Anthem: Das Spiel kriegt zu viel Liebe - und zu viel Hass

(Kolumne)

von René Wiesenthal (28. Februar 2019)

Anthem hat aktuell das große Pech, sich in einem Spannungszustand zwischen extremen Reaktionen zu befinden: Ist es nun großer Mist oder doch ein geniales Spiel? Meine derzeitige Einschätzung liegt irgendwo dazwischen, vielleicht kann ich damit zu mehr Ruhe im Streit um Anthem beitragen.

Ich konnte in den Tagen seit dem Release von Anthem ein Phänomen in der Community beobachten, das ich nicht ganz verstehe. Das Spiel wird von einer leidenschaftlichen Fan-Base gegen jede Kritik aufs Blut verteidigt. Gleichzeitig gibt es eine große Spielerschaft, die das Game in Grund und Boden hasst. Dazwischen finden sich wenige Wortmeldungen unter Beiträgen zum Spiel.

Noch keine Wertung zum Spiel?

Von unserer Seite fehlt derweil noch eine Wertung. In einem Meinungsstück habe ich schon aufgeschlüsselt, warum mich die Entwicklung, die Bioware in den letzten Jahren vollzogen hat, traurig stimmt. Was ich noch nicht getan habe: Den Testbericht zu Anthem, dem neusten Werk des Studios, fertigzustellen und dem Spiel damit eine Wertungszahl zu verpassen.

Anthem: Gameplay-Ausschnitte aus dem Endgame

Das hat folgende Gründe: Zum einen handelt es sich bei Anthem um ein Spiel, das ausgiebig im Endgame getestet werden muss, damit ein vernünftiges Fazit zum aktuellen Stand abgegeben werden kann. Aktueller Stand deswegen, weil nicht ausgeschlossen ist, dass sich der Gesamteindruck mit den kommenden Updates nochmal stark verändern wird.

Zum anderen hat sich unser Spielfortschritt – und das hängt direkt unvorteilhaft mit dem aktuellen Stand zusammen – durch einige technische Probleme verlangsamt. Wir werden dann eine Testwertung abgeben, wenn wir denken, dass ein Fazit fair und angemessen ist.

Ungerechtfertigter Hass

Das hält uns – beziehungsweise in diesem Fall mich – aber nicht davon ab, bereits meine vorläufigen Eindrücke zum Spiel zum Besten zu geben. Und diese decken sich teils mit den kritischen Stimmen im Netz, rechtfertigen aber so gar nicht den Hass, den extrem niedrigen Wertungsspiegel und die Vergleiche mit Fallout 76.

Fallout 76 wurde ziemlich zerrissen. Hat Anthem das verdient?Fallout 76 wurde ziemlich zerrissen. Hat Anthem das verdient?

Zuerst einmal dazu, warum die kritischen Stimmen ihre Daseinsberechtigung haben: Anthem ist im derzeitigen Zustand technisch nicht ausreichend ausgereift. Es leidet auf allem, was nicht Xbox One X, PS4 Pro oder PC ist, an kleineren, aber zu verschmerzenden Framerate-Einbrüchen. Viel schlimmer sind da die Ladezeiten, die seit dem letzten Update nicht mehr so lang sind, aber immer noch viel zu lang für ihre Häufigkeit. Wer Anthem spielt, ist ständig in der Warteschleife.

Auf Server-Seite wiederum ärgert es, wie instabil die Online-Umgebung ist. Mehrfach bin ich schon aus dem Spiel gekickt worden, weil es Server-Fehler gab. Einmal in einer mehrstufigen Mission, die ich hinterher komplett von vorn beginnen musste.

Gemecker, das sein muss

Kritik, die sich Anthem auch gefallen lassen muss, ist die Repetition. Kurz nach dem pompösen Intro fällt die Spannung drastisch ab und ich fand mich schnell in einem Loop aus Ladezeiten, kurzen, uninspirierten Missionen und Umherspazieren, angereichert mit Mikro-Management im Hub, Fort Tarsis, wieder. Dabei werden die Abläufe schon derart schnell so dermaßen gleichartig, dass ich mich nach einigen Stunden gefragt habe, ob es das jetzt gewesen sein soll.

In Fort Tarsis bastelt ihr am Javelin rum und holt euch neue Aufträge.In Fort Tarsis bastelt ihr am Javelin rum und holt euch neue Aufträge.

