Test Resident Evil 2: Endlich wieder echter Survival-Horror

von Micky Auer (22. Januar 2019)

Von Grund auf neu gestaltet und technisch auf einen modernen Standard gehoben: So positioniert Publisher Capcom das Remake von Resident Evil 2. Ist das der erste potenzielle AAA-Blockbuster des Jahres?

Vor über 20 Jahren, am 8. März 1998 erschien in Europa Resident Evil 2 für die erste PlayStation und landete prompt kurze Zeit später durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in Deutschland auf dem Index. Im März 2014 wurde die Indizierung vorzeitig aufgehoben. Was für damalige Jugendschützer ein Grund war, ein Spiel zu indizieren, gleicht heute einer Altersfreigabe ab 16 Jahren.

Mit dieser Vorgeschichte im Rücken lässt Capcom nun das Remake von Resident Evil 2 auf das Publikum los. Diesmal gleich mit einer USK-Freigabe ab 18 Jahren. Der klobig präsentierte Horror von damals weicht einer rundum erneuerten Darstellung, die sich zu weiten Teilen nahe an die Pluspunkte des Originals hält, jedoch auch einige verpasste Gelegenheiten mit sich bringt.

Resident Evil 2 erscheint am 25. Januar 2019 für PC, PlayStation 4 und Xbox One.

Der Horror breitet sich aus

Die Marke Resident Evil hat sich genauso schnell zum popkulturellen Phänomen entwickelt wie sich der tödliche Virus in den Spielen verbreitet. Der erste Teil der Saga hat das Genre "Survival Horror" definiert, der zweite Teil erweitert das Konzept um viele, eindringliche Momente, die in der Neufassung sogar noch stärker zum Tragen kommen.

Zombies alleine reichen nicht. Es müssen auch noch MUTIERTE Zombies sein!Zombies alleine reichen nicht. Es müssen auch noch MUTIERTE Zombies sein!

Das Spiel setzt zwei Monate nach den Ereignissen des ersten Teils an. Die mächtige und einflussreiche Umbrella Corporation entsendet eine Spezialeinheit, um den G-Virus, ein Forschungsprodukt von William Birkin (der Name wird im Verlauf der Geschichte zunehmend wichtiger), zu sichern.

Die Aktion geht schief, der Virus breitet sich in der Stadt Raccoon City aus und verwandelt fast die gesamte Bevölkerung in willenlose, blutrünstige Zombies. Damit nicht genug: Schrecklich mutierte Tiere und vollkommen bizarre Kreaturen treiben ebenfalls ihr Unwesen in der Stadt. Eines schrecklicher und tödlicher als das andere.

Auftritt Claire Redfield und Leon Kennedy! Die beiden Hauptfiguren lassen sich unabhängig voneinander spielen, erleben teilweise unterschiedliche Situationen und Lösungswege, laufen sich aber im Zuge der Geschichte immer wieder mal über den Weg, nachdem sie zu Beginn getrennt werden. Claire sucht nach ihrem Bruder Chris, der seit den Geschehnissen im ersten Teil als vermisst gilt. Leon hingegen ist noch völlig unbedarft. Als frisch ausgebildeter Polizist gerät er unversehens mitten in die Zombie-Apokalypse.

Gnadenlos, schonungslos, das nackte Überleben

Schon im Intro zeigt sich, dass die RE-Engine durchaus in der Lage ist, stimmungsvollere und intensivere Szenarien darzustellen als die (für damalige Verhältnisse) aufwändig gestalteten Rendersequenzen von 1998. Die Atmosphäre bleibt das ganze Spiel über finster, bedrohlich und lässt euch mit Bedacht vorgehen. Besonders Abschnitte, in denen eine Taschenlampe die einzige Lichtquelle darstellt, machen jeden Schritt im Spiel zur Nervenprobe.

Ein Schatten an der Wand: Habt ihr noch große Lust, diesen Raum zu betreten?Ein Schatten an der Wand: Habt ihr noch große Lust, diesen Raum zu betreten?

