YouTube-Trend Selbstjustiz: Wenn Gamer zu selbsternannten Erziehern werden

(Kolumne)

von Manuel Schmitt (07. Januar 2019)

Der gebürtige Münchner Manuel Schmitt ist vieles: Regisseur, Drehbuchautor, Programmierer, Spieleentwickler, Komponist und Blogger. Am ehesten kennt ihr ihn vermutlich als "SgtRumpel", denn unter diesem Namen tritt er unter anderem auf YouTube auf. Heute tritt er für spieletipps als Gastautor in Erscheinung.

Ein YouTuber, 20 Jahre alt, nimmt per Sprach-Chat zu einem etwa zwölfjährigen Kind Kontakt in Minecraft auf. Er sagt, er will ein Video über besonders schöne Bauten auf dem Server machen, auf dem sie sich befinden. Während der Zwölfjährige ihm seine Base zeigt, zerstört der YouTuber mit seinen Admin-Rechten immer mal wieder einige Klötze, legt Feuer oder spawnt Creeper, die kurz darauf explodieren.

Der Junge bekommt das mit, wird zunehmend wütender und wird ausfällig. Der YouTuber ermahnt den Kleinen daraufhin mit Oberlehrerstimme, dass er nicht so 'ragen' solle und zerstört dabei Türen zu Räumen, die offensichtlich ein privater Abschnitt des Erbauers sind. Das Kind schreit immer wieder laut und panisch auf, es überreagiert in den Augen des lachenden YouTubers. Dieser ist natürlich immun gegen die hilflosen Versuche, ihm mit einer Waffe Schaden zuzufügen, da er ja Admin auf dem Server ist. Schließlich wird das Kind gezwungen, um Vergebung für sein unflätiges Verhalten zu bitten - kurz bevor der YouTuber in der gesamten Basis Feuer legt und dem Zwölfjährigen die Tränen kommen.

Dieses deutsche Video von 2016 wurde 750.000 mal geklickt, der YouTuber ist immer noch auf der Plattform unterwegs, auch wenn er heute überwiegend anderen Content bringt. Wie so oft fing alles mit Minecraft an. Und in Amerika. Minecraft war eines der ersten Spiele, in denen auch sehr junge Spieler online unterwegs waren, ein gefundenes Fressen für einen bestimmten Schlag von Menschen, die diese unerfahrenen und teilweise leicht reizbaren Kinder gezielt auf ihren Servern suchen. Denn sie wissen, dass Videos von Rage-Kiddies millionenfach Klicks bringen.

"Griefing" nennt man das. "Bitte nicht griefen!", sagt der Kleine aus dem Video immer wieder. Das Wort wurde eingedeutscht, es kommt natürlich aus dem Englischen. "Grief" bedeutet Schmerz, Kummer, Trauer. Im Zusammenhang mit Computerspielen wird es verwendet, um ein Verhalten zu beschreiben, das anderen Spielern den Spaß am Spiel verdirbt.

Minecraft, Rust, Fortnite, Black Ops

Inzwischen sind diese Videos auch außerhalb des Minecraft-Universums zu finden. Rust ist ein gutes Beispiel. In einem Video mit über 8,5 Millionen Aufrufen wird gleich zu Beginn "This poor Kid" (Dieses arme Kind) eingeblendet, gefolgt von einer kurzen "Highlight"-Vorschau, in der ein Spieler mit einem Hackebeil auf eine Tür einschlägt, während man einen weinenden Jungen hört und kurz darauf den schelmischen Kommentar des Spielers: "Sollte ich mich schlecht fühlen?"

Minecraft: Gerne von Profi-Trollen zur Demütigung von Kindern genommen.Minecraft: Gerne von Profi-Trollen zur Demütigung von Kindern genommen.

Und vergessen wir nicht Fortnite, den bunten, lustigen Cartoon-Shooter, der aufgrund seiner Grafik scheinbar auch für kleine Kinder geeignet ist. "1V1 PLAYGROUND MODE TROLLING MAKES LITTLE KID CRY ON FORTNITE! (Funny Fortnite Trolling)" sind typische Titel solcher Werke. Total funny ...

