Anthem: Darum ist das Spiel eigentlich eine Teambuilding-Simulation

(Kolumne)

von René Wiesenthal (05. März 2019)

Nachdem ich Anthem nun einige Zeit gespielt habe, ist mir bei der Interaktion mit meinen Mitspielern etwas aufgefallen, das ich aus Modellen der Arbeitspsychologie kenne: In fast jeder Mission durchlaufe ich mit den Fremden einen blitzartigen Teambuilding-Prozess.

So eine siegreiche Gruppe entsteht nicht einfach aus dem Nichts.So eine siegreiche Gruppe entsteht nicht einfach aus dem Nichts.

Kennt jemand von euch das Phasenmodell des Teambuildings von Bruce Tuckman? Falls nicht, habt ihr zumindest schon mehr als einmal – mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit – die Phasen durchlaufen, die der Psychologe darin beschreibt. Sie dienen vereinfacht gesagt der Veranschaulichung davon, wie Menschen in der Gruppe interagieren, wenn sie vor ein gemeinsames Ziel gestellt werden (siehe zum Beispiel Lehrbuch Psychologie).

Sehr oft tut ihr das im realen Leben, in der Schule, in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit. In den letzten Tagen habt ihr die Phasen aber vielleicht auch vermehrt in Anthem durchlaufen. Zusammen mit einer Gruppe stummer Avatare in virtuellen Metallanzügen, die von Fremden Leuten aus Irgendwo gesteuert wurden.

So sieht das Endgame von Anthem aus:

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass durch die Gleichartigkeit der Expeditionen in Anthem Muster entstehen, die sich in nahezu jedem Einsatz zeigen. Und damit meine ich nicht das Missions-Design oder andere Elemente, die von Seiten des Spiels aufgefallen sind. Ich habe beobachtet, wie sich das Gefüge meiner immer neuen und zufällig gestalteten Gruppen entwickelt. Und siehe da: Anthem ist eine Teambuilding-Simulation.

Phase 1: Forming

Die Formationsphase ist nach Tuckman diejenige, in der die einzelnen Gruppenmitglieder aufeinandertreffen und sich im Team orientieren. Sie kennen einander noch nicht, wissen nicht, was der jeweils andere draufhat und wo ihr Platz in der Gruppe ist. Ihr denkt jetzt sicher zu Recht an das wirre Herumgewusel zu Missionsbeginn, das in Anthem stattfindet, sobald ihr mit eurem Javelin auf den Spawn-Punkt der Karte gesetzt werdet. Das ist die Forming-Phase.

"Wat, wer bist du denn?" Erst einmal beschnuppern sich die Spieler ein bisschen."Wat, wer bist du denn?" Erst einmal beschnuppern sich die Spieler ein bisschen.

In dieser Phase sind sich einzelne Spieler vielleicht noch nicht sicher, ob sie tatsächlich Teil dieser zeitlich begrenzten Einheit sein wollen oder die anderen doch eher doof finden. Deshalb braucht es klare Anweisungen, um alle gemeinsam zu aktivieren. Anthem-Spieler wissen, was jetzt kommt: Nach einigen Sekunden taucht irgendwo ein Wegmarker auf und der wilde Haufen setzt sich zusammen in Bewegung.

Phase 2: Storming

Die Storming-Phase, man könnte sie auch "Sturm und Drang"-Phase nennen, zeichnet sich vor allem durch Rangeleien innerhalb des Teams aus. Es gibt jetzt eine klare Zielvorgabe und Team-Mitglieder versuchen sich in Rollen einzufinden, die sie in der Gruppe einnehmen wollen. Dabei kann es zu Machtkämpfen und anderen Konflikten kommen.

"Ich will der Allererste sein! Mein Javelin ist schneller als deiner!""Ich will der Allererste sein! Mein Javelin ist schneller als deiner!"

Anthem-Spieler sehen es bei dieser Beschreibung schon vor ihren geistigen Augen: Der Interceptor stürmt nach vorne und möchte der Erste am Einsatzort sein, weil er am schnellsten ist. Dabei wäre der Colossus eigentlich viel lieber der Anführer. Immerhin teilt er im Nahkampf aus und kann mit seinem Schild an vorderster Front Angriffe abfangen.

Der Ranger fühlt sich als Allrounder ebenso am ehesten in der Lage, die Gruppe anzuführen. Er kann schließlich alles ein bisschen und hat nicht nur eine Inselbegabung. Während sich die drei darum zanken, wer jetzt das Tempo vorgibt und sich der ersten Welle von Gegnern stellt, schießen von oben Blitze in die Menge. Der mächtige Storm sinkt anmutig zu Boden und zeigt, wer hier das Sagen hat. Man kann den Phasen-Namen auch etwas zu wörtlich nehmen.