Die Grafik bleibt konstant auf einer hohen Framerate. Getestet haben wir das Spiel auf einer Standard-PS4. Zu keinem Zeitpunkt gab es Einbrüche in der Bildrate. Die Szenarien sind ehrlich gesagt aber auch nicht besonders aufwändig gestaltet, auch kommt es höchst selten zu actionreichen Sequenzen.

Wichtig ist natürlich die Atmosphäre in einem Horrorspiel. Diese ist in dieser Neufassung fast immer unglaublich dicht und trägt das Geschehen vom Anfang bis zum Ende. Stark daran beteiligt ist das hervorragende Sound-Design. Während die Grafik selbst eher unspektakulär aussieht, jedoch mit starken Licht- und Schattenspielen punktet, fällt das akustische Ambiente unglaublich intensiv aus. Oft sind es die Dinge, die ihr hört, aber (noch nicht) seht, die euch in den Wahnsinn treiben. Geräusche hinter verschlossenen Türen, Schritte hinter der nächsten Ecke, ein undefinierbarer Laut aus dem Keller am Ende der dunklen Treppe ... Das sind die Momente, die euch bis in den Schlaf verfolgen könnten.

Der klassische Survival-Aspekt wird durch Ressourcenknappheit und beschränkte Lagerungsmöglichkeiten umgesetzt. Munition und Heilmittel sind kostbarer denn je zuvor. Im Inventar stehen euch nur wenige Plätze zur Verfügung. Diese können zwar nach und nach mithilfe von Gürteltaschen erweitert werden, die ihr im Spiel findet, jedoch werdet ihr gerade am Anfang das eine oder andere Heilkraut stehen lassen müssen. "Backtracking" ist durchaus ein Thema, denn die miteinander verbundenen Vorratskisten, die genug Platz für eure überschüssigen Gegenstände bieten, stehen weit voneinander entfernt.

Hier bietet das Remake bereits eine wichtige, neue Komfortfunktion: Gegenstände und Rätsel, die ihr bereits aufgespürt, jedoch nicht mitgenommen respektive gelöst habt, werden automatisch auf eurer Übersichtskarte markiert. Diese Hilfe ist nicht zu unterschätzen! So könnt ihr in Ruhe eure Route planen, um einen bestimmten Ort zu erreichen. Die Wege dazwischen sind nämlich mit Gegnern gefüllt, die auch gerne mal nachwachsen! Das gilt für Gegner, jedoch nicht für eure Munition.

Um zu überleben, müsst ihr ganz genau überlegen, wohin ihr als nächstes geht und ob ihr wirklich die Konfrontation sucht, oder lieber auf Ausweichkurs geht. Gerade beim Lösen der äußerst klassisch gehaltenen Rätsel (Beispiel: Finde drei Medaillons, um einen Durchgang zu öffnen), schickt euch das Spiel kreuz und quer durch die Bereiche. Denn bestimmte Informationen oder Gegenstände, die ihr zwingend benötigt, um voranzukommen, befinden sich gerne mal am anderen Ende der Karte.

Was ist vom "Survival Horror" geblieben?

Zur Verteidigung steht euch eine Reihe von Schusswaffen zur Verfügung, die durch Auffinden der passenden Teile auch verbessert werden können, ebenso wie Sekundärwaffen, die euch Gegner vom Leib halten können, wenn sie euch zu nahe gekommen sind und ein Stück aus euch herausbeißen wollen. Doch Vorsicht: Selbst ein ordentliches Kampfmesser ist nicht ewig haltbar. Und steckt es erstmal in einem Zombiekopf, will es auch wieder herausgezogen werden, bevor ihr es wieder nutzen könnt.

Jeder Schuss ein Treffer? Mit Munition solltet ihr höchst sparsam umgehen.Jeder Schuss ein Treffer? Mit Munition solltet ihr höchst sparsam umgehen.

