund nicht. Es müssen also andere Möglichkeiten gefunden werden, um Betroffene zu warnen und davon gibt es sogar schon ein paar.

Was ist schon da?

Die Einstufung der PEGI gibt Auskuft darüber, welche Trigger in Spielen enthalten sind:Die Einstufung der PEGI gibt Auskuft darüber, welche Trigger in Spielen enthalten sind:

Zumindest in Amerika gibt es ein Trigger-Warnsystem bereits auf der Verpackung der Spiele. Das Entertainment Software Rating Board stuft ähnlich wie die USK in Deutschland Spiele danach ein, welchen Altersgruppen diese zugänglich sein sollten. Des Weiteren geben sie aber auch eine Warnung über bestimmt Inhalte, die zu finden sind – unter anderem Gewalt, sexuelle Handlungen, Drogenkonsum, etc. Auch die PEGI (Pan European Game Information) bietet ein ähnliches System.

Aus zwei Gründen ist das jedoch nicht optimal, beziehungsweise nicht ausreichend. Die Warnungen umfassen zwar die häufigsten Trigger, sind allerdings sehr allgemein gehalten. Außerdem sind die Informationen nicht immer vollständig. In der PEGI-Bewertung zu The Witcher 3 - Wild Hunt sind beispielsweise nur Gewalt und Schimpfworte aufgeführt, obwohl im Spiel auch Drogenkonsum und Sex vorkommen.

Leute die also unter Triggern leiden, besonders wenn diese sehr selten sind, müssen vor dem Spielkauf stark recherchieren, was im Spiel vorkommt. Dabei kann die Seite GamePhobias hilfreich sein. Diese listet verschiedene Spiele und die Trigger, die darin enthalten sind. Mit zirka 60 Spielen ist der Katalog jedoch noch sehr überschaubar.

Wie könnte die Zukunft aussehen?

Die Vorstellung, dass Personen, die auf Schlüsselreize reagieren, nicht mehr selbst recherchieren müssen, ist nahezu utopisch. Jedoch kann man in diesem Bereich noch einen ordentlichen Fortschritt machen. Dieser könnte bei den Entwicklern und Publishern anfangen, wenn diese sich verstärkt darüber Gedanken machen, welche Inhalte ihrer Spiele Trigger sein können und Informationen darüber für die Leute, die sie brauchen, leicht zugänglich machen.

Auch die Stores können mithelfen, den Leuten das Spielen einfacher zu machen. So bietet beispielswese Steam ein Filtersystem an, bei dem Spiele, die Gewalt, Sex, Drogenkonsum oder Schimpfworte enthalten, ausgeblendet werden können. Dieses System könnte noch weiter ausgebaut werden und auch andere Shops könnten so etwas anbieten.

Am wichtigsten ist es jedoch, offen über das Thema zu reden. Leute, die auf Trigger reagieren, teilen dieselbe Leidenschaft für Videospielen und wollen diese so uneingeschränkt wie möglich genießen. Deshalb sollte man auf das Thema nicht mit Wut oder Abneigung reagieren. Trigger-Warnungen sollen Spiele nicht kaputt machen, sondern noch vielen weiteren Menschen den Zugang ermöglichen, und das ist doch eine echt gute Sache.

Wart ihr euch des Themas bereits bewusst? Hört ihr zu ersten Mal von dem Wort Trigger oder kanntet ihr das Konzept bereits? Was gibt es eurer Meinung nach zu beachten und welche sinnvollen Wege gibt es noch, diese Warnungen in Videospielkosmos einzubinden? Verratet uns eure Ideen in den Kommentaren!

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