Test Kingdom Hearts 3: Völlig irre und aufgebläht - total unterhaltsam

von René Wiesenthal (24. Januar 2019)

Es wird dieses Jahr wohl kaum einen Release geben, der mit so großen Erwartungen seitens seiner Fans verbunden ist, wie der von Kingdom Hearts 3. Wir haben das Spiel ausgiebig gezockt und sind nun verwirrt, verunsichert und fühlen uns dabei bestens unterhalten.

Könnte Kingdom Hearts 3 eigentlich eine noch größere Last auf seinen Schultern tragen? Bereits im Jahr 2013 wurden die Arbeiten am dritten Hauptteil der Serie bekannt gegeben, seitdem wartet eine unglaublich leidenschaftliche Fanbase geduldig auf den Release des Spiels. Bei Laune gehalten wurde sie nach Kingdom Hearts 2 durch eine Unmenge an Spin-Offs und Prequels, die eine Lore gesponnen haben, die in Sachen Verschachtelung ihresgleichen sucht.

Nun ist es an Kingdom Hearts 3, die losen Fäden aufzusammeln und zufriedenstellend weiterzustricken. Genauer gesagt: Das Spiel setzt nach dem Ende von Kingdom Hearts 3D – Dream Drop Distance ein, das im Jahr 2012 für Nintendo 3DS erschien. Unwissende würden es wohl fälschlicherweise am Ende von Teil 2 verorten – viel zu konventionell für ein Kingdom Hearts.

Kingdom Hearts 3: Face My Fears - Titelsong-Trailer

Wie schon in den beiden anderen Hauptteilen steht Sora im Mittelpunkt der Handlung. Der hat seine Meisterprüfung nicht bestanden und beginnt Kingdom Hearts 3 nun all seiner Kräfte beraubt. Diese aber braucht er, um die Fähigkeit der Erweckung zu erlernen. Also macht er sich unter der Fuchtel von Zauberer Yen Sid mit seinen Stammkumpels Donald Duck und Goofy wieder auf die Reise durch die zerklüftete Galaxie, um zu alter Stärke zu kommen.

Viel mehr wollen wir euch noch nicht verraten, was Fans sicher ohnehin schon wissen: Xehanort treibt noch immer sein Unwesen und die Organisation XIII ist weiter auf der Suche nach sieben Wächtern des Lichts, um ihren Masterplan in die Tat umzusetzen. Die sucht sie in diversen Figuren aus dem mittlerweile noch breiter aufgestellten Disney-Portfolio. So sind es abermals Kindheitshelden wie Herkules oder Winnie Puuh, die die Bühne für Square Enix‘ aberwitzige Geschichte stellen. Doch auch neuere Disney-Produktionen wie Rapunzel – Neu verföhnt oder Die Eiskönigin sind diesmal mit von der Partie.

Das Zwielicht der Videospiele

Vernünftig betrachtet dürfte es die "Kingdom Hearts"-Spiele gar nicht geben. Es sind oft düstere, meist zumindest abstrakte Motive und Handlungsstränge, die unter Einfluss von Square Enix – im speziellen "Kingdom Hearts"-Mastermind Tetsuya Nomura - Einzug in das gemeinsame Universum gehalten haben. Deren verschachtelte und teilweise völlig irre Erzählung beißt sich derart krass mit der Leichtfüßigkeit, für die Disney im Allgemeinen bekannt ist, dass man meinen müsste, es handelt sich bei der Fusion der beiden um einen Unfall.

Und dennoch ist sie schon mehrfach geglückt und erfreut sich großer Beliebtheit. Kingdom Hearts 3 als neuestes Marken-Ensemble zeigt nun den Kontrast zwischen den Universen stärker als je zuvor.

Dass es Szenen wie diese gibt, grenzt an ein Wunder.Dass es Szenen wie diese gibt, grenzt an ein Wunder.

Das liegt unter anderem daran, dass die Autoren von Square Enix sichtlich darum bemüht waren, alle offenen Handlungsstränge weiterzuerzählen und unter einen Hut zu bringen, während die einzelnen Disney-Welten im Groben die launigen, einfach greifbaren und leicht bekömmlichen Geschichtchen ihrer Vorlagen erzählen. Mit Beenden eines jeden „Planeten“ sind diese dann auch abgeschlossen.

