Casting: Warum ich oft nach einer halben Stunde sagen kann, ob mich ein Spiel packt

(Kolumne)

von Michael Sonntag (01. März 2019)

Wenn ich ein Spiel beginne, läuft das ein bisschen wie ein Casting ab. Ob ich ihm jetzt den Job gebe, mich 20 oder 200 Stunden zu unterhalten, hängt davon ab, was es für einen ersten Eindruck macht. Und da kann der Bewerber viel richtig und viel falsch machen.

Das erste Problem: Es gibt viel zu viele Spiele. Während jede Woche gefühlt drei neue „Triple A“-Brecher erscheinen, ist es kaum zu fassen, wie viele Spiele abseits dessen und unter dem Radar veröffentlicht werden. Hinzu kommen die Spiele, die ich laut Presse und Freundeskreis ja unbedingt noch aus den vorherigen Jahren nachholen muss.

Das zweite Problem ist: Es gibt nicht nur zu viele, sondern auch zu viele ähnliche Spiele. Ich bin fast schon erleichtert, wenn ich alles abdeckende Genre-Größen wie beispielsweise The Elder Scrolls 5 - Skyrim kenne, weil ich mir dann nicht unbedingt jedes andere Rollenspiel zu Gemüte führen muss. So oder so kann es dennoch vorkommen, dass ich winzige, aber entscheidende Dinge verpassen kann.

Und das dritte Problem ist - nach dem all dem zu Vielen - dass ich zu wenig Zeit habe. Ich bräuchte, um alles Gute gezockt zu haben, insgesamt drei Leben und müsste selbst dann noch viel Schlaf ausfallen lassen.

Die Lösung: Ob ein Spiel zu mir passt, muss sich relativ schnell entscheiden. Trailer und Berichte haben mich dazu gebracht, es zu kaufen - die erste halbe Stunde entscheidet, ob ich auch seine letzte spielen werde.

Mach mich süchtig, egal wie, nur tu es!

Ich möchte euch von meinem letzten Casting erzählen, bei dem es um Anthem ging. Die erste halbe Stunde zusammengefasst: Eine mystische Welt, knallharte Kämpfer, viele Explosionen, Monster und ein extrem cooler Anzug.

Okay, ich pausiere, um in mich zu gehen. Ich habe diverse Fragen an den Bewerber. „Du hast eine interessante Welt, Götter und Power Rangers, die sich dagegen auflehnen. Das klingt cool, aber warum präsentierst du mir das Geheimnisvolle so actionlastig? Warum lässt du es mich nicht persönlich entdecken?“

„Zu den Anzügen: Ich habe immer schon von einem eigenen Kampfanzug geträumt, vor allem einem, der fliegen, tauchen und blitzschnell rennen kann. Aber gibst du mir genug Grund, ihn zu nutzen? Einen Raum, der zum Erkunden einlädt? Einen Gegner, der mich ohne Anzug sofort töten würde? Es sieht alles cool aus, aber irgendetwas fehlt ...“

Grafik ist nicht Anthems Problem, diesen Pluspunkt hat es vielen anderen Spielen sogar voraus.Grafik ist nicht Anthems Problem, diesen Pluspunkt hat es vielen anderen Spielen sogar voraus.

Der Controller bleibt nicht in meinen Händen kleben, ich kann ihn problemlos ablegen. Anthem konnte mich nicht motivieren, die halbe Stunde zu überschreiten. Was erwartet mich dahinter? Unmengen an Loot? Unmengen an Monstern? Ein letztes Argument schießt mir durch den Kopf - Was ist mit dem Multiplayer? - Ja, aber warum sollte ich gerade hier so viel Zeit mit meinen Freunden zubringen und nicht woanders?

Die erste halbe Stunde ist für mich die meme-wörtliche Nutshell des Spiels. Es gibt eine Vorschau auf das gesamte Potenzial des Spiels. Und diese muss mich nicht nur begeistern, sie muss mich süchtig machen. Was sie durch folgende Aspekte tun kann - nicht zwangsläufig durch alle, aber ein paar sollten schon erfüllt werden:

  • Eine spannende Welt, in die ich mich wie in einen Pool stürzen möchte
  • Einen Antagonisten, den ich innerhalb von Sekunden windelweich prügeln will
  • Eine Bedrohung, der ich mich im realen Leben niemals zu stellen traue
  • Eine Mission, für deren Erfüllung ich sämtliche Kräfte aufbringen werde
  • Ein Spielprinzip, das trotz seiner Wiederholung nie langweilig wird
  • Charaktere, die ich nicht ertragen muss, sondern keinen Moment missen will

Ein für mich gutes Spiel muss in seiner ersten halben Stunde beweisen, dass es einen dieser Punkte vollkommen beherrscht. Es muss eine emotionale Verbindung zu mir aufbauen, mich anheizen, mir vermitteln, dass ich ein Trottel wäre, wenn ich jetzt die Konsole ausschalten würde.

Überraschende Kandidaten

Um den Kreis zu schließen, komme ich zuletzt auf Spiele zu sprechen, die jetzt nicht unbedingt perfekt sind, aber mich in der ersten halben Stunde regelrecht verstört, begeistert und mitgenommen haben. Sie zähle ich als Beispiele auf, wie ein Anfang mich süchtig machen kann.

Charaktere, die ich nicht ertragen muss, sondern keinen Moment missen will.Charaktere, die ich nicht ertragen muss, sondern keinen Moment missen will.

In der ersten halben Stunde von Life is Strange 2 mache ich zwar banale Dinge wie einen Rucksack packen oder meinen Vater um Geld für eine Party anpumpen. Eine richtige Schnarchpartie, aber weit gefehlt - ich lerne in kürzester Zeit auf geschickte und subtile Weise drei interessante Menschen kennen - über Objekte, Gespräche und Handynachrichten - werde Teil ihres Lebens, ihrer Konflikte und ihrer Wünsche. Umso neugieriger ich bin, desto mehr werde ich mit Eindrücken und Geheimnissen belohnt.

Eine spannende Welt, in die ich mich wie einen Pool stürzen möchte.Eine spannende Welt, in die ich mich wie einen Pool stürzen möchte.

In der ersten halben Stunde von Nier - Automata werde ich sekündlich überrascht. Nicht nur, dass ich hunderte Fragen habe und nur drei Antworten bekomme, das Spiel bricht mit sämtlichen Konventionen. Erst präsentiert es sich fast schon als arcadiger Shooter im Sinne von Space Invaders, dann transformiert es sich zu einem Side-Scroller, um mich schließlich in der typischen "Third Person"-Perspektive gegen einen ersten Endgegner kämpfen zu lassen. Hinzu kommt Gesang in einer seltsamen Sprache, die ich über die Atmosphäre trotzdem verstehe.

Eine Mission, für deren Erfüllung ich sämtliche Kräfte aufbringen werde.Eine Mission, für deren Erfüllung ich sämtliche Kräfte aufbringen werde.

In der ersten halben Stunde von The Division betrete ich das von einem Virus dahingeraffte und von Plünderern zerstörte New York. Ich wurde entsandt, um es zu retten und allein das Ausmaß der Vernichtung lässt mich so unglaublich klein erscheinen. Es gibt keine Missionsareale, die Welt ist ein großes Missionsgebiet, der Kampf findet überall und jederzeit statt und ich habe dem Ganzen nur meine Feuerkraft und die meiner Teamkollegen entgegenzusetzen. Und an sich komme ich viel zu spät.

Das muss ein Spiel können. Meine Hände mit dem Controller verschmelzen lassen. Mich die Zeit, vor allem die erste halbe Stunde, vergessen lassen.

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