Test Far Cry - New Dawn: Mehr Karneval als Mad Max

von Michael Sonntag (14. Februar 2019)

Wir haben an der postapokalyptischen Afterparty teilgenommen und sind uns unsicher, wie wir sie in Erinnerung behalten sollen. Ging Far Cry - New Dawn steil? Oder eher steil bergab? Die Musik war auf jeden Fall gut.

Zickenkrieg im Paradies

Der Kampf gegen die Weltuntergangssekte in Far Cry 5 war letztendlich vergebens: Am Ende behielt sie Recht und die Welt verging im atomaren Feuer. Aber 17 Jahre später kann von trostlosem Ödland nicht mehr die Rede sein. In Far Cry - New Dawn blüht die Natur in neuen Farben auf, auch die Tierwelt entfaltet sich in neuer, wenn auch mutierter Form. Und die Bewohner von Hope County können sich dem Wiederaufbau der Gesellschaft widmen. An sich ein Paradies, wenn da nicht die Plünderer der Highwaymen wären, die eine Allergie gegen Frieden und Teilen haben.

Am Freitag geht's los!

Unter der Führung der zwei durchgedrehten Zwillingsschwestern Mickey und Lou terrorisieren sie alle Überlebenden und stoppen auch den heißersehnten Unterstützungszug, zu dessen Mannschaft ihr gehört (wahlweise als stummer weiblicher oder männlicher Protagonist). Das Duo macht euch sofort klar - und das sehr deutlich - dass ihr hier nicht willkommen seid.

Mickey und Lou verwenden in Diskussionen gerne "effektive" Argumente.Mickey und Lou verwenden in Diskussionen gerne "effektive" Argumente.

Trotz der Prämisse ist in New Dawn storytechnisch nicht viel zu holen, die Geschichte bleibt dünn und vorhersehbar. In den Zwischensequenzen halten sich die Figuren streng an ihr Klischee-Skript und scheinen charakterlicher Tiefe fast schon auszuweichen, lediglich die unterstützenden Kämpfer können einen mit ihren interessanten und sympathischen Sprüchen unterhalten. Aber es scheint so, dass das alles nur den Rahmen für den funky Spielplatz liefern soll, auf dem ihr euch austoben könnt.

Entwicklungshilfe in der Endzeit

Euer Ausgangspunkt im Kampf gegen die Plünderer ist die Überlebendensiedlung Prosperity, die ihr im Laufe des Spiels immer weiter ausbauen sollt. Dafür müssen Spezialisten angeheuert, Ressourcen gesammelt und gegnerische Lager eingenommen werden. Was ihr wann und wie macht, liegt dabei ganz bei euch. New Dawn überlässt euch komplett das Steuer dabei, die "Open World" zu erkunden und den Aktivitäten dort nachzugehen.

Dort gibt es auch wieder die typischen Nebenbeschäftigungen wie Schätze suchen, Tiere jagen und Konvois stoppen. Wie immer könnt ihr aber, um euch nicht durch das immer Gleiche zu langweilen, nur das machen, was ihr wirklich machen wollt und den Rest links liegen lassen. Und so macht es sehr viel Spaß.

Die Hochburg des Widerstands: Detailreich, wenn auch nicht besonders lebendig.Die Hochburg des Widerstands: Detailreich, wenn auch nicht besonders lebendig.

Der Vorteil: Alles, was ihr macht, dient eurem Ziel. Basenausbau und Eroberungskampf gehen flüssig in die Charakterentwicklung über. So oder so, am Ende jedes Ausflugs seid ihr um Ressourcen, Territorien, Charaktere und einsetzbare Fähigkeitspunkte reicher.

Dazu kommt dann noch die Belohnung, alles in die Basis zu investieren und anschließend noch besser ausgestattet - mit neuen Waffen, Gadgets und Fähigkeiten - in den nächsten Einsatz zu starten. Es ist neu für die Reihe, euch immer wieder eine wirkliche Belohnung zu liefern.

