Test Anthem: Hinterm Wartesaal lauert eine Action-Orgie

von René Wiesenthal (07. März 2019)

Anthem wird sich weiterentwickeln - ob zum Guten oder Schlechten, zeigt die Zeit. In seinem aktuellen Zustand lässt sich jedenfalls eine Menge daran aussetzen. Und richtig viel Spaß damit haben. Wie das möglich ist, verrät euch unser Test.

Die Dominion sind ein bösartiges Volk, das die Menschheit unter seine Kontrolle bringen will. Um das zu erreichen, versuchen sie sich der Hymne der Schöpfung zu bemächtigen, die eigentlich den Göttern vorbehalten ist. Ihr seid ein Freelancer, ein Krieger in einer mechanischen Rüstung, und damit ein arger Feind der Dominion. Das ist die Prämisse von Anthem. Und die ist so schnell heruntergerattert, dass sich schon nach wenigen Spielstunden zeigt, worum es in Anthem eigentlich geht: Ballern und Looten.

Anthem: Gameplay-Ausschnitte aus dem Endgame

Bioware hat sich mit Anthem vorerst fast vollständig von seinen Rollenspiel-Trademarks verabschiedet. Der Fokus des Online-Games, das euch einen langfristigen Service in Form regelmäßiger Updates bieten will, liegt auf Action und Schauwerten. Eine Kombination, die unterhaltsam sein kann, wenn sie gut präsentiert wird. Aber auch stumpf und ermüdend, wenn das nicht der Fall ist. Wie schlägt sich Bioware also in diesem Sektor?

Anthem auf dem Seziertisch

Um diese Frage zu beantworten, muss man Anthem sezieren. Denn das Spiel besteht aus einzelnen Bausteinen, die so verschieden sind, dass man sie problemlos voneinander unabhängig betrachten kann. Zuerst einmal ist da der Management-Teil des Spiels. Die Verwaltung eures Inventars, das Individualisieren des Javelin-Kampfanzuges, das Prüfen von Statistiken und Erhalten frischer Aufträge. Das alles findet in Fort Tarsis statt, einer Festung in der Welt von Anthem, die eurem Helden als Zuhause dient.

Hier spielt ihr in der Ego-Perspektive und lernt mit voranschreitendem Spielfortschritt immer neue Personen kennen, mit denen ihr in Plaudereien geratet. Denn auch wenn Fort Tarsis spielerisch nur der Ressourcenverwaltung dient, werden eure Handlungen hier erzählerisch gerahmt. Allerdings nicht sonderlich spannend. Die Dialoge sind zwar teilweise interessant und einzelne Figuren liebenswert, die meisten Gespräche fühlen sich aber an wie belangloses Füllwerk.

Fort Tarsis ist nicht gerade ein Topf voller Freude.Fort Tarsis ist nicht gerade ein Topf voller Freude.

Zumal die Bewohner von Tarsis immer sehr steif an Ort und Stelle stehen und so nicht wie glaubwürdige, lebendige Mitmenschen erscheinen, sondern eher wie Wachposten. Zusätzlich nimmt Bioware selbst den unterhaltsameren Gesprächen den Schwung, indem an bestimmten Punkten durch die Auswahl aus einer von zwei Antwortmöglichkeiten Eingaben gefordert werden, die letztendlich kaum einen merklichen Einfluss haben oder in der Darbietung überhaupt dem Ausgewählten entsprechen.

Fort Tarsis: Das etwas schönere Menü

In Tarsis erschließt ihr euch nach und nach neue Bereiche, die ihr erkunden könnt. Ihr stapft in mäßigem Tempo durch das Fort, interagiert, wenn ihr wollt, mit Gegenständen, die euch Hintergrundinfos zur Welt von Anthem liefern. Im Shop könnt ihr euch gegen Echt- oder "In Game"-Geld kosmetische Items aus einem stetig wechselnden Sortiment kaufen.

In der Schmiede schraubt ihr am Aussehen und der Ausrüstung eures Javelin herum. Nach einiger Zeit wird die Startrampe verfügbar, welche als Social-Hub dient, aber wenig hinzufügt, das Tarsis aufwertet. Denn das Fort ist trotz seiner Bewohner nicht viel mehr als ein etwas schöneres Menü, das ihr eigentlich nur besucht, um euch auf den wirklich unterhaltsamen Part von Anthem vorzubereiten – die Expeditionen.

