Test Onimusha Warlords:Wenn Nostalgie allein nicht reicht

von Micky Auer (15. Januar 2019)

Capcom holt einen seiner großen, jedoch beinahe vergessenen Namen aus der Versenkung. Onimusha - Warlords mag in der "PlayStation 2"-Ära für offene Münder gesorgt haben. Doch was ist 2019 davon noch übrig?

Über 18 Jahre ist es her, seit die Geschichte über den Samurai Samanosuke Akechi und seinen Kampf gegen die Dämonen PS2-Besitzer erfreut hat. Mehrere erfolgreiche Nachfolger haben die Marke Onimusha etabliert, doch nach dem Ende der PS2 war so gut wie nichts mehr davon zu hören.

Mit dem Remaster von Onimusha Warlords für PS4, Xbox One, PC und Nintendo Switch könnte Capcom nun versuchen, ob der Name heute noch zieht und wie eine neue Generation von Spielern darauf reagiert. Dürfen wir etwa auf einen richtigen Neustart der Serie hoffen? Wünschenswert wäre es aus vielerlei Gründen. Aktuell aber vor allem deswegen, weil das Remaster so einiges zu wünschen übrig lässt.

Der Dämonenkrieger ist wieder da

Onimusha spielt im Japan der Sengoku-Periode (Mitte des 15. bis Ende des 16. Jahrhunderts). Der Feldherr Nobunaga Oda wurde, nachdem er in der Schlacht gefallen ist, von Dämonen wieder zu unnatürlichem Leben erweckt. Mithilfe einer Dämonen-Armee versucht er nun, seinen Feldzug zu Ende zu führen. Dazu gehört auch die Entführung der Prinzessin Yuki.

Samanosuke beschützt Prinzessin Yuki. Das geht im ersten Versuch nicht gut aus.Samanosuke beschützt Prinzessin Yuki. Das geht im ersten Versuch nicht gut aus.

Auftritt: Samanosuke Akechi. Der junge Samurai ist die letzte Hoffnung des Landes. Aber erst, nachdem er bei dem Versuch, Yuki zu retten, schwer verwundet wurde. Ihm erscheinen die Geister des Oger-Clans und sie verleihen ihm die Macht, die Seelen erschlagener Dämonen zu sammeln und sie seiner eigenen Stärke hinzuzufügen.

Spielerisch heißt das: Besiegt ihr Gegner, setzt ihr ihre Seelen frei. Per Knopfdruck werden diese in euren mystischen Armschutz aufgesaugt und dienen fortan zur Verbesserung von Waffen und magischen Fähigkeiten, wahlweise auch zum Verstärken von Heilgegenständen. Die Wahl liegt bei euch.

Der Spielfluss gestaltet sich recht simpel. Ihr nutzt diverse Waffen, um die angreifenden Dämonen zu dezimieren. Viel Finesse kommt dabei nicht ins Spiel. Ihr könnt angreifen, blocken und einen Schritt nach hinten springen. Erwischt ihr bei der Ausführung eines Angriffs den richtigen Moment, könnt ihr einen Gegner mit einem einzigen Schlag erledigen.

Besonders starke Gegner brauchen hin und wieder etwas magische "Überredungskunst", bevor sie die Waffen strecken.Besonders starke Gegner brauchen hin und wieder etwas magische "Überredungskunst", bevor sie die Waffen strecken.

Jede Waffe ist mit einer bestimmten Form der Magie verbunden, die in unblockbaren Angriffen ausgeführt wird. Diese magische Verbundenheit braucht ihr auch, um versiegelte Türen zu öffnen. Manche erfordern, dass ihr eine Waffe bis zu einem bestimmte Level verbessert habt. Das artet angenehmerweise nur selten in Grinden aus. Gerade in der ersten Hälfte des Spiels kommt ihr recht flott voran.

Das Lösen von einfachen Rätseln und das genaue Erkunden der Umgebung bringt euch in den Besitz von Schriftrollen, wichtigen Ausrüstungsgegenständen und Erweiterungen für Lebensenergie- und Magieleisten. Kern des Spielgeschehens bleiben aber die simpel gestalteten, jedoch actionreichen Kämpfe. Deren Spaßfaktor hat sich seit der Erstveröffentlichung im Jahr 2001 kaum abgenutzt. Es kommt richtiges "Samurai-Feeling" auf, wenn ihr euch mit zunehmend stärker werdenden Waffen und magischen Fähigkeiten durch die moderat abwechslungsreich gestalteten Dämonenhorden schneidet.