Phase 3: Norming

Und damit wären wir auch schon in der Norming-, also Normierungsphase. Die einzelnen Team-Mitglieder finden sich mit ihren Rollen ab, besinnen sich auf ihre Stärken und überlassen es den anderen, ihre Schwächen auszugleichen. Diese Phase ist wichtig, wenn die Mission klappen soll. Geht hier etwas schief, könnte es das mit dem Loot gewesen sein.

Nur ein normiertes Team ist ein erfolgreiches Team.Nur ein normiertes Team ist ein erfolgreiches Team.

Die Javelins in Anthem geben diese oftmals schon ein stückweit vor. Ist jeder genau einmal vertreten, wissen die einzelnen Spieler nach einiger Zeit was sie zu tun haben – und vielleicht lieber lassen sollten.

Durch diese Einsichten ist es die Norming-Phase, durch die sich eigentlich erst ein wirkliches Gruppengefüge ergibt. Bis hierhin wart ihr nur ein paar Wilde, die sich gegenseitig zum Respawnen am Einsatzgebiet zwangen und Kills vor der Nase wegklauten. Jetzt seid ihr ein waschechtes Team – und es gibt kein "Ich hab‘ extra meine Ultimate getriggert, du Penner – was knallst du meine Gegner ab!?" in "Team".

Phase 4: Performing

Die Performing-Phase verspricht es schon deutlich im Namen – hier geht es ans Eingemachte. Jetzt, wo die Skills aller vier Spieler wie Zahnräder in einer Hochleistungsmaschine ineinandergreifen, werden Feinden reihenweise auseinander genommen.

Der Colossus sammelt die Gegner, während er mit dem Schild durch sie durchpflügt, auf einer Fläche, die Storm mit einem Elementarangriff belegt. Der Ranger ballert aus sicherer Entfernung drauf, während der Interceptor übers Schlachtfeld schnellt, um alles mit Schellen zu versehen, das sich eurer Gruppe nähert.

Und cool zusammen posieren, ist auch wichtig.Und cool zusammen posieren, ist auch wichtig.

Bei Interaktionsabschnitten geht der Alpha-Spieler voran, um stellvertretend für die gesamte Gruppe die entsprechende Taste gedrückt zu halten. Müssen Lichter oder Fragmente gesammelt werden, teilen sich die Gruppenmitglieder auf, um möglichst schnell alles beisammen zu haben.

Außer dieser eine Typ, der immer rumsteht und wartet, bis die anderen fertig sind und wieder geballert werden kann. Früher hat er bei Gruppenarbeiten in der Schule in der Nase gebohrt, während die Mitschüler für ihn alles ausgearbeitet haben. Auch das gehört zu einem Gruppengefüge.

Phase 5: Adjourning

In der letzten Phase von Tuckmans Gruppenmodell geht es um den Abschied. Denn so wie eine Gruppe entsteht, muss sie sich auch wieder auflösen. In Fort Tarsis wollen Gespräche geführt und neue Endrohre an den Javelin geschraubt werden, die nächste Mission wartet auch schon. Also heißt es "Adieu" sagen.

Und wie läuft das ab in Anthem? Natürlich erst einmal, indem man nach Besiegen des letzten Gegners im Kreis zusammenkommt und sich gegenseitig Leuchtfackeln an den Latz schmeißt. Das ist ein Zeichen von Respekt und manchmal auch ein bisschen lustig, wenn die Fackeln besonders ungewöhnlich am Javelin des anderen abprallen. Es wird gewunken und gesprungen, wer noch eine Ultimate auf Tasche hat, feuert sie in die Runde, bis der Countdown bei Null ist.

Fackeln schmeißen ist Pflicht.Fackeln schmeißen ist Pflicht.

Um dem Ganzen noch einmal einen quantitativen Abschluss zu geben, wird im Debriefing aufgelistet, wie die einzelnen Gruppenmitglieder performt haben, wie viel Erfahrung sie beispielsweise gesammelt haben. Dafür steht man noch ein letztes Mal zusammen stolz zu einer Mischung aus indigener und Electro-Musik vor einem hübschen Panorama, bis sich die Gruppe endgültig auflöst.

Wenn ihr das nächste Mal auf Expedition seid, achtet einmal darauf, ob ihr solche oder ähnliche Dynamiken auch beobachten könnt. Der Mensch bleibt eben ein Mensch, auch wenn er in einem virtuellen Robo-Anzug durch die Luft fliegt.

Oder habt ihr da ganz andere Erfahrungen gemacht? Schreibt uns in die Kommentare, wie die Team-Arbeit in Anthem bei euch normalerweise aussieht. Wir sind gespannt darauf, eure Geschichten zu lesen.

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Tags: Multiplayer   Fun  

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