Bye, Bye, Bioware? Ich erkenn' dich nicht mehr, alte Liebe

(Kolumne)

von René Wiesenthal (26. Februar 2019)

Unsere Beziehung fing vielversprechend an und hatte das Zeug dazu, eine große Liebe zu werden. Dann hat Bioware sich verändert. Zum Schlechten? Das ist Ansichtssache. Zumindest erkenne ich die Eigenarten des Studios nicht mehr, für die ich Bioware lieben gelernt habe.

Bioware und ich hatten keinen Raketenstart zusammen. Das Studio war schon viele Jahre für seine Rollenspiele abgefeiert worden, bevor ich überhaupt das erste Mal eine ihrer Produktionen spielte. Unter anderem in meinem Freundeskreis, der mir in der Jugend immer wieder unter die Nase rieb, wie genial die "Baldur’s Gate"-Spiele seien. Ich habe mir sogar mal die Saga-Version von einem Kumpel ausgeliehen - aber nie installiert.

Für mich fing es im Jahr 2002 an, mit Neverwinter Nights, bei dem mir erst viel später bewusst wurde, dass es sich um ein Bioware-Spiel handelt. Ich war immer eher ein Fan von JRPGs gewesen. Neverwinter Nights zu spielen, gehört zu den Erfahrungen, die mir maßgeblich geholfen haben, meine Vorbehalte gegenüber westlichen, mittelalterlichen Rollenspielen aus dem Weg zu räumen.

In Neverwinter Nights konnte ich per Editor sogar eigene Missionen erstellen.In Neverwinter Nights konnte ich per Editor sogar eigene Missionen erstellen.

Zum ersten Mal bekam ich die Handschrift von Bioware zu sehen: Welten mit einer tiefen, spannenden Hintergrundgeschichte, die ich mir nach und nach auf eigene Faust erschließen kann. Freiheit beim Erkunden, interessante Figuren, mit denen ich lange Gespräche führe. Freiheit auch bei der Entwicklung meiner eigenen Figur, die ich zu Beginn in Kleinstarbeit erstellt hatte.

Und bei all der spielerischen Tiefe dennoch eine fette Optik, so dass ich jede neue Rüstung bewunderte, die ich meinem Charakter überstülpte. Das mag für eingefleischte Rollenspieler banal klingen, mein jugendliches Ich war dahingehend noch ein eher unbeschriebenes Blatt.

Zu früh für Mass Effect

Nachdem ich meinen Horizont über Jahre hinweg weiter für Rollenspiele öffnete, die nicht aus Fernost stammen, begegnete ich Bioware erst im Jahre 2007 wieder, mit Mass Effect. Und ich war vollkommen überfordert davon. Vielleicht war das Spiel im ersten Moment tatsächlich zu zeitintensiv für mich, vielleicht hatte ich auch falsche Erwartungen.

Vielleicht war es auch der olle Röhrenfernseher, den ich zu dieser Zeit noch hatte, der die zahlreichen Interfaces und Texteinblendungen des "Xbox 360"-Spieles nahezu unkenntlich darstellte. Vermutlich war es eine Kombination aus all dem, die dazu führte, dass ich das Spiel ein Jahr lang nicht mehr anrührte, nachdem ich in der Citadel angekommen war.

Mass Effect war großartig - ich brauchte nur etwas Zeit, um das zu merken:

Was hätte ich alles verpasst, wenn ich es nicht noch einmal versucht hätte! Die "Mass Effect"-Reihe avancierte zu einer meiner liebsten Spielereihen. Ich erkannte die spielerische und erzählerische Tiefe wieder, die schon Neverwinter Nights so spannend gemacht hat, angereichert mit einer neuen optischen Wucht, erzeugt unter anderem durch die stärkere perspektivische Nähe zur Spielwelt und den darin agierenden Figuren.