Während ihr die meisten Ressourcen wie Kräuter, Schrauben und Klebeband am laufenden Band in der Welt einsammelt und für Munition, Waffen oder Fahrzeuge ausgeben könnt, gibt es noch speziellere Ressourcen wie Titan und Platinen für bestimmte Aufwertungen und spezielle Gegenstände, die ihr am wahrscheinlichsten auf Expeditionen findet.

Stichwort Expeditionen: Bei diesem neuen Feature handelt es sich um kleinere Außeneinsätze, in denen ihr mit dem Helikopter zu einem externen Gebiet - einem Schiff, einer Brücke oder einem Freizeitpark - fliegt, dort ein Paket sicherstellen müsst und dann sicher wieder verschwinden sollt. Ein nettes Gimmick nebenbei, das ihr mit einem immer höheren Schwierigkeitsgrad spielen könnt, um für euch selbst die Herausforderung zu steigern.

Jedes Expeditionsgebiet bietet Raum für unterschiedliche Taktiken.Jedes Expeditionsgebiet bietet Raum für unterschiedliche Taktiken.

Darüber hinaus gibt es noch die wichtigste Ressource Ethanol, die ihr braucht, um Basis-Abteilungen wie das Kartographiezentrum, die Werkbank, das Lazarett oder den Helikopterlandeplatz auszubauen. Das bekommt ihr für das Einnehmen von Außenposten. Hierbei könnt ihr den Ertrag zusätzlich erhöhen, wenn ihr das Lager plündert und den Highwaymen wieder übergebt. Ab diesem Zeitpunkt könnt ihr es immer wieder zurückerobern, während der Feind es immer stärker verteidigt.

Mehr Rollenspiel denn je

New Dawn treibt den ursprünglichen Rollenspielaspekt der Reihe noch weiter. Die Waffen haben nun Schadenswerte, Gegner verfügen über Energieleisten und mehrere Schwierigkeitsstufen, für die ihr stärkere Waffen benötigt. Diese Aspekte, die offenbar aus Ubisofts Shooter-MMO The Division übernommen wurden, funktionieren zwar und machen das Spiel schwieriger, wirken aber stellenweise etwas aufgesetzt.

Anhand der Farbe vor der Energieleiste seht ihr, welches Waffenkaliber ihr für den Gegner benötigt.Anhand der Farbe vor der Energieleiste seht ihr, welches Waffenkaliber ihr für den Gegner benötigt.

Wo die Rollenspielkonzentration einerseits überall Raum für größere Herausforderungen bietet, setzt sie andererseits wieder Grenzen. Ihr entwickelt euch zwar ständig weiter, aber es kann vorkommen, dass das Spiel ab einem gewissen Punkt einen ganz bestimmten Fortschritt von euch erwartet.

Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass ihr den Plan, den ihr gefasst habt, kurzerhand verwerfen müsst, weil plötzlich Ressourcen fehlen oder die Gegner zu stark sind. Die Hausaufgaben, die sich dadurch ergeben, hinterlassen einen bitteren Beigeschmack, solche Situationen kommen aber glücklicherweise nicht oft vor.

Punks und Propheten

Während alles bisher Erläuterte ein typisches Far Cry mit ein paar interessanten Neuerungen darstellt, lautet wohl die größte Frage, was Ubisoft nun mit der postapokalyptischen „Mad Max“-Vorlage gemacht hat. Die Antwort ist simpel: Nicht viel. Abgesehen von ein paar Ruinen und bunten Vegetationen ist Hope County größtenteils unverändert geblieben.

Wer anarchistischen Endzeit-Charme sucht, wird ihn höchstens in den Außenposten und bei den Gegnern finden. Das fällt allerdings alles sehr oberflächlich aus, die Schauplätze sind ein wenig bunter und heruntergekommen, die Gegner tragen Kostüme und die Waffen wirken ein wenig zusammengeschustert. Gegen Ende des Spiels gibt es zumindest ein paar interessantere Missionen, in denen ihr unter anderem ein Gefängnis, eine Gladiatorenarena und ein Autorennen besuchen könnt.