Alle diese Videos funktionieren nach dem gleichen Schema: Aufgrund eines scheinbar höheren moralischen Standpunktes wird ein jüngerer, emotional nicht ausgeglichener Spieler "bestraft". Das Vergehen des Kindes ist entweder unfaires Verhalten, ausfällige Sprache (Toxic Kid, Angry Kid) oder Überheblichkeit.

Ziel ist aber immer, den jungen Spieler zum Weinen zu bringen. Idealerweise mit vorangegangenem Jähzorn oder unkontrolliertem Gekreische - gerne wird an dieser Stelle argumentiert, die Jüngeren müssten eben lernen, ein Spiel nicht so ernst zu nehmen. Oft wird das auch selbstgefällig mit etwas Lebensweisheit gewürzt: Das Leben an sich sei ja nun auch nicht immer fair! Dass man gezielt darauf hingearbeitet hat, dass ein Kind ausrastet, verschweigt man gerne.

Kinder ahmen Vorbilder nach

Diese Selbstlegitimation ist aber von den selbsternannten Erziehern etwas zu kurz gedacht. Kinder in Minecraft oder Rust tauchen gerne in die Spielwelten ein, weil sie hier einen der seltenen Orte finden, in denen sie alles bestimmen und sich frei ausleben können. Sie dürfen eigene Entscheidungen treffen. Ein Kontrollverlust in dieser Umgebung wiegt vielleicht schwerer als anderswo, da die Kinder sich dort in mühevoller Arbeit eine eigene Welt aufgebaut haben.

Fortnite sollte eigentlich für alle Spieler ein Spaß sein. Nicht, wenn es nach dem Willen bestimmter YouTuber geht.Fortnite sollte eigentlich für alle Spieler ein Spaß sein. Nicht, wenn es nach dem Willen bestimmter YouTuber geht.

Und was Fortnite betrifft: Kinder wollen gerne dort mitmischen, wo die coolen Größeren unterwegs sind. Fortnite und andere Shooter geben ihnen diese Möglichkeit. Der verzweifelte Versuch, es den älteren Mitspielern in Verhalten und Sprache gleichzutun, ist oftmals so schmerzlich wie offensichtlich.

Doch anstatt hier die Rolle eines tatsächlich erwachsenen Vorbildes einzunehmen und aufzuzeigen, das auch online ein anderes Verhalten zum Ziel führen kann, wird genau das Gegenteil heraufbeschworen. Das Kind lernt, dass Demütigung, sowohl ingame als auch danach noch einmal als Videobeweis auf einem vielgeklickten YouTube-Kanal das erstrebenswerte Ziel ist.

Alles erlaubt, was das Spiel zulässt?

Als letzte Defensive der Trolle wird gerne angeführt: Das Spiel erlaubt es! Wer damit nicht klar kommt, dass einem in Rust bei einem Raid alles verloren geht, der soll das Spiel nicht spielen. Und diese Argumentation ist nicht ganz von der Hand zu weisen, und vielleicht ist das tatsächlich eine Lektion, die Spieler in Rust, gleich welchen Alters, lernen müssen.

Auch in Rust wird vor allem jüngeren Spielern absichtlich der Spaß verdorben.

Ich verurteile allerdings die Verwertung dieser Erlebnisse als Entertainment-Filmchen. Und ich verurteile den Voyerismus der Zuschauer, das Ergötzen an der emotionalen Misere eines Kindes, das es besser nicht weiß. Die selbstgerechte Legitimation, über jemanden zu lachen, weil er es ja scheinbar verdient hat.

In einer Wiki des eingangs beschriebenen Minecraft-YouTubers steht: Des Öfteren macht XXX auch sein „XXX trollt“, ein Projekt, indem er nichtsahnende Minecraft-Spieler auf seinem Server trollt und somit eine Menge Zuschauer zum Lachen bringt. Er war der erste Trolling-YouTuber in der Minecraft-Szene und wird oftmals als "Troll King" bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen "Trolling-YouTubern" sind XXX-Trollvideos immer echt.

Das sind vielleicht die einzigen Videos, bei denen ich die Echtheit nicht unbedingt als positiv empfinde.

Tags: YouTube  

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