Test Jump Force: Technischer K.O. nach solidem Kampf

von Marco Tito Aronica (18. Februar 2019)

Jump Force landet einige Volltreffer in den wichtigsten Runden, vermasselt sich den Sieg aber mit ein paar ärgerlichen Fehlschlägen. Wir verraten euch in unserem Test, welche Kompromisse ihr eingehen müsst.

Pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum des japanischen Manga-Magazins Weekly Shonen Jump soll Jump Force ein epischer Tribut für Zocker mit einer Begeisterung für Anime und Manga sein. Dieses ultimative Crossover beliebter Serien wie Dragon Ball, Naruto, One Piece und vielen weiteren kann gar nicht enttäuschen, oder?

Das, worum es in einem Beat 'em Up nunmal geht, ist toll inszeniert und sieht wirklich gut aus. Die Kämpfe machen viel Spaß und fesseln interessierte Prügelspieler sofort an den Controller. Allerdings fällt das solide Grundgerüst aufgrund von wackeligen Säulen ein, die von einer drögen Geschichte und durchschnittlichem Spieldesign nach und nach zerfressen werden.

Eine schrecklich generische Geschichte

In einem Prügelspiel erwartet man nicht unbedingt eine durchdachte Geschichte, die Handlung von Jump Force ist allerdings so generisch, dass sie nicht über einen langen Zeitraum unterhalten kann. Das ist gerade deshalb schade, weil so viele interessante Universen und Charaktere aufeinandertreffen.

Habt ihr Dragon Ball - FighterZ gespielt, kennt ihr die Geschichte bereits, die wurde nämlich fast eins zu eins kopiert. Helden werden von einer dunklen Macht übernommen, die von dem sogenannten Umbras-Kubus ausgeht - ein kleiner, bösartiger Würfel. Ehemalige Mitstreiter greifen euch und die Erde mit einer Armee von Venoms an, die wie generische Klone im bekannten Grauton mit roten Augen auftreten.

Farblose Klone mit roten Augen und Helden mit dunkler Aura im Jahr 2019? Muss nicht sein!Farblose Klone mit roten Augen und Helden mit dunkler Aura im Jahr 2019? Muss nicht sein!

Das einzige, was die Geschichte etwas interessanter macht, sind die beiden „Death Note“-Charaktere Light Yagami und Ryuk, die äußerst mysteriös wirken und sich unter anderem nach der Macht der sieben Dragon Balls erkundigen. Immerhin werdet ihr einige Zeit mit der Geschichte beschäftigt sein, diese erstreckt sich nämlich über neun lange Kapitel.

Da auch die Erde in Gefahr ist, werdet ihr von Trunks als Held erschaffen. In einem soliden Charakter-Editor stellt ihr euch einen eigenen Haudegen zusammen. Leider beschränken sich Frisuren und andere Körpermerkmale auf die der anderen Charaktere. Ihr könnt euch zum Beispiel die Stachelfrisur von Son Goku aus Dragon Ball leihen und diese mit dem Mal des Fluches von Sasuke Uchiha aus Naruto kombinieren, das dann die Hälfte eurer Fratze schwarz färbt.

Ganz allgemein steht euer Charakter im Mittelpunkt des Geschehens, und ihn zum stärksten Kämpfer des Universums zu machen ist äußerst motivierend. Durch Kämpfe levelt ihr auf, erhöht eure Kampfkraft und lernt neue Fähigkeiten von den befreiten Helden. Ein Kamehame-Ha, Rasengan und Gum-Gum-Red-Hawk gleichzeitig im Move-Set? Kein Problem!

Wo ist eigentlich Rock Lee? Auch buschige Augenbrauen könnt ihr eurem Charakter verpassen.Wo ist eigentlich Rock Lee? Auch buschige Augenbrauen könnt ihr eurem Charakter verpassen.

Zwischen den Missionen bewegt ihr euch durch eine Hub-Welt, die sehr der aus Dragon Ball - Xenoverse gleicht und das Menü zum Großteil ersetzt. Es gibt Stände, wo ihr neue Klamotten oder Fähigkeiten kaufen könnt und Schalter, an denen ihr alle möglichen Arten von Missionen startet.

Das Hub ist riesig, leider aber auch leer. Entscheidet ihr euch beim Start für einen Online-Server, wird die aufkommende Einsamkeit und Stille etwas durch herumlaufende Spieler gebrochen, die ihr unterwegs zu einem Kampf herausfordern könnt, indem ihr sie ansprecht.

Bevor es für euch und euer virtuelles Abbild so richtig losgeht, müsst ihr euch für eines von drei Teams der J-Force entscheiden, die sich aufgrund der prekären Lage auf der Erde aus Helden verschiedener Universen geformt hat. Son Goku ist der Mentor für Team Alpha, Ruffy hat den Strohhut für Team Beta auf und Naruto trainiert Team Gamma. Je nachdem, welches Team ihr wählt, erhaltet ihr ein einzigartiges Move-Set für den Start.

Yugi aus Yu-Gi-Oh! in einem Kampfspiel? Das funktioniert erstaunlich gut, wie der Trailer zeigt:

Solides Kampfsystem als Glanzpunkt

Wenn es darauf ankommt, weiß Jump Force zu überzeugen: Das Kampfsystem fühlt sich wuchtig an, ist schnell, flüssig und sorgt sofort für spaßige Prügeleien.

