Hitzige Community: Ist Hassen die zweitliebste Beschäftigung des Gamers?

(Kolumne)

von Michael Sonntag (07. März 2019)

Jeden Tag herrscht Krieg in der Gaming-Welt. Nicht nur in den meisten Spielen, sondern auch außerhalb, in den Foren und sozialen Medien, wo eine Hasswelle auf die andere folgt. Warum hasst der Gamer eigentlich so viel? Dieser Frage widme ich diesen Artikel, um gleich mehrere Antworten zu finden und gewissermaßen gar keine.

Von Null auf Hundertausend

Um das besagte Phänomen zu veranschaulichen, führe ich in Gedanken eine kleine Assoziationsaufgabe durch. Ich zeige Gamern nacheinander Begriffe und bitte sie, darauf zu reagiern.

Fortnite - „Darüber berichtet ihr immer, doofes Kinderspiel, wer spielt denn noch Fortnite? Da habt ihr ein weiteres Deabo!

Anthem - „Alle, die das Spiel hassen, haben doch keine Ahnung. Ihr habt es bestimmt noch nicht ein einziges Mal gespielt. Wieso kann man dieses Spiel nicht in Ruhe lassen? Ihr A****!“

Red Dead Redemption 2 - „Ein großartiges Meisterwerk, es hat noch nie so ein gutes Spiel gegeben, ich habe es schon 100 Stunden ge ...Red Dead Online - „Der Multiplayer ist Dreck, Rockstar hat Mist gebaut, furchtbar, voll langweilig, alles tot!“

Und als Nintendo kürzlich das neue Pokémon - Schwert & Schild im Zuge einer Direct-Show ankündigte und die ersten Bilder des Trailers über die Bildschirme liefen, vergingen keine drei Sekunden, bis die ersten „Müll!“- und „Hässlich!“-Ausrufe im Chat folgten ...

Auch in spieletalks haben wir uns mit dem Thema Hass befasst:

Vorab: Es gibt viele Fans, die sich sehr wohl differenziert und fair mit Spielen auseinandersetzen können. Das wird und wurde niemals angezweifelt.

Nichtsdestotrotz gibt es aber auch eine nicht zu unterschätzende Gruppe, die uns jeden Tag begegnet, wegen allem und jedem an die Decke geht, kein Mittelmaß kennt und bei der kleinsten Kritik an ihrem Lieblingsspiel nicht nur wütend, sondern richtig geschmacklos werden kann. Dass diese Reaktionen ungerechtfertigt sind, ist klar und soll hier gar nicht zur Debatte stehen.

Die viel interessante Angelegenheit betrifft den Grund für diese nicht zu bremsende Vulkanausbruch-Attitüde. Und das viel Faszinierendere daran: Es ist nicht nur einer, es sind sehr viele Gründe, die sogar nachvollziehbar sind.

1. Eine harte Vergangenheit

Es hat sich heutzutage zwar deutlich gebessert, aber vor wenigen Jahren musste jeder, der offen zugab, Videospiele zu zocken, noch mit massenweisen Vorurteilen und Beleidigungen rechnen. Im Gegensatz zu Filmen und Büchern, die eine gesellschaftliche Akzeptanz genießen, bildeten Videospiele das rätselhafte Außenseitermedium, das gefühlt von einem anderen Planeten stammte oder von einer feindlichen Regierung zur Gedankenkontrolle produziert wurde.

Videospiele würden angeblich dumm und süchtig machen, während die Videospieler selbst picklig, beschränkt, sozial verunsichert und außerdem potenzielle Amokläufer seien. Um das zu verkraften und sein Medium weiterhin genießen zu können, musste man sich ein dickes Fell zulegen und war noch stärker auf den Zusammenhalt der eigenen Community angewiesen. Das Gefühl des Unerwünschtseins wandelte sich in Selbstbewusstsein und Stolz um, gewissermaßen schon eine Arroganz, die Nicht-Spieler abfällig betrachtete und in Eingeweihten sofort Seelenverwandte erkannte.

Kleine Randnotiz: Auch der Videospieljournalist als solcher muss sich mit diesen Vorurteilen auseinandersetzen. Viele Leute denken, dass ich den gesamten Tag auf der Arbeit zocken würde, während es eine Redaktionsarbeit wie jede andere auch ist und Spielen tatsächlich nur einen kleinen Teil meines Jobs ausmacht, der außerdem in die Freizeit verlagert wird. Also daher: Ich verstehe euch, aber ihr und wir müssen nicht so garstig sein. Das haben wir gar nicht nötig.

2. Keine reine Elektronik, sondern virtuelles Fernweh

Um dieser hart beschützten Leidenschaft Ausdruck zu verleihen, eignet sich der Spieler ein beachtliches Expertentum an. Er investiert viel Geld, Zeit und Gefühl in sein Medium und lernt es in- und auswendig kennen. Er erlebt packende Geschichten, lernt charmant geschriebene Charaktere kennen und meistert nervenaufreibende Bosskämpfe. Steuerung, Trivia, Trophäen - für eine reine Freizeitbeschäftigung geht die Interaktion zu sehr in die Tiefe und ins Detail. Die verschiedenen Genres machen verschiedene Expertengruppen und Lager auf. Deshalb muss jede Aussage, die gefällt wird, gut überdacht sein, denn mitreden zu können, erfordert fast schon ein Studium. Auch wenn sich nicht alle immer wie Akademiker aufführen.

3. Das Ringen um die Gunst

Womit wir zur dritten Instanz in dieser Welt kommen - den Entwicklern, die vor der Aufgabe stehen, jedes Jahr noch bessere Spiele auf den Markt bringen zu müssen, dafür immer größere Studios benötigen und wiederum immer mehr Kapital aus dem Medium schlagen wollen, über Mikrotransaktionen, DLCs und spezielle Editionen. Der Videospielmarkt ist geprägt von hohem Anspruch seitens der Spieler, hohem Leistungsdruck seitens der Entwickler, phrophetischem Marketing und vernichtenden Niedergängen.

Der Spieler beobachtet das Treiben der Produzenten mit Argusaugen, denn er ist durch Skandale und Kontroversen der Vergangenheit vorbelastet und misstrauisch. Auf ein Spiel zu hoffen, geht mit einer großen emotionalen Spannweite einher. Es erfordert, über Jahre zu warten, sich mit wenigen Details aus Trailern und Gameplay-Material zu begnügen und dann die große Enthüllung zu verarbeiten, sei sie jetzt gut oder schlecht. Darüber hinaus ist sich der Spieler des Einflusses bewusst, den er mit seinem Urteil und dem der Community auf den Entwickler hat. Das "Kunde ist König"-Prinzip hat er wie kein anderer Konsument verinnerlicht.

Mit dieser Kombination aus Außenseitertum, Arroganz, Leidenschaft, hohem Qualitätsanspruch, hohen Geld-Zeit-Gefühl-Investionen, dem nervenaufreibenden Spiel der Entwickler mit den Erwartungen der Spieler, dem Machtbewusstsein, einen Entwickler in Ungnade stürzen zu können, der Anonymität des Internets und der Überforderung an Angeboten - ist das Schicksal des Gamers ein hartes. Dass es da zu Vulkanausbrüchen kommen kann, ist nachvollziehbar, aber immer noch nicht gerechtfertigt. Aber Urlaub sollte man ihm mal dringend verschreiben.

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