Nier - Automata: Ich hasse es, außergewöhnliche Spiele zu lieben

(Kolumne)

von René Wiesenthal (19. Januar 2019)

Ich habe eine Vorliebe für außergewöhnliche Spiele. Diese fängt allerdings so langsam an, mir gegen den Strich zu gehen. Vor allem Nier - Automata hat in mir den Verdacht ausgelöst, dass ich vielleicht keine Games mehr ertrage, die mir absichtlich ans Bein pieseln.

Manchmal bringen einen die eigenen Vorlieben in Unannehmlichkeiten. Zum Beispiel dann, wenn man scharfes Essen mag, aber kein scharfes Essen verträgt. Dann is(s)t man im Grunde dazu programmiert, sich selbst immer wieder zu schaden. Zu leiden, wenn man tut, was man gerne tut. Dafür aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

So ähnlich geht es mir mit meiner Vorliebe für Schwurbelkram in Videospielen. Was ich mit Schwurbelkram meine: Ungewöhnliche Spiele, außergewöhnliche Geschichten, ausgefallene Design-Entscheidungen. Genauer gesagt, Spiele oder Spielbestandteile, die auf drastische Art bewusst mit meinen Erwartungen brechen. Die mich vor den Kopf stoßen, mich verwundert und verdutzt zurücklassen. Oder ganz kurz: „Mindfuck-Games“.

Mindfuck als Nachtisch zum Einheitsbrei

„Mindfuck“ ist ein breit interpretierbarer Begriff, den ich gar nicht zu ausschweifend definieren möchte. Gute Beispiele für das, was ich meine, sind in meiner persönlichen Gaming-Chronik die frühen "Silent Hill"-Teile. Oder nahezu alles, was Hideo Kojima bisher in die Hand genommen hat. Oder das geniale Gaga-Horrorspiel Deadly Premonition, dem ich bereits in Textform meine Liebe erklärt habe.

Ihr kennt Deadly Premonition nicht? Dann habt ihr was verpasst. Vielleicht ...

Kaum etwas schadet meinem Empfinden von Games mehr als dass sich irgendwann der Eindruck einstellt, wirklich alles bereits zu kennen und mit jedem neuen Spiel die immer gleiche Suppe serviert zu bekommen. Aufgewärmt, mit hochauflösender Petersilie über den Fettaugen. Ich mag es einfach, wenn Videospiele unverkrampft anders und ausgefallen sind. Selbst wenn sie dadurch „objektiv“ betrachtet manchmal an spielerischen Qualitäten einbüßen. Oder mochte ich das einmal?

Ich habe mich beobachtet und nun das Gefühl, dass mich solche Spiele mit zunehmendem Alter immer mehr verärgern. Nun, sie sind Mindfuck-Spiele und daher stoßen sie ja mit Ansage vor den Kopf. Jedoch für den geneigten Enthusiasten – wie im Speisebeispiel zu Beginn – immer auch auf eine angenehme Art. Einvernehmlich, sozusagen. Bei mir jedoch geriet der Effekt so allmählich stärker in Richtung Heul- und Schreikrämpfe und weg vom eigentlich gewünschten Genuss.

Nie mehr Nier?

Zuletzt hat mir das Nier - Automata vor Augen geführt. Ich bin ein bisschen spät dran mit diesem Spiel, das ist mir klar. Ich habe es beim Händler meines Vertrauens kürzlich für einen Spottpreis bekommen und mich darauf gefreut, weil es lange auf meiner unsichtbaren "To Do"-Liste stand. Wobei, ehrlich gesagt wird es vorerst noch dort stehen bleiben. Denn ich habe sehr schnell damit aufgehört und es wieder deinstalliert.

Nier - Automata, so sieht es aus:

Versteht mich nicht falsch: Ich mochte die erste Spielstunde. Ich mochte, wie mich etwas, von dem ich ein Action-Rollenspiel erwartete, mit einer "Shoot 'em Up"-Sequenz ins Szenario führte. Eine Sequenz, in der alle darin vorgestellten Figuren so schnell das Zeitliche segnen wie ich sie kennengelernt habe – außer meiner eigenen natürlich. Das war auf eine coole Art unerwartet und stimmte mich neugierig.

Ich schnetzelte mich also durch Horden von Robotern, erkannte den geschickten Wechsel zwischen Kameraperspektiven, mit dem Nier im Minutentakt lustig zwischen den Genres hin und her springt. Das Prügeln aus der Third Person kriegte ich mit jedem weiteren Kampf besser hin, und ich wurde scharf darauf zu leveln, zu sammeln, irgendwann coole Ausrüstung zu finden und meine Skills aufzuwerten. Bis – ja, bis der zweite Bosskampf kam.

