Streitgespräch: Wie kann Resident Evil 2 noch gut sein?

(Kolumne)

von Michael Sonntag (16. Februar 2019)

Seitdem das Remake zu Resident Evil 2 erschienen ist, beschwört es regelrechte Jubelstürme bei den Spielern herauf. Michael wundert es allerdings, wie die Neuauflage des 21 Jahre alten Klassikers überhaupt mit dem Gegenwarts-Horror mithalten kann. René glaubt, die Antworten darauf zu kennen.

Auch bei uns in der Redaktion sind wir nicht immer einer Meinung - schockierend, nicht wahr? Wir präsentieren euch in dieser Reihe zwei Perspektiven zu einem Thema. Zwei Redakteure streiten sich, damit ihr euch eure eigene Meinung bilden könnt.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienen Artikel.

Resident Evil 2 ist genau wie damals, nur besser. Wenn ein Remake diese Bewertung erhält, hat es an sich alles richtig gemacht. Der Pixel-Look, die vorberechneten Hintergründe und die sperrige Steuerung sind verschwunden.

Dafür schießt und rätselt sich der Charakter jetzt agil durch eine hochaufgelöste Welt. Aber es bleibt dem Original dennoch treu, denn auch 21 Jahre später erkunde ich die Polizeistation von Raccoon City, um aus der Stadt zu fliehen und dabei gleichzeitig dem Ursprung der Zombie-Epidemie auf die Schliche zu kommen.

Michael:

Während Resident Evil 2 sowohl meine nostalgische Ader bedient als auch ordentlich Spaß macht, muss ich trotzdem zugeben, dass ich beim Spielen manchmal so etwas wie Gemütlichkeit empfinde. Dunkle Gänge, Blut, humpelnde Untote - für ein Horrorspiel fällt es dann doch stellenweise zu oldschool aus, um mich 2019 noch wirklich schocken zu können. Gerade wenn Spiele wie The Evil Within bereits Jahre zuvor das Gegner-Design, das Welt-Design als auch die Spielmechaniken im Horror-Genre revolutioniert haben. Ich meine, ich habe dutzende Male die Welt vor Zombies gerettet, aber wie oft war ich schon im Kopf eines Psychopathen gefangen?

Bin ich total abgebrüht oder ist mir etwas Entscheidendes entgangen, René?

Für Michael begegnet euch der Horror in The Evil Within auf mehreren Ebenen:

René:

Bevor ich auf Resident Evil 2 eingehe, möchte ich zuerst einmal anzweifeln, dass The Evil Within das Horror-Genre revolutioniert hat. Was genau hat das Spiel denn Revolutionäres getan? Survival-Horror aus der Third-Person mit Shooter-Einlagen gab es davor schon zuhauf – unter anderem in diversen Ablegern der "Resident Evil"-Reihe, deren erste Spiele Vorbild für The Evil Within waren. Shinji Mikami hat sich damit auf die Rezeptur besonnen, mit der er Resident Evil damals erfolgreich gemacht hat. Dieselbe Rezeptur, die nun das Remake von Resident Evil 2 zu einem fantastischen Horrorspiel macht. Wobei The Evil Within im ersten Teil sogar irgendwann zur Schießbude verkommen ist.

Der Twist, im Kopf eines Menschen unterwegs zu sein, ist auch keine frische Idee. In zahlreichen Games wurde die bereits verarbeitet. So zum Beispiel in Psychonauts oder sogar im Rollenspiel Eternal Sonata. Ein alter Hut, der auch in zahlreichen Filmen auftaucht. Somit finde ich nicht, dass The Evil Within als ein Argument gegen klassische Elemente herhält.

Du sagst, Resident Evil 2 sei zu altbacken. Das mag auf manche Rätsel, die Dialoge und das Inventarsystem zutreffen. Aber was den Horror angeht, spielt Resident Evil 2 ganz oben mit. Dass dich das Szenario nicht anspricht, du genug von Zombies hast, ist die eine Sache. Doch Ressourcenknappheit, übermächtige Gegner, eine bedrohliche Geräuschekulisse, hin und wieder Jump Scares - die Mittel, mit denen Capcom Spieler hier in Beklemmnis bringt - sind zeitlos.