Das ständige Aufploppen von Mitgliedern der Organisation XIII aus dem Nichts, die gewohnt kryptisch ihre Vorhaben erläutern, wirkt in diesen Szenerien wie ein erzählerischer Fremdkörper. Auch häufige Einspieler, die parallele Handlungsstränge erzählen, bleiben im direkten Gegensatz zu den Problemchen in den Disney-Welten vage und wahnsinnig überladen mit Namen und ausschweifenden Erklärungsversuchen.

Ein paar Eckpfeiler der Geschichte werden euch in diesem Trailer vorgestellt:

Generell ist der Zauber des Aufeinanderprallens von Disney und Square Enix mittlerweile weitestgehend verflogen. Der Überraschungseffekt bei der Begegnung mit aus sehr unterschiedlichen Franchises bekannten Figuren ist nach so vielen Spielen kaum mehr vorhanden – zumal Kingdom Hearts 3 eine ordentliche Menge an Lizenzen abfeuert.

Dazu kommt, dass die Iterationen der CGI-Marken von Disney so stark ihren Filmvorlagen gleichen, dass sich deren Welten wie eine verkürzte Version dieser anfühlen. Deren Kulissen bestehen teils auch aus recht austauschbaren Landschaften, denen in der Spielumsetzung über weite Strecken markante, herausragende Merkmale fehlen. Sie schwanken dabei zwar in der Qualität, sind im Aufbau jedoch oft geradlinig und erlauben selten ausgiebige Erkundungstouren abseits der Hauptmission.

Unsichtbare Wände verhindern überall das Ausbrechen aus dem Korsett, Backtracking und Recycling bereits besuchter Kulissen sind – wie man es von der Serie gewohnt ist – fester Teil des Missions-Designs. Einer von mehreren Punkten, in denen Kingdom Hearts 3 veraltet wirkt. Die gehäuften Ausflüge in die sehr ausladende Vertikale sorgen dagegen für Abwechslung und – anders als die optische Gestaltung der Welten – für Staunen und ein Freiheitsgefühl.

Disney, wie es lacht und singt

Die Disney-Figuren machen viel Spaß und wachsen in kürzester Zeit ans Herz.Die Disney-Figuren machen viel Spaß und wachsen in kürzester Zeit ans Herz.

Trotz all dem können die Disney-Adaptionen durch originalgetreue und liebenswerte Figuren punkten. Nicht alle bekommen gleich viel Rampenlicht, wer aber die Vorlagen oder den Humor mag, wird sich in den Reihen der Figuren pudelwohl und bestens unterhalten fühlen.

Oftmals stellen deren launige Einlagen und Dialoge sogar die eigene Entourage in Sachen Charme in den Schatten. Besonders eure beiden Haudegen Donald und Goofy zeigen sich in Kingdom Hearts 3 überraschend blass. Ihre Redeanteile wirken manchmal eher wie Ansagen vom Regisseur, der euch in eine bestimmte Richtung lenken möchte, als der Versuch von Figurenzeichnung. Da vermisst man die Gefühlsausbrüche eines kurz angebundenen Donald Duck und die liebenswerte Trotteligkeit, durch die sich Goofy eigentlich auszeichnet.

Eine breite Palette an Feuerwerken

Spielerisch hat sich Kingdom Hearts kaum verändert. Ihr absolviert immer wieder kleinere Minispiele und Geschicklichkeitsaufgaben - im Kern stehen aber ganz klar die Kämpfe, die in Lauf- und Sprungpassagen gestreut werden und häufig in mehreren Wellen ablaufen. Es gibt zwar eine Fülle teilweise völlig neuer Fähigkeiten, die ihr einsetzen könnt – doch fühlt es sich an, wie es sich schon immer angefühlt hat. Und das ist gut so! Denn das macht immer noch großen Spaß.

Euch stehen standardmäßig gewöhnliche Angriffe mit bis zu drei ausrüstbaren Schlüsselschwertern zur Verfügung, zwischen denen ihr mit den Pfeiltasten hin und her wechseln könnt. Nach gelungenen Kombos könnt ihr die Waffen in neue Formen transformieren, dadurch mehr Schaden austeilen und großflächige Spezialangriffe auslösen. Durch Schmiedefähigkeiten lassen sich die Schlüsselschwerter übrigens auch aufmotzen und noch mächtiger machen. Daneben gibt es wieder die Möglichkeit, aus "Final Fantasy"-Spielen bekannte Angriffs- und Unterstützungsmagie zu wirken und natürlich Beschwörungsgeister zur Unterstützung zu rufen.