Speichern ist so Mainstream

Das Spiel weist zu Beginn gar freundlich darauf hin, dass man doch bitte selbst herausfinden solle, wie man speichern kann. Ich wusste also: Es ist Vorsicht geboten, Zwischenspeicherpunkte wird es nicht geben. Und das für einen Zeitraum von – je nachdem wie fix man ist – 40 bis 60 Minuten. Zumindest wurde mir von anderen Redakteuren gesagt, dass ich nach dem zweiten Boss hätte speichern können. Soweit kam ich aber nicht.

Alles fing so schön an: Die Perspektivwechsel in Nier sind gekonnt umgesetzt.Alles fing so schön an: Die Perspektivwechsel in Nier sind gekonnt umgesetzt.

Denn während des Kampfes wich ich zwei großen Roboterarmen mit einem Seitensprung aus, wobei sich die Kamera ungünstig über den beiden Monstrositäten verkeilte. Ich drückte wild auf dem Pad rum, konnte aber nicht mehr sehen, was 2B (so der Name der Hauptfigur) gerade unter den bösen Baggern anstellte. Wie sich zeigte, war es sterben. Die Welt wird von Maschinen bevölkert, sagte mir ein Schriftzug. Alle Hoffnung sei verloren. Die Entwicklernamen rauschten in Lichtgeschwindigkeit über den Bildschirm und schwupps, war ich zurück im Hauptmenü.

Ich konnte es nicht fassen, als ich meinen Spielstand auswählte und tatsächlich wieder in der Anfangssequenz startete. Ohne die Möglichkeit, Dialoge und Filmchen zu skippen. Ich musste mir alles von vorne reinziehen, in voller Länge.

Eierlauf mit Schlägen

Das ist eine ungewöhnliche Art, einen Prolog zu gestalten. Sicher ist es auch irgendwie witzig, wie abrupt das Spiel vorbei war und die Credits durchliefen. Nach Lachen war mir aber nicht zumute. Das Spiel verhöhnt einen an dieser Stelle dafür, dass man versagt. Kurz vorm Speicherpunkt. Nach einer vollen Spielstunde - der allerersten Spielstunde. Das ist eine Form von "außergewöhnlich", die ich vielleicht irgendwann einmal für mutig und kreativ gehalten habe. Sie hat mich nichts anderes als verärgert.

Um es herunterzubrechen: Ich habe weder die freie Zeit, noch die Energie, lange Spielpassagen zu wiederholen, weil Entwickler provokant sein wollen. Vor allem dann nicht, wenn eine Macke im Spiel dafür sorgt, dass ich überhaupt erst in ihre Falle tappe. Man bekommt im Prolog tatsächlich ausreichend Heilkram mitgegeben, um auch diesen zweiten Bosskampf zu überstehen. Aber wegen einer Kamerahuddelei aufs Korn genommen und meiner Spielzeit beraubt zu werden, ist einfach nur ein Stimmungskiller.

Ich habe mich gefühlt, als habe man mich zum Eierlauf aufgefordert und mir kurz vor dem Ziel von der Seite den Löffel aus der Hand geschlagen. Um mich danach dafür auszulachen, und mich zum Start zurück zu schicken. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde und ich vorsichtig sein muss. Wurde dann aber einfach um des Scherzes wegen meiner Fortschritte beraubt. Ich erinnere mich, wie mich Metal Gear Solid 3 - Snake Eater im Kampf gegen The End an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Aufgegeben habe ich nicht, sondern probiert und probiert, bis ich eine Lösung fand, ihn zu besiegen. Ob ich Nier Automata noch einmal anrühre, weiß ich jedoch nicht.

The End aus MGS3 hat mir das Leben schwer gemacht. Aufgegeben habe ich dennoch nicht.The End aus MGS3 hat mir das Leben schwer gemacht. Aufgegeben habe ich dennoch nicht.

Liegt das also an mir? Habe ich mich dahingehend verändert? Bin ich weniger frustresistent geworden? Oder gibt es vielleicht Spiele, die einen tatsächlich einfach nur bewusst vor den Karren fahren, um als „außergewöhnlich“ von sich reden machen zu können? Vermutlich ein bisschen von all dem. Fakt ist: Es wird mir schwerfallen, dem Spiel noch eine Chance zu geben. Und Fakt Nummer 2: Ich habe nun Bammel vor Spielen, die mir schon im Vorfeld als Mindfucker bekannt sind. Hoffentlich legt der sich wieder. Ich mag die doch so sehr.

Mögt ihr auch ungewöhnliche Spiele? Und habt ihr auch schon erlebt, dass es euch manchmal auf die Nerven ging, dass sie so ungewöhnlich sind? Dann lasst es uns doch gern in den Kommentaren wissen und verratet uns, ob ihr schon ähnliche Erfahrungen beim Spielen gemacht habt.

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