Michael:

The Evil Within darauf herunterzubrechen, tut dem Spiel gehörig unrecht. Das Revolutionäre oder zumindest Neue findest du bereits bei der Bildschirmaufteilung des Spiels, die mit schwarzen Balken das Sichtfeld einschränkt und damit ein beklemmendes Gefühl erzeugt. Das geht dann weiter mit anspruchsvollen Gegnertypen wie dem Wächter, der nicht nur sehr bedrohlich ist, sondern auch so oft wiederkehrt, wie es Tresore auf dem Gelände gibt. Allein einen dieser Kästen irgendwo liegen zu sehen, kündigt seine baldige Ankunft an und jagt einem damit schon extrem viel Angst ein. Und die Welten - ein Sanatorium, eine Kirche, eine Großstadt - sind an reale Orte angelehnt und haben gleichzeitig alle eine mystische Bedeutung inne, die man erst später oder nie versteht. Kurz: Hier begegnet dir der Horror auf mehreren Ebenen, in Resident Evil 2 höchstens auf einer oder zwei.

Ich glaube, es geht bei unserem Gespräch um ein unterschiedliches Verständnis von Horror und Anspruch an diesen. Ich will nicht nur erschreckt, sondern fertig gemacht werden. So effektiv diese allgemeinen Horror-Elemente auch sind, die du ansprichst, sie nutzen sich schnell ab, sobald man sich an sie gewöhnt oder sie verstanden hat. Deshalb müssen sich Horrorspiele auch immer weiterentwickeln, um neue Methoden des Schreckens zu finden - zumindest für Fans, Einsteiger werden sicherlich auch immer Freude an demselben haben können. Ein gutes Horrorspiel sollte immer über geheime Asse verfügen und dem Spieler immer wieder die Kontrolle entziehen können. Und das passiert mir bei Resident Evil 2 zu selten, was zum Teil an den alten Elementen liegt, die der Entwickler aus dem Original übernommen hat.

Resident Evil 2: Claire im Kampf gegen Super-Zombies - Gameplay-Trailer

Da ich mich 70 Prozent der Spielzeit im Polizeihauptquartier aufhalte, ist es mir irgendwann derartig vertraut, dass ich mich dort nicht mehr grusele und meine Kenntnisse über die Räume sogar zu meinem Vorteil einsetzen kann. Was die Gegner angeht, sei es der Standard-Zombie, der Licker oder der große Mutant, kann jeder auf dieselbe Weise bewältigt werden, entweder durch Schusskraft oder durch Weglaufen. Einzig und allein der unaufhaltsame Mr. X kann zeitweise Situationen der Überforderung herbeiführen.

Die teils banalen, teils unpassend flirtigen Dialoge, Charaktere wie Ada Wong, die trotz der Apokalypse im Kleid und Stöckelschuhen rumläuft, die Grundschulrätsel - Resident Evil 2 serviert mir einen ganz speziellen Horror, der sich selbst stellenweise nicht ernst nimmt. Und bevor ich deinen gesamten Hass oder den unserer Community auf mich ziehe: Es ist ein unglaublich spaßiges Spiel, vielleicht sogar eines der besten dieses Jahres, das alles richtig macht - außer ein zeitgemäßes Hororspiel zu sein. Es hat den Klassiker im neuen Licht erstrahlen lassen, aber die Aufgabe, einen neuen Horror zu schaffen, liegt weiterhin bei Resident Evil 8.

René:

Nur ein oder zwei Horroraspekte in Resident Evil 2? Bist du sicher, dass du das richtige Spiel meinst? Vielleicht warst du auch nicht aufmerksam, sondern hast auf Durchzug gestellt, weil es um Zombies geht, die du offensichtlich satt hast. Oder du bist einfach abgehärtet, was Horror angeht – dafür kann aber Resident Evil 2 nichts. Ich behaupte: Würdest du mit dieser Sicht heute nochmal The Evil Within spielen, müsstest du zugeben, dass es nichts viel besser (oder schlechter) macht, sondern manches einfach nur ein bisschen anders.

Resident Evil 2 spielt mit der durch Dunkelheit und das Weltdesign einschränkenden Sicht, um dich in die Irre zu führen. Es verteilt Gegner und Jump Scares so geschickt, dass du nicht permanent erschreckt wirst, jedoch immer mit einer unangenehmen Überraschung rechnen musst. Außerdem beinhaltet es nicht geskriptete Elemente – vor allem dank Mr X. – die für ein Zufallselement sorgen, das dich unter ständigen Druck setzt.