Ich war verliebt, traf über drei Serienteile hinweg schwerwiegende Entscheidungen für eine fiktive Galaxie, die mir mitsamt ihren Bewohnern fest ans Herz wuchs und eine Ära ging für mich zu Ende, als ich den Abspann von Teil 3 zu sehen bekam. Doch schon im Verlauf der Entwicklung der "Mass Effect"-Trilogie machte sich ein Wandel bei der Arbeit von Bioware bemerkbar, der mir später vor den Kopf stoßen sollte. Das Studio veränderte sich. Erst langsam, irgendwann grundlegend.

Eine Liebe entsteht: Dragon Age - Origins

Aber bevor es soweit war und meine Liebe auf die Probe gestellt wurde, kam im Jahr 2009 Dragon Age – Origins heraus. Damit bekam ich wohl erstmals das Gefühl zu spüren, das ich damals bei Baldur’s Gate verpasst hatte.

Ach Morrigan, was war das für eine wilde Reise, die wir zusammen machten!Ach Morrigan, was war das für eine wilde Reise, die wir zusammen machten!

Was Bioware mit Dragon Age - Origins so besonders für mich machte: Das Spiel ist für seine Komplexität enorm eingängig. Es besitzt die Tiefe und die toll geschriebenen Geschichten und Figuren klassischer Bioware-Rollenspiele, aber fühlt sich dabei nicht angestaubt oder altbacken an. Ich lernte die vielfältigen Möglichkeiten, die das Spiel bietet, in kleinen Schritten kennen, von denen ich nie überrumpelt wurde. Und hatte einen unglaublichen Spaß dabei.

Dass der Trend von Bioware zur Modernisierung irgendwann zum Problem für mich werden würde, ahnte ich da noch nicht. Auch das meiner Meinung nach vollkommen verhunzte Dragon Age 2 mit seinen überzeichneten coolen Figuren, dem befremdlichen Comic-Stil und der langweiligen Copy-Paste-Kulisse, brachte mich noch nicht vom Glauben ab. Ich tat es als Ausrutscher ab.

Das kann doch jedem mal passieren: Dragon Age 2.Das kann doch jedem mal passieren: Dragon Age 2.

Das mittlerweile zum Deckungs-Shooter mutierten Mass Effect fesselte mich trotz stärkerer Eingeständnisse, die Bioware damit an ein potenzielles Massenpublikum machte. Es brauchte Dragon Age – Inquisition, um die Alarmglocken zum Läuten zu bringen.

Inquisitor, ich langweile mich!

Nicht, weil Inquisition das schlechteste Bioware-Spiel oder generell ein schlechtes Rollenspiel ist. Im Gegenteil ist das Spiel ein guter Schritt nach vorn von der Machart eines Dragon Age 2 weg, hin zu einer abwechslungsreicheren Spielwelt und mehr Rollenspieltiefe. Allerdings litt Dragon Age - Inqusition trotz allem an einer nicht zu ignorierenden Belanglosigkeit.

So sieht das Gameplay von Inquisition aus:

Anstatt die nicht uninteressante Geschichte fesselnd zu erzählen und durch coole Nebenquests anzureichern, setzte Bioware auf Masse. Große, freie Areale, deren Karten voller Marker sind. Überall Sammelquests, überall NPCs mit Sorgen. Ein Auftrag langweiliger als der vorherige. Das Spiel machte mir eine Zeit lang Laune, plätscherte irgendwann aber nur noch so vor sich hin und als ich nach 80 Stunden Spielzeit immer noch Quests aufbekam, in denen ich die großen, leeren Welten nach Steinen und Stöcken durchforsten sollte, schmiss ich das Handtuch.

Anstatt sich nach Inquisition wieder zu fokussieren, auf Klasse statt auf Masse zu setzen, Spiele frei von Füllmaterial, die von Anfang bis Ende fesseln, wollte Bioware noch größer werden und griff nach den Sternen. Im wahrsten Sinne. Mit Mass Effect – Andromeda wurde die Franchise in eine neue Galaxie befördert, in der es mehr Freiraum und noch mehr Action geben sollte. Mehr von all dem, für das Bioware nicht beliebt und bekannt ist, sollte es sein.

