Dieser eine Moment: Als ich bei Deus Ex meine wichtigste Regel brechen musste

(Kolumne)

von Michael Sonntag (27. Februar 2019)

Bevor das Chaos beginnen sollte, wechselte ich noch einmal ins Menü, um in Ruhe nachzudenken. Abzuwägen. Alle Energie und Munition im Inventar durchzugehen. Mir einen Plan zurecht zu legen. Okay, ihr wollt es so, dann bekommt ihr es auch genau so.

Oft ist es nicht bloß die tolle Grafik, die spannende Geschichte oder der sympathische Hauptcharakter, der Spielern noch Jahre nach dem Genuss eines Abenteuers im Gedächtnis bleibt. Solche Erinnerungen drehen sich häufig um einen kurzen Moment. Einen besonderen Moment. >>Diesen einen Moment!<< Dem widmen wir diese Artikel-Serie und beschreiben aus unserer persönlichen Sicht, was diesen Moment so besonders und unvergesslich macht.

Hier findet ihr alle bisher in der Reihe erschienenen Artikel.

Spielt Sherlock Holmes und Batman in der Zukunft:

Die „Deus Ex“-Teile, im Speziellen Human Revolution und Mankind Divided, stellen für mich absolute Ausnahmespiele in der Gaming-Landschaft dar. Ob es jetzt der allgemeine Stil, das Szenario, die Musik, die Charaktere, das Gameplay oder die Spielwelt ist, ich könnte über jeden einzelnen dieser Aspekte einen ganzen Artikel schreiben - es geht hierbei nicht nur um Qualität, es kommt mir nicht als eine Übertreibung vor, wenn ich sage, dass Deus Ex im Kern mein Seelenleben als Spiel wiedergibt.

Um aber auf den Moment zu sprechen zu kommen, von dem heute die Rede ist: Ich habe im Spiel immer die Wahl, ob ich töte. In anderen Spielen wird mir die Entscheidung abgenommen, ich muss mich für Mord niemals rechtfertigen, da es dort als das einzig effektive und legitime Mittel dargestellt wird, um Probleme zu lösen. So ist es mein eisernes Prinzip, in Deus Ex jedes Leben zu verschonen, wenn es möglich ist. So habe ich auch Mankind Divided als Pazifist bis zum Finale gespielt. Aber dann kam jenes Stockwerk.

Ich verfolgte den Fädenzieher einer terroristischen Gruppe, nachdem ich zuvor verhindern konnte, dass er die Teilnehmer einer wichtigen Konferenz tötete. Und plötzlich, auf halbem Weg, stürmten seine Söldner die Flure, um mich aufzuhalten. Die Anzahl toppte alle vorherigen Gegnermassen um Längen. Ich verstand die Botschaft, jetzt machte man keine halben Sachen mehr mit mir. Ich suchte Schutz hinter einem Steinblock, bevor ihr Gewehrfeuer losbrach.

Keine Chance, ich hatte absolut keine Chance. Dafür reichte meine Betäubungsmunition niemals. Ich wurde immer weiter zurückgedrängt, Granaten flogen zu Dutzenden in meine Richtung. Am Ende landete ich in einem Konferenzzimmer und kauerte neben einer Türe. Den ersten Gegner, der reinkam, konnte ich noch bewusstlos schlagen, aber in den Moment, als die Tür kurz geöffnet war, fing mir ich diverse Kugeln ein. Mein Bildschirm wurde rot.

Ich pausierte. So, entweder starb ich jetzt oder ich brach meine Regel. Ersteres schien mir logischer, es musste niemand sterben, nur weil ich in eine Falle getappt war. Seit über zwanzig Stunden hatte ich niemals anders gehandelt. Warum gerade jetzt? Weil es keine Alternative gab. Ich verbot mir, so etwas zu denken.

Ich lief los, um einen Schacht zu suchen, durch den ich fliehen konnte. Es gab aber keinen. Die ersten stürmten das Zimmer, woraufhin ich mir mit einer Blendgranate noch etwas Zeit verschaffen konnte. Ich konnte noch einen Taumelnden betäuben, aber dann verschwand der Nebel. Wieder wechselte ich in mein Menü. Keine Chance.

„Okay, dann tötet mich“, dachte ich mir und nahm die Kugeln entgegen, ohne mich zu rühren. Aber dann löste ich doch das Taifun-System aus, eines meiner vielen Waffensysteme, die ich noch nie genutzt hatte, und ließ den ganzen Raum hochfliegen. Das hatte Überwindung gekostet, aber jetzt fiel es mir leichter.

Es hatte keinen Sinn. Sie hatten den offenen Kampf mit mir gesucht, jetzt sollten sie ihn bekommen. Sie wollten es darauf ankommen lassen, wer stärker war. ICH! Und ich leerte mein Inventar und sammelte jede einzelne Waffe ein. Und hielt drauf. Zerschoss die gesamte Umgebung. Tötete sie durch meine Klingen.

Im Menü verwendete ich alle bisher nicht eingesetzten Fähigkeitspunkte und probierte jedes einzelne Waffensystem aus. Es knallte und blitzte in einer Tour. Es ging so brutal zu, dass es mir wie ein anderes Spiel vorkam und ich mich bereits auf den Moment freute, wenn es vorbei war. Wenige Sekunden später war es dann soweit. Alle lagen am Boden. Stille.

Ich fühlte mich erleichtert und gleichzeitig schlecht. Ich hatte mich verraten, aber auch keine andere Wahl gehabt. Ich wechselte wieder ins Menü und dachte nach. Später rettete ich noch hunderte von Leben, aber die Rechnung war unausgeglichen. Und ich war beeindruckt, in welchen seelischen Konflikt mich dieses Pixelwerk von Spiel geworfen hatte. Es hat mich dazu gebracht, mich zu verraten. Und irgendwo habe ich es auch genossen. Nämlich, dass mir für einen Moment diese moralische Last abgenommen worden war.

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Tags: Dieser eine Moment  

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