Dieser Komboabschluss mit dem transformierten Konterschild ist nur eine von vielen großflächigen Attacken, die ihr recht unkompliziert abfeuern könnt.Dieser Komboabschluss mit dem transformierten Konterschild ist nur eine von vielen großflächigen Attacken, die ihr recht unkompliziert abfeuern könnt.

Als reiche das nicht aus, um gegen Herzlose und Niemande zu bestehen, kann Sora in bestimmten Situationen eine „Zweite Form“ annehmen, so genannte Shotlock-Angriffe ausführen, die ähnlich wie die Bullet-Time aus "Max Payne"-Spielen funktionieren, Partnerangriffe starten und Attraktionen aus den Disney-Vergnügungsparks vom Stapel lassen.

Durchatmen! Das liest sich sicher alles überladen (ist es auch irgendwie), läuft nach einer Eingewöhnungszeit aber quasi wie von alleine und gipfelt flüssig in überwältigend effektvollen Kombinationsangriffen. Sora rauscht dank stark ausgeprägter Zielverfolgung am Boden und in der Luft über den Bildschirm, weicht Angriffen aus und pariert sie mit Blitzen, Feuer und Laserstrahlen, dass es nur so kracht.

Die Teetassen sind eine der Attraktions-Fähigkeiten, die dem Disney Land entlehnt sind.Die Teetassen sind eine der Attraktions-Fähigkeiten, die dem Disney Land entlehnt sind.

Ja, dabei geht schon mal die Übersicht verloren, aber niemals wird euch das zum Verhängnis, immer steht euch ein Kniff über eine Schnelltaste bereit, um euch wieder die Oberhand in Kämpfen zu verschaffen. Mit zunehmendem Spielfortschritt verteilt ihr Fähigkeitspunkte auf zusätzliche Kombos, Doppelsprünge und andere Manöver, die die Kämpfe noch schneller und dynamischer machen.

Klassisch oder altbacken?

Kingdom Hearts 3 spielt sich durch die fehlenden wirklichen Veränderungen im Gameplay und das recht strikte Welt-Design alles andere als zeitgemäß. Auch weil die normale Bewegungssteuerung nach wie vor sehr ungenau ausfällt. Man könnte stellenweise meinen, man spielt noch immer ein PS2-Spiel mit aufgebügelter Grafik. Aber die Leichtigkeit, mit der ihr in Kämpfen Kombos und effektvolle Angriffe abfeuert, in Kombination mit der strengen Direktion durch die Welten, erzeugt einen derart einnehmenden Spielspaß-Flow, dass ihr meist einfach nur so durch die Levels flutscht.

Unterbrochen werdet ihr dabei regelmäßig von langen, schön inszenierten Zwischensequenzen – die anschaulich sind, jedoch auch hin und wieder ausgehalten werden müssen. Am Ende einer jeden Welt wartet dann ein fordernder Boss und auf geht’s ins Gumischiff, ein bisschen im Editor herumdödeln und im Anschluss auf zum nächsten Disney-Spielplatz.

Natürlich fehlen auch die Galaxie-Reisen und der Gumi-Editor nicht im dritten Teil.Natürlich fehlen auch die Galaxie-Reisen und der Gumi-Editor nicht im dritten Teil.

In dieser Einfachheit zeigt sich also gleichzeitig eine Stärke, aber auch das Veraltete, das Kingdom Hearts 3 anheftet und das für viele Spieler sicher ein Kritikpunkt ist. Wer sich darauf einlassen kann, verfällt einem stetigen Zyklus aus befriedigendem Kern-Gameplay, Leveln, Sammeln, Filmchen schauen und kreativem Basteln, der zu fast keiner Zeit richtige Durchhänger aufkommen lässt und permanent bei Laune hält.

Natürlich gibt es für die, denen das nicht genug ist, noch einiges an Nebenbeschäftigungen. Sei es das Finden von Glückssymbolen oder das Freischalten von Schätzen im Universum zwischen den Welten. Auch die bereits im Vorfeld vorgestellten "Classic Kingdom"-Minispiele sorgen für Motivation.