Auch wenn das Spiel eher eine ruhige Hand als schnelle Reaktionen erfordert, könnt ihr teilweise regelrecht fühlen, wie Adrenalin in eure Blutbahn ausgeschüttet wird. Spätestens wenn ihr in einem dunklen Korridor steht und zwei wankende Untote stöhnend und knurrend auf euch zukommen, schlägt euer Herz ein wenig schneller. Wenn dann erst mehrere Treffer ins Gesicht nötig sind und der angreifende Zombie erst einen halben Meter vor euch zu Boden geht, während der nächste immer näher kommt, stockt euch gerne mal der Atem. Und wer sagt, dass ein Zombie nicht jederzeit wieder aufstehen kann?

Resident Evil 2 ist kein Action-Spektakel. Schnelle Reaktionen und ein gutes Zielvermögen sind ein Vorteil, jedoch nicht zwingend eine Voraussetzung für das Überleben in Raccoon City. Wenn euch das Spiel zu schwer wird, lässt sich dank eines niedrigeren Schwierigkeitsgrades das Vorankommen etwas erleichtern. Trotzdem bleibt die Gefahr stets bestehen.

Besonders fies: Es gibt Bereiche, in die euch kein Gegner folgt. So zum Beispiel die Vorratsräume, wo ihr das Spiel auch speichern könnt (Ja, es muss manuell gespeichert werden!) oder eine Haupthalle im ersten Bereich des Spiels. Zumindest sollt ihr das glauben! Es wird nicht lange dauern, da werdet ihr auf der Flucht vor einem schier unbezwingbaren Gegner sein. Wir haben den Fehler begangen, uns in Sicherheit zu glauben, als wir eben jene Haupthalle betraten. Als dann plötzlich eine Tür aufflog und dieser Gegner mit schweren Schritten unaufhaltsam auf uns zustapfte, übertönten die spitzen Schreie aus der Kehle unseres Testers das Geschehen im Spiel um ein Vielfaches.

Um die in der Überschrift gestellte Frage zu beantworten: Resident Evil 2 bleibt seinem Auftrag durch die Bank absolut treu. Keine Action-Orgie, keine ständigen Hollywood-Explosionen, keine sexy Protagonisten in kurzen Klamotten - es gibt nur euch, eure Angst und den Willen, dieses Horrorszenario zu überleben. Sogar die extrem brutalen Splatter-Sequenzen dienen augenscheinlich nicht dem Selbstzweck, sondern verdeutlichen, was passiert, wenn euch die Gegner in die Finger kriegen. Der Splatter schürt vordergründig eure Angst, erst dann folgt der Ekel.

Die mysteriöse Ada Wong hat dazugelernt und geht nicht mehr im Cocktail-Kleid auf Zombie-Jagd.Die mysteriöse Ada Wong hat dazugelernt und geht nicht mehr im Cocktail-Kleid auf Zombie-Jagd.

Jedoch sei auch ein Kritikpunkt erwähnt. In einer Zeit, in der Autoren für ihre Arbeit an Videospielen ausgezeichnet werden, zeigt sich Capcom scheinbar nicht daran interessiert, einigermaßen plausible Dialoge oder Reaktionen im Spiel einzubauen. Die beiden Hauptfiguren sind vielmehr digitale Marionetten. Vollkommen austauschbar, ohne erkennbare Charakterzüge. Haltet euch mal diese Situation vor Augen:

Zwei junge Menschen werden ohne Vorwarnung in ein Szenario gestoßen, in dem wandelnde Leichen ihr Unwesen treiben und eine ganze Metropole vor die Hunde geht, während sie um ihr Überleben kämpfen müssen! Das erste Zusammentreffen mit einem Zombie wird beinahe regungslos registriert. Treffen sich die beiden im Spiel, wirken die Gespräche so, als würden sie sich gerade zum Abschlussball an der High School verabreden. Andere Charaktere wiederum treten so überdreht oder melodramatisch auf, dass sie komplett an Glaubwürdigkeit verlieren.