Das Andromeda-Fiasko

Was während des äußerst problematischen Entwicklungsprozesses vergessen wurde, der von dem neu gegründeten Team Bioware Montreal und nicht mehr wie die Trilogie von Bioware Edmonton vollzogen wurde: Eine wirklich spannende Geschichte zu schreiben und diese ansprechend zu erzählen. Stattdessen sollte es unfassbar große, prozedural generierte Planeten geben.

Es hätte alles so schön werden können. Ich hatte große Hoffnungen bei der Ankündigung von Andromeda:

Was nicht richtig funktionierte, weswegen die gesamte Entwicklung über den Haufen geworfen, neu aufgerollt und notdürftig fertiggestellt wurde. Also werkelte Bioware unter Zeitdruck große, langweilige Planeten zusammen und unter noch größerem Druck ein Flickwerk an Erzählung. Technisch war das Spiel zu Release eine kleine Katastrophe.

Anthem: Wo geht es hin mit Bioware?

Mehr Action, mehr Bombast, mehr leere Versprechen. Nun ist das aktuellste Werkt von Bioware, Anthem, am Start und macht bisher den Eindruck, genau diese Stoßrichtung beibehalten zu haben. Die Gemächlichkeit und Tiefe, die sowohl die Charakterentwicklung als auch die Narration früherer Bioware-Spiele mit sich brachten, ist außen vor. Es geht um Action, Coolness und Größe. Auch was die langfristige Planung zum Spiel angeht, wird auf große Dimensionen gesetzt: Als Online-Spiel mit dem Versprechen stetiger Updates soll Anthem lange bei der Stange halten.

Für ein abschließendes Fazit zu Anthem ist es noch zu früh. So richtig schlecht ist es nicht, das lässt sich schon sagen. Aktuell sieht es nur danach aus, als könne Bioware mit dem Spiel weder die Versprechen einer einnehmenden Welt halten, noch genügend Inhalte bieten, die sich Spieler wünschen, die es dennoch für sein Gameplay mögen. Es wirkt, als habe Bioware nichts gelernt aus Andromeda und sei dabei, sich noch viel mehr zu verheben. Die Zeit wird es zeigen, Anthem wird sich in der nahen Zukunft weiter behaupten müssen.

Was Anthem wirklich drauf hat, wird sich mit der Zeit zeigen.Was Anthem wirklich drauf hat, wird sich mit der Zeit zeigen.

Wo führt das hin mit Bioware? Ich hoffe ganz ehrlich nicht in den Abgrund. Mass Effect soll weitergeführt werden, sagt das Studio. Auch wissen wir, dass ein neues Dragon Age in Entwicklung ist, das den Arbeitstitel The Dread Wolf Rises trägt. Das Problem: Die Marke Mass Effect hat durch Andromeda einen riesen Schaden genommen. Was soll hier kommen, das die Fans der ersten Trilogie wieder richtig abholt?

Gerüchte, dass das nächste Dragon Age ein Multiplayer-Spiel sein soll, nähren zudem meine Befürchtungen, dass auch diese Reihe mich (und viele Fans von Origins) weiter kalt lassen wird. Im schlimmsten Fall sorgt die negative Publicity zu Anthem dazu, dass Verkäufe weit hinter Erwartungen zurückbleiben und EA Bioware abstößt, so dass das Studio finanziell auf wackeligen Beinen stehen wird.

Ich wäre froh gewesen, wenn Bioware sich frühzeitig darauf besonnen hätte, was es am besten kann und nicht dem Irrglauben verfallen wäre, dass größer, pompöser und mehr gleichzeitig auch besser bedeute.

Ich wünsche dem Studio nicht, dass es durch noch schlechtere Verkäufe als bei Andromeda auf die ganz harte Tour lernen muss, dass es eben für geile Rollenspiele beliebt und berühmt geworden ist und nicht für reine Action-Kracher. Seht ihr das auch so? Schreibt es uns in die Kommentare!

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Tags: Singleplayer   Multiplayer  

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