Denn wenn wir schon von anspruchsvollen Gegnertypen reden: Die Reinkarnation von Mr. X, oder Tyrant, wie er mittlerweile heißt, ist einer der wohl besten Gegner im Horror-Genre. Er ist unbesiegbar, meist in Bewegung und auf der Suche nach dem Spieler. Wie findige Fans herausgefunden haben, wird er zwar hin und wieder in der Nähe des Spielers gespawnt, meist läuft er aber durch einen der nahtlos ineinander übergehenden Räume oder Korridore in der Umgebung. Er ist also immer nahe, könnte jederzeit aus einer Tür vor oder hinter dir geplatzt kommen. Die geniale Sound-Kulisse lässt ihn dich ständig seine schweren Schritte hören. In seinem Wesen schockt er durch sein vollkommen ausdrucksloses, kaltes Gesicht in Kombination mit gnadenloser Härte mindestens genauso wie die verzerrten und entstellten Fratzen in The Evil Within.

Was Resi 2 bei all dem – meiner Meinung nach – sogar noch über deinen Liebling stellt: Alles ist viel bodenständiger und stärker in der Realität verankert. Übernatürliche Willkür, die alle Regeln, nach denen die Welt funktioniert, von einen auf den anderen Moment auf den Kopf stellt, gibt es in Resident Evil 2 nicht. Damit driftet das Spiel niemals ins Beliebige ab. Dieses Beliebige bezeichnest du als „Weiterentwicklung“, ich empfinde es auf Dauer als ermüdend.

Was die cheesy Dialoge und Fremdschämeinlagen angeht, gebe ich dir sogar Recht – das geht viel besser und ist aus der Zeit gefallen. Der Horror im Spiel, also außerhalb dieser Sequenzen ist es aber nicht – und um den geht es. Und ich bitte dich, The Evil Within ist ja wohl unfreiwillig komisch und steif erzählt as hell. Für mich hört sich das alles so an, als ob dich Szenario und das grafische Design anderer Spiele schlicht mehr anspricht als das in Resident Evil 2. Daraus zu schließen, dass es Horror nicht so gut macht wie andere Genrevertreter, finde ich aber weit hergeholt.

Michael:

Okay, ich merke, dass sich das zu einer immer subjektiveren Angelegenheit hochschaukelt, kein Wunder, da es im Grunde ja auch um persönliche Eindrücke und Empfindungen geht. Ich bin halt ein Horror-Veteran und du ein notorischer Angsthase - das war ein Scherz!

Andererseits ist es zu einfach, diese deutlichen Unterschiede zwischen The Evil Within und Resident Evil 2 auf andere Geschmäcker zu reduzieren. Das erste hat nun mal dank seines Szenarios und seiner Prämissen mehr Spielraum als das zweite. Abgesehen davon, dass Resi nicht wirklich den nötigen Realitätsanspruch an den Tag legt, um in irgendeiner Weise als irdisch zu gelten. Wobei ich auch nicht weiß, ob "irdisch" jemals ein Indikator für guten Horror gewesen ist.

Ja, da stimme ich dir zu, The Evil Within leidet stellenweise an derselben Trashigkeit wie Resident Evil 2, was mich nicht wundert, da sie aus derselben gedanklichen Schmiede stammen. Diese Trashigkeit macht Resi 2 für mich sympathisch und Evil Within kryptisch. (Und ja, gegen Ende lässt Evil Within massiv nach).

Ich versuche jetzt, statt jede deiner Aussagen auf links zu drehen, meinen Standpunkt mit einem finalen Statement klarer zu machen: Resident Evil 2 ist das gute Remake eines alten Spiels. Vielleicht sollte es den Horror von damals nur aufhübschen und nicht weiterentwickeln. Das scheinen seine Fans offenbar auch nicht gewollt zu haben.

Vielleicht ist mir der Horror der „Resident Evil“-Reihe allgemein auch zu spaßig, nicht persönlich und aggressiv genug. Wenn du Silent Hill 2 gespielt hast, weißt du vielleicht, was ich meine. Ich freue mich, wenn ihr euch, wenn du dich wahnsinnig in Resi 2 erschrecken kannst. Aber für den Kick, den ich suche, muss ich noch auf das richtige Spiel warten.

René:

Nun, dann weiß ich gar nicht, was ich dir wünschen soll - viel Erfolg dabei oder doch eher, dass du so unerschrocken bleibst. Ich Angsthase werde mir jetzt erstmal schön in meine Angsthose pupen. Und zwar bei Resident Evil 2, denn The Evil Within tut es dafür nicht für mich.

Welchem der beiden Autoren stimmt ihr zu, René oder Michael? Seht ihr das auch so, dass Resident Evil 2 altbacken ist und heute keinen mehr schocken kann oder findet ihr eher, dass es genau der Horror ist, den es 2019 braucht? Schreibt es uns in die Kommentare!

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