Ihr bewegt euch in einer 3D-Umgebung und kämpft fast identisch wie in Naruto - Ultimate Ninja Storm und den anderen Ablegern der Serie. Es gibt nur zwei Angriffstasten, mit denen ihr leichte und schwere Treffer im Gesicht eures Gegners landet. Mächtige Spezialfähigkeiten entfacht ihr beim gleichzeitigen Drücken dieser Knöpfe in Kombination mit der Schultertaste.

Während des Kampfes wird sich automatisch die Erwachen-Anzeige füllen. Ist diese halbvoll, verwandelt ihr beispielsweise Son Goku durch Druck auf den rechten Stick in einen Super Saiyajin. Erhöhte Angriffskraft gepaart mit neuen Moves verschafft einem knappen Duell auch kurz vor Schluss neue Dynamik und hält alle Kämpfe lange offen und spannend.

Die Kämpfe sind manchmal schnell vorbei, dafür meistens bis zur letzten Sekunde spannend.Die Kämpfe sind manchmal schnell vorbei, dafür meistens bis zur letzten Sekunde spannend.

Auch wenn ihr euch virtuell noch nicht oft geprügelt habt, werdet ihr den Kniff sehr schnell erkennen. Das ist toll, allerdings fehlt es dem Kampfsystem etwas an Tiefe. Ein besonderes Problem stellt der fast unüberwindbare Block dar. Bei der Aktivierung vieler Spezialfähigkeiten habt ihr genügend Zeit, schnell die Taste fürs Blocken zu drücken und keinerlei Schaden zu erleiden.

Besonders spaßig sind Kämpfe gegen andere Spieler, wenn sie sich etwa auf eurem Fähigkeiten-Level befinden. Gegen geübte Spieler wird das unendliche Blocken nämlich nicht funktionieren und dadurch werdet ihr quasi gezwungen, immer in Bewegung zu bleiben und auch Ausweichmanöver zu nutzen, die gegen die KI nicht notwendig sind.

Allgemein hat das Kampfsystem also noch einiges an Feinschliff nötig. Loben muss man dahingehend aber die gut ausbalancierte Kämpferauswahl. Wie wir das bereits in unserer Vorschau zu Jump Force festgestellt haben, ist jede Besetzung in diesem Crossover berechtigt.

Optischer Genuss und schwache Technik

Optisch sehen die Prügeleien überragend aus! Die Arenen bilden reale Schauplätze nach, profitieren von dem außergewöhnlichen Grafikstil und sind trotz der großen Fläche sehr detailreich ausgefallen. Vor allem New York ist grafisch ein Leckerbissen. Bei leichtem Regen spiegeln sich die grellen Neonlichter von Reklametafeln in den Pfützen am Boden.

Die außergewöhnlichen Angriffe und Verwandlungen der Anime- und Manga-Charaktere sahen selten so toll aus. Hetzt Sasuke Uchiha aus Naruto sein Susanoo auf Kontrahenten, füllt der Chakra-Geist den gesamten Bildschirm und beschwört mit seinem Angriff ein wahres Effektgewitter, das der flüssigen Performance nichts anhaben kann.

Umso mehr schmerzt die lieblos gestaltete Hub-Welt und die Plastik-Charaktere in Zwischensequenzen. Stapft ihr durch den Hub, ruckelt es in einigen Fällen sogar, obwohl die Kämpfe ohne jegliche Einbrüche ablaufen - merkwürdig. Während sich die Charaktere im Kampf grazil bewegen und eine gute Figur machen, wirken sie in Zwischensequenzen wie Modelle aus dem Wachsfigurenkabinett.

Sogar im Hub werdet ihr von technischen Mängeln malträtiert. Immerhin gibt es ein Schnellreise-System, das ohne große Verzögerung funktioniert.Sogar im Hub werdet ihr von technischen Mängeln malträtiert. Immerhin gibt es ein Schnellreise-System, das ohne große Verzögerung funktioniert.

Besonders schmerzhaft sind die langen Ladezeiten, die viel zu oft den Spielfluss unterbrechen. Ihr wollt schnell die Klamotten eures Avatares austauschen? Dann müsst ihr jedes Mal einen unkreativen Ladebildschirm mit unnützen Tipps überstehen, der locker eine halbe Minute andauert - und das auf einer PS4 Pro in unserem Fall.

Meinung von Marco Tito Aronica

Jump Force ist wie eine komplizierte Beziehung: Irgendwie kann ich nicht loslassen, obwohl ich immer wieder enttäuscht werde. Dank eines spaßigen Kampfsystems kann ich über Abstürze, nervige Ladezeiten und eine grausige Geschichte hinwegsehen. Immerhin sind es die Prügeleien, die in einem Beat 'em Up zählen.

Dennoch haben sich nach dem ausführlichen Testen von Jump Force viele Fragen in meinem weichgeprügelten Hirn gesammelt. Wieso kommen vertonte Zwischensequenzen mit japanischen Originalstimmen nur so selten vor? Warum kämpfe ich in Kapitel 2 drei Mal gegen denselben Endboss?

Ihr merkt schon, Jump Force geht in die Richtung Hassliebe. Wer etwas Spaß mit Freunden haben will und vor allem etwas mit den Charakteren aus dieser außergewöhnlichen Auswahl anfangen kann, dem ist dieses Crossover zu empfehlen. Allerdings braucht ihr ein sehr dickes Fell. Denn die Mängel werden euch kontinuierlich pieksen.

70

meint: Das solide Kampfsystem kann die großen technischen Mängel nicht ganz vertuschen. Dennoch spaßige Keilerei für Zwischendurch.

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Tags: Anime  

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