Nicht in Würde gealtert

Onimusha Warlords ist der klare Beleg dafür, wie sehr sich Videospiele in allen möglichen Bereichen in den vergangenen 18 Jahren weiterentwickelt haben. Leider ist das vom heutigen Standpunkt aus kein Pluspunkt für das Remaster, was selbst dem nostalgischsten Nostalgiker recht schmerzhaft auffallen dürfte.

Auf den ersten Blick hübsch anzusehen, jedoch vor allem auf größeren Bildschirmen nicht mehr zeitgemäß.Auf den ersten Blick hübsch anzusehen, jedoch vor allem auf größeren Bildschirmen nicht mehr zeitgemäß.

Das offensichtlichste Manko ist die Grafik. Seinerzeit opulent, dramatisch und detailliert, wirkt sie heute karg, leblos und mitunter geradezu hässlich. Das Spiel stammt aus einer Zeit, in der es noch schick war, vorgerenderte, starre Hintergründe zu verwenden, in denen dann Polygonfiguren agierten. Dadurch konnte ein Detailreichtum in der Grafik vorgegaukelt werden, den die damalige Hardware-Generation gar nicht hinbekommen hätte.

Das wird im Remaster zur Stolperfalle. Sowohl Hintergründe als auch Figuren wurden auf eine höhere Auflösung gepeitscht, was diverse Mängel recht deutlich darstellt. Die Charaktere wirken besonders in der Nahaufnahme kantig. Vor allem die Gesichtsanimationen sind so spärlich, dass man sie auch gleich hätte weglassen können. Bei Samanosuke - dem etwas mehr Emotion ins Gesicht programmiert wurde als Nebencharakteren - fällt auf, dass er oft die Augen unnatürlich weit aufreißt, was einen gewissen ungewollt komischen Effekt hat. Auf der PS2 mag das in Ordnung gewesen sein, die höhere Auflösung bringt diesen Mangel jedoch ans Licht.

In Zwischensequenzen zappeln und zittern manchen Polygonkonstrukte an Figuren, die beinahe reglos dastehen oder nur langsame Bewegungen ausführen. Nichts davon hindert den Spielfluss, jedoch sieht es schlicht und ergreifend unschön aus. Das gilt auch für die Hintergründe, denen man ihr hohes Alter deutlich ansieht. Hier hilft auch keine Hochskalierung. Farbverläufe offenbaren unübersehbar die betagte Herkunft. Und so wird ein stimmungsvoll gedachter Sonnenuntergang gerne mal zu einer verwaschen wirkenden Postkarte, die erst nach 18 Jahren ihren Bestimmungsort erreicht hat.

Die starren Hintergründe erschweren die Navigation im Spiel.Die starren Hintergründe erschweren die Navigation im Spiel.

Und dann ist da noch die Art und Weise, in der die Geschichte erzählt wird. Bedenkt bitte, dass wir in einer Zeit angekommen sind, in denen Autoren für ihre Arbeit an Spielen mit Preisen ausgezeichnet werden. Eine Zeit, in der sich Spiele immer mehr an den Möglichkeiten großer Filmproduktionen orientieren, in denen Geschichten eindringlich, oft subtil, vielfach sehr menschlich und nahbar dargestellt werden. Nun, nichts davon ist in Onimusha Warlords präsent.

Das Spiel feiert regelrecht japanisches Melodram mit vollkommen übertriebenen Aktionen auf der einen, fürchterlich steril wirkenden Textzeilen auf der anderen Seite. Es gibt eine englische und eine japanische Tonspur. Man darf den englischen Sprechern nicht vorwerfen, sie hätten schlechte Arbeit geleistet. Sie haben lediglich versucht, das teilweise recht peinlich wirkende Originalskript einigermaßen plausibel zu vertonen. Wenn ihr das nicht ertragt, solltet ihr die japanische Vertonung wählen. Die ist zwar ehrlich gesagt auch nicht besser, aber hat den Bonus, ein Stück weit authentischer zu wirken.

Was ist neu?

Um auf einer positiven Note zu enden: Auch wenn die Grafik und Dramaturgie von Onimusha Warlords hoffnungslos veraltet sind, so gibt es im Remaster zumindest ein paar sinnvolle Neuerungen respektive Änderungen, die durchaus begrüßenswert sind.