Aber oftmals sind Bonusinhalte auf eine Art in den eigentlichen Spielfluss eingestreut, dass auch sie euch nicht völlig aus dem linearen Spielspaß-Sog herausreißen. Garniert wird der ganze "Mash Up"-Wahnsinn mit einem traumhaft schönen, orchestralen Soundtrack, der sich über die Disney-Welten legt und die Stimmung jeder Szene perfekt einfängt. Eine wilde Mischung.

Meinung von René Wiesenthal

Ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, aber: Kingdom Hearts 3 ist vollkommen irre. Das ist manchmal anstrengend, meistens aber enorm unterhaltsam und oftmals einfach so weit drüber, dass ich darüber lachen muss. Kingdom Hearts 3 hat mir richtig Spaß gemacht, weil ich es nicht allzu ernst genommen habe – ich konnte es schlicht nicht. Dafür ist die Erzählung viel zu verworren und überladen, selbst einfachste Logik oftmals nicht vorhanden. Es fühlt sich an wie eine wilde Fahrt in einer der Disney-Attraktionen, die ich mir mit Sora als bildschirmfüllende Krawallattacken aus meinem virtuellen Ärmel schütteln kann – ein herrlich übertriebener Spaß.

Für Spieler, die bisher keine Berührungspunkte mit der Serie hatten, heißt das aber auch: Ihr seid schnell verloren, wenn ihr mit Teil 3 in die Reihe und Geschichte einsteigen wollt. Ich sehe ehrlich gesagt keine große Chance, dass Frischlinge in das Spiel finden werden – auch, wenn die Autoren sich bemühen, Zusammenhänge herzustellen und allem einen Sinn zu geben.

Spieler, die seit Teil 1 dabei sind, haben da wohl kleinere Probleme. Denen könnte mittlerweile aber der alte Zauber verlorengegangen sein – oder aber sie haben sich ganz viel Nostalgie bewahrt und werden aufs Neue verzückt. Bei mir persönlich war zumindest der große Aha-Effekt weg.

Dafür wurde ich in einem Maß unterhalten, wie ich es nach dem letzten Teil der Hauptreihe nicht mehr erwartet habe. Kingdom Hearts 3 fühlt sich an wie damals, trumpft mit ausgedehnten Filmsequenzen auf und dampft spielerisch alles auf einen ziemlich geradlinigen Zyklus aus befriedigenden Kämpfen und Sammeln herunter. Wem das – zusammen mit der viel zu indirekten Steuerung – zu altbacken ist, der wird Probleme mit Kingdom Hearts 3 bekommen. Ich konnte mich nach einer Zeit daran gewöhnen und bin voll in die Spielspaßfalle getappt.

Abschließend bleibt mir also zu sagen: Wem die Serie neu ist, der sollte eher beim Urschleim anfangen, als sich von Kingdom Hearts 3 verprellen zu lassen. Wer nach all der Entwicklungszeit massive Veränderungen erwartet, könnte enttäuscht werden. Wer sich entweder voll und ganz seiner Nostalgie hingeben kann oder – so wie ich – dem einnehmenden Spielspaß-Flow erliegt, der kriegt ein fettes, irrwitziges Feuerwerk für die Sinne, an dem er lange Freude haben kann. Mir hat’s gefallen!

87 Spieletipps-Award

spieletipps meint: Irrwitziges Feuerwerk für die Sinne, das mit Spielspaß punktet, aber durch die komplizierte Story und veraltete Elemente abschrecken kann.

Jetzt eigene Meinung abgeben

Tags: Singleplayer  

Als ich bei Watch Dogs 2 die Mafia mit Mondscheinsonate fertigmachte

Dieser eine Moment: Als ich bei Watch Dogs 2 die Mafia mit Mondscheinsonate fertigmachte

Es war ein Zufall, nur ein einfacher Zufall. Aber er verwandelte für mich eine simple "Watch Dogs 2"-Mission in (...) mehr

Weitere Artikel

Currywurst erklärt die Gründe der Trennung

HOWAIZEN Squad: Currywurst erklärt die Gründe der Trennung

Der YouTuber Herr Currywurst bricht das Schweigen über die Trennung des HOWAIZEN Squad. Offensichtlich di (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Kingdom Hearts 3 (Übersicht)
* Werbung