Dafür wird aber selbst der kleinste Kratzer, den die beiden abkriegen, durch ständiges Gestöhne und Gegrunze verdeutlicht, das ununterbrochen bis zur nächsten Einnahme eines Heilkrauts anhält und großes Potenzial birgt, euch den Nerv zu töten. Ein Versäumnis, Capcom, das bitte bis zum nächsten Remake ausgemerzt werden sollte.

Meinung von Micky Auer

Die großen Neuerungen sind offensichtlich: richtige 3D-Umgebung statt vorgerenderter Hintergründe, dadurch ist auch eine Schulterperspektive möglich, Tank-Steuerung wird durch direkte Stick-Steuerung ersetzt, gespeichert wird nun ohne Zuhilfenahme von Farbbändern an alten Schreibmaschinen. - Wer es aber intensiver und noch näher am Original haben will, darf das im Hardcore-Modus auch gerne wieder wie im Original machen. So weit - so übersichtlich. Aber was ist mit dem Gesamteindruck?

Mit großer Spannung und einer gewissen Skepsis habe ich dieses Remake erwartet. Beides deshalb, weil Resident Evil 2 nun mal eines der bekanntesten Spiele aus den späten 90ern ist und den Erfolg der damals noch jungen Serie gefestigt hat. Potenziell hätten bei einer Neuauflage viel zu viele Dinge komplett schiefgehen können. Zum Beispiel, wenn Capcom sich dazu entschieden hätte, das Szenario eher in Richtung Resident Evil 6 zu gestalten: mehr Gegner, mehr Geballere, mehr Explosionen, mehr hübsche Zwischensequenzen. Doch meine Sorge war unbegründet: Das Remake von Resident Evil 2 wird seiner legendären Vorlage gerecht.

Es ist tatsächlich schon eine ganze Weile her, seit ich dieses ganz spezielle Gefühl empfunden habe, das beim Spielen eines Resident Evil entstehen kann. Das mag einer gewissen Nostalgie geschuldet sein, die ein Kenner des Originals nun mal mit in die Wahrnehmung einbringt. Doch bin ich mir sicher, dass auch neue Spieler, die zuvor noch keinen Kontakt mit den alten Teilen hatten, sich davon einfangen lassen könnten.

Lasst euch nicht von der auf den ersten Blick glanzlos wirkenden Grafik täuschen. Die große Stärke des Spiels entfaltet sich erst, wenn ihr vor dem Bildschirm sitzt und euch auf das Geschehen einlasst. So entsteht eines der intensivsten Spielerlebnisse, die es zurzeit auf dem Markt gibt. Gut, die lachhaft wirkenden Dialogsequenzen reißen euch da mitunter etwas raus, aber solche Momente sind selten genug. Resident Evil 2 lebt von eurem Erlebnis, nicht von dem der Protagonisten.

Erfreulich ist auch der Umstand, dass der mutigste Tofu-Block der Welt wieder seine Abenteuer erleben darf. In einem separaten Spielmodus erlebt ihr die Abenteuer des letzten Überlebenden eines S.T.A.R.S.-Teams. Dieser Überlebende kann auch ein Stück Tofu mit Barett sein. Oh, Japan ...

86 Spieletipps-Award

meint: Sehr gutes Remake, das dem berühmten Original gerecht wird. Äußerst intensive, klassische Horror-Atmosphäre mit nur kleinen Schwächen.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Horror   Remake  

10 Dinge, die ihr als Partner eines Gamers verstehen solltet

Zum Valentinstag: 10 Dinge, die ihr als Partner eines Gamers verstehen solltet

Der 14. Februar - der Valentinstag - macht auch vor Menschen nicht Halt, deren liebstes Hobby Videospiele sind. Entgegen (...) mehr

Weitere Artikel

Lantern Festival Sale mit zahlreichen Angeboten gestartet

GOG: Lantern Festival Sale mit zahlreichen Angeboten gestartet

Auf GOG.com hat passend zum Laternenfest der Lantern Festival Sale begonnen. Was das bedeutet? Dutzende Angebote (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Resident Evil 2 (Übersicht)
* gesponsorter Link