Aber diese Schwächen, und andere, die ich (noch) nicht im Detail aufdröseln möchte, sind eben nicht die ganze Wahrheit. Dafür fallen die Stärken von Anthem einfach zu stark ins Gewicht. Das Spiel funktioniert über sein reines Gameplay einfach wahnsinnig gut.

Geschmeidige Robo-Kloppe macht halt Bock

Die Bewegungssteuerung der Javelins bietet eine Fülle flinker Manöver, die sich miteinander kombinieren lassen, wobei jede der vier Maschinen ihre ganz speziellen Eigenarten hat. Elegant kann ich Flugmanöver mit Nahkampfangriffen koppeln, mich mit einem Doppelsprung aus dem Kampf zurückziehen und aus der Ferne die angeschlagenen Feinde unter Beschuss nehmen.

In einer so schönen Welt ballert es sich gleich noch besser.In einer so schönen Welt ballert es sich gleich noch besser.

Kommen mir gegnerische Projektile zu nahe, husche ich mithilfe des Schubantriebs des Javelin zur Seite weg und kontere mit einem Flächenangriff. Und zwar ohne, dass das Pad oder die Tastatur dabei vom Steuerungsschema überladen ist. Schon nach kurzer Einübung fühlt sich Anthem geschmeidig an, und die Kämpfe – vor allem in der Gruppe – machen ohne weitere Umschweife richtig Bock. Auch, weil die Welt von Anthem eine wunderschöne und sehenswerte Kulisse darstellt, in der ich mich gern aufhalte, während ich seltsame Tiere und Monster dezimiere.

Müll oder Meilenstein – was denn nun?

Das liest sich sicher wie ein Aufeinanderprallen von extremen Negativen und Superlativen. Und irgendwie ist es auch genau das und eben der Grund, warum sich Anthem bei ausgewogener Betrachtung eben nicht an einem der beiden Urteilspole, Müll oder Meilenstein, einfinden kann.

Spieler sollten sich einmal der Möglichkeit öffnen, dass ein Spiel nicht eindeutig dieses oder jenes sein muss. Dass man einzelne Aspekte mögen oder eben nervig finden kann und sich daraus dann ein differenziertes Gesamtbild ergibt. Dann ist es immer noch völlig legitim, zu sagen "Hey, ich sehe, was das Spiel gut macht, aber für mich persönlich überwiegen die Kritikpunkte – ich spiele das nicht." Und natürlich muss es drin sein, Spielern einzugestehen, Spaß an Anthem – oder generell irgendeinem polarisierenden Spiel – zu haben.

Andersherum sollten auch Fans von Anthem zulassen, dass Kritik daran geäußert wird. Die ist ja per se nicht aus der Luft gegriffen und kann – sachlich geäußert – sogar langfristig zu einem noch besseren Spielerlebnis beitragen, wenn die Entwickler die Stimmen aus der Community hören. Aus dem persönlichen Geschmack abzuleiten, dass jede Kritik am Spiel unzulässig sei, ist also nicht nur ein Fehlschluss, sondern vielleicht sogar kontraproduktiv für den eigenen Spaß.

Alle mal tief durchatmen!

In diesem Sinne, liebe Leute, betrachtet doch Anthem, trotz etwas großspuriger Versprechen im Vorfeld, so wie es jedes andere Spiel auch verdient hat: differenziert. Durch ständige Mega-Hypes und Shitstorms wird die Spieleindustrie sicher nicht besser und Foren und Kommentarbereiche in der Gaming-Community keine angenehmeren Plätze für den Austausch von Meinungen. Und wenn man sich an dem Meinungsspiegel in der Community orientieren möchte, wird man dann vielleicht auch schlau daraus, was denn nun dran ist an Anthem.

Ihr habt euch beim Lesen sicher schon eure eigenen Gedanken gemacht und möchtet diese jetzt vielleicht mit uns und anderen Lesern teilen? Dann seid ihr herzlich dazu eingeladen. Schreibt uns in die Kommentare, ob ihr es ähnlich seht wie ich und Anthem eigentlich nicht verdient hat, mit einem extremen Urteil versehen zu werden! Wir freuen uns, von euch zu lesen.

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Tags: Multiplayer   Online-Zwang  

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