In New Dawn gibt es auch ein Wiedersehen mit dem "Vater".In New Dawn gibt es auch ein Wiedersehen mit dem "Vater".

Diese Missionen fallen allerdings sehr kurz aus, spielen sich merkwürdig und scheinen nicht so richtig zum Rest des Spiels zu passen, da sie die unbeholfenen Randelemente wie Autofahren und Nahkampf plötzlich in den Fokus rücken.

Ohnehin konzentriert sich New Dawn stärker auf die Aufklärung, was aus Joseph Seed und seiner Sekte geworden ist. Hier könnt ihr einige interessante Details erfahren und atmosphärisch abwechlungsreiche Orte erkunden.

Zum Multiplayer: Ihr könnt alle Missionen zusammen mit einem Freund spielen, indem ihr ihn einladet. Während die charakterliche Entwicklung bei beiden Spielern gespeichert wird, kann allerdings nur der Host den Story-Fortschritt mitnehmen. Ein Punkt, den viele Spieler schon beim Vorgänger kritisiert haben, weil gemeinsamer Fortschritt bei anderen Spielen eigentlich zum Standard gehört, den Ubisoft aber weiterhin unverändert lässt.

Meinung von Michael Sonntag

Die abgedrehten Zwischenteile von Far Cry sind an sich begrüßenswert. Far Cry 3 - Blood Dragon war zwar kein Überflieger, aber zumindest hat er mit neuen Aspekten experimentiert und die gewohnte Formelhaftigkeit der Shooter-Reihe aufgelockert. Im Zentrum steht der Spaß, weniger das bitterernste und übernatürliche Drumherum der Reihe. New Dawn hat diese Freiheiten allerdings nicht vollkommen genutzt.

Es wirkt mehr wie ein Epilog zu Far Cry 5 und dessen kultistisch motivierten Hintergrund als dass mit dem postapokalyptischen Szenario wirklich etwas Neues gemacht wird. Das Gameplay orientiert sich nicht am Stil, fällt nicht brutaler oder martialischer aus, es ist viel mehr so, dass das Ganze einfach eine andere Optik bekommen hat. Zu loben ist aber, dass unterhalb dieser Vergeudung an Potenzial das allgemeine Spielprinzip wieder ein paar interessante Neuerungen bekommen hat, die es abrunden.

Es ist nun viel belohnender, Missionen zu absolvieren und den „Open World“-Aktivitäten nachzugehen, da sie stets etwas einbringen, das in die Charakterentwicklung investiert werden kann. Es ist zu jederzeit ein echter Fortschritt zu erkennen, anstatt dass mir ein Charakter nur einredet, dass meine Handlungen wichtig gewesen sind. Zudem kann ich mir durch die Expeditionen und Außenposten immer neue und schwierigere Herausforderungen stellen. Das ist neu, da ich bisher in der Reihe für anspruchsvolleres Spielen nur die Wahl zwischen Schleichen und offensivem Vorgehen hatte.

Solange ich mich nicht darauf konzentriere, wie das Ganze gerade mit der Story und dem Szenario zusammenhängt, habe ich Spaß mit New Dawn, wie ich auch immer Spaß mit Far Cry allgemein hatte. Die Unterhaltung wird höchstens durch Déjà-vus getrübt, all das schon dutzende Male zuvor gemacht zu haben. Nein, New Dawn wirkt auf mich nicht rund. Um die Wartezeit für Far Cry 6 zu überbrücken, hätte es New Dawn nicht zwangsläufig gebraucht. Oder in einer anderen Form, um sich wirklich aus dem Schatten von Far Cry 5 hervorzuheben.

85 Spieletipps-Award

meint: New Dawn bietet einen unterhaltsamen Vergnügungspark, verschwendet aber sein Szenario, ohne spielerisch Neues damit zu machen.

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