Onimusha geizt nicht mit bizarren Figuren. Fans wissen, was es mit dieser Gestalt auf sich hat. Alle anderen sollten sich überraschen lassen.Onimusha geizt nicht mit bizarren Figuren. Fans wissen, was es mit dieser Gestalt auf sich hat. Alle anderen sollten sich überraschen lassen.

Das Spiel schafft den Sprung vom 4:3- auf das 16:9-Format und ist somit für die Darstellung auf modernen Bildschirmen optimiert. Wenn ihr es aber lieber authentisch und nostalgisch mögt, könnt ihr auch auf das alte Format umschalten. Hier sei Capcom zugute gehalten, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben: Das neue Seitenformat zeigt tatsächlich mehr von den Bildschirmausschnitten, indem das Spiel die sonst fixe Kamera ein wenig in die entsprechende Richtung scrollen lässt.

Auch müsst ihr nicht mehr die klassische Tank-Steuerung nutzen, wenn ihr das nicht wollt. Zwar ist sie immer noch vorhanden und im Falle des schnellen Rückschritts auch sinnvoll, jedoch könnt ihr Samanosuke auch mithilfe des linken Analog-Sticks bewegen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil!

Übrigens: Wenn ihr Onimusha Warlords kaufen wollt, werdet ihr bei diversen Kaufportalen nicht fündig. Zumindest, was die europäische Version betrifft. Denn bei uns erscheint das Spiel ausschließlich als Download. Auch werdet ihr euch keinen Urlaub zum Durchspielen nehmen müssen. Selbst langsame Spieler schaffen das Abenteuer in weniger als zehn Stunden.

Meinung von Micky Auer

Schon seit längerer Zeit habe ich mich gefragt, was wohl aus Onimusha geworden ist. Wie ich eingangs erwähnt habe, könnte es durchaus sein, dass Capcom nun anhand dieses Remasters versucht, den Markt auf noch vorhandenes Potenzial abzuklopfen. Ich bin mir bloß nicht sicher, ob eine Neuveröffentlichung in dieser Form dahingehend eine gute Idee darstellt.

Onimusha Warlords ist beileibe kein schlechtes Spiel. Der Kern der Spielmechanik hat sich gut gehalten. Wirkt zwar etwas arg simpel, jedoch funktioniert die Idee dahinter nach wie vor. Das gesamte Drumherum hingegen ist nicht besonders gut gealtert. Die höhere Auflösung führt in diesem Fall leider nur dazu, die offensichtlichen Mängel noch sichtbarer zu machen.

Auch begeht die Neufassung einen ähnlichen Fehler wie das Remake von Secret of Mana: Es übernimmt die Sünden des Originals. Eine moderne Generation von Spielern ist eine gewisse Bewegungsfreiheit in Videospielen gewohnt. Warum auch nicht? Onimusha lässt euch jedoch ständig gegen vermeintlich unsichtbare Wände laufen. Ein Beispiel: Ihr steht vor einer Treppe und wollt sie hinauflaufen. Eure Spielfigur zeigt zwar eine Laufanimation, bewegt sich aber keinen Millimeter weiter. Was müsst ihr tun? Richtig: einen Knopf drücken, dann wird der Bildschirm schwarz und ihr landet im nächsten Abschnitt.

Oder auch so simple Dinge wie: "Du findest Gegenstand XY (ohne den du nun im Spiel nicht weiterkommst). MÖCHTEST DU IHN MITNEHMEN?" - Das sind die dümmsten Fragen, die ein Spiel stellen kann. Die starren Kameraperspektiven sind auch nicht mehr zeitgemäß und führen recht deutlich vor Augen, wie schlecht sich eine solche Umgebung für ein Action-Spiel eignet. Und mal ganz ehrlich: Das haben wir doch hinter uns, oder?

Ich halte den Namen Onimusha in hohen Ehren und würde mich sehr darüber freuen, wenn Spieler, für die der Name neu ist, den Einstieg in diese mystische, dunkle und recht blutrünstige Welt finden würden. Jedoch bin ich der Meinung, dass gerade eine ehemals so bedeutsame Marke ein richtiges Remake viel eher verdient hat als ein halbherziges Remaster.

74

spieletipps meint: Die Spielmechanik des Klassikers funktioniert auch heute noch, jedoch sind Grafik, Dramaturgie und Inszenierung hoffnungslos veraltet.

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buddy00
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