Vom Standgas zum Vollgas

Erzählerisch wird Anthem auf Expedition zwar nicht viel spannender, allerdings lässt das Game hier optisch und in Sachen reibungsloser Spielmechanik so richtig die Muskeln spielen. Es ist ein Hochgefühl, wenn ihr das erste Mal mit dem Javelin in die Lüfte steigt, um durch die wunderschöne und toll designte Spielwelt zu fliegen. Spätestens wenn ihr nach ein paar Stunden Eingewöhnung und Herumprobieren die Steuerung perfektioniert, giert ihr danach, auf Mission zur nächsten Gegnerhorde zu rasen und durch die Schergen zu fetzen.

Im Kampf lässt Anthem die Muskeln spielen.Im Kampf lässt Anthem die Muskeln spielen.

Durch zwei ausrüstbare Waffen, zwei zusätzliche, individualisierbare Angriffsmodule, eine Javelin-spezifische Ultimate-Fähigkeit und ein leider etwas undurchsichtiges Kombosystem gibt es hier genügend Raum, sich in Kämpfen je nach Situation ordentlich auszutoben. Die vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten eurer Anzüge – von Boost-Ketten hin zu Doppelsprüngen, die in Gleitflügen enden – tragen zur Abwechslung in Gefechten bei. Im Viererteam brechen Kaskaden von effektgeladenen Attacken über die Gegner herein, die eure Kämpfe in abgefahrene Pyro-Shows verwandeln.

Diablo mit Schusswaffen

Schön ist auch, wie verschieden sich die vier verfügbaren Javelins anfühlen, die ihr mit Erreichen bestimmter Level-Grenzen nach und nach in beliebiger Reihenfolge freischaltet. Jede Ultimate-Fähigkeit ist einzigartig und ist nicht nur ein Augenschmaus, sondern auch befriedigend effektiv.

So sieht es aus, wenn der Interceptor in die Schlacht zieht:

Anthem ist ein bisschen wie ein Hack 'n' Slay mit Schusswaffen. Treibt man den Vergleich etwas weiter, könnte man sogar Diablo heranziehen. Denn die Kämpfe sind bei beiden nicht unbedingt taktisch fordernd. Vielmehr tariert ihr stets die Position eurer Figur aus, während ihr auf den Energiebalken und die Abklingzeiten eurer Skills achtet – und natürlich Gegner unter Beschuss nehmt. Das macht Anthem zu einer unterhaltsamen, Grind-lastigen Multi-Tasking-Übung.

Es ist nicht alles Gold, was kracht

Doch auch die Ausflüge ins Freie sind nicht frei von Macken und daher trotz viel Spielspaßpotenzial nicht perfekt. Anthem wankt in seinem Schwierigkeitsgrad teils im Minutentakt zwischen viel zu leicht und bockschwer. Ihr könnt zwar vor Missionsbeginn den Schwierigkeitsgrad anpassen, aber das ist eher ein Versuch des Gegensteuerns gegen eine unausgereifte Spielbalance. Auch in Sachen Umfang sind die Missionen recht unterschiedlich. Einige von ihnen sind bereits abgeschlossen, bevor ihr euch warmgekämpft habt, was angesichts der langen Wartezeiten beim Übergang zum Tarsis-Part ärgerlich ist.

Nach einer Zeit wiederholen sich die Abläufe in den Missionen zu stark.Nach einer Zeit wiederholen sich die Abläufe in den Missionen zu stark.

Die Gleichartigkeit und fehlende Vielfalt bei gegnerischen Kreaturen tragen ihren Teil dazu bei, dass man nach einigen Stunden im Spiel bereits den Eindruck hat, eigentlich immer wieder dasselbe zu tun. Auch wenn das Spaß macht, fehlt es hier schlichtweg an Abwechslung. Im so genannten Freien Spiel zeigt sich zudem, dass Anthem im aktuellen Zustand noch nicht genügend Inhalt bietet, um langfristig bei der Stange zu halten.

Die Frage der Fragen

Nun also zur Frage vom Anfang: Wie schlägt sich Bioware im Action-Genre? Ist Anthem ein hochpoliertes Grind-Game oder doch eine Schlaftablette? Die Antwort hängt eben davon ab, wie ihr die einzelnen Bausteine von Anthem gewichtet und wie viel Wert ihr darauf legt, dass sich alles wie ein in sich stimmiges Ganzes anfühlt.

Wer einmal im Kampf war, kann sich wohl schwer dagegen erwehren, daran Gefallen zu finden und kann Anthem kaum seinen Reiz absprechen. Wer eine tiefgreifende, tolle Erzählung und große Überraschungen sucht, ist hier falsch beraten.

Durch diesen Charakter von Anthem, der wie bei kaum einem anderen Spiel der jüngeren Vergangenheit zu einer extremen Teilung der Lager führt, bestätigt sich unser Zwischenfazit zum Spiel, dass es in der Community viel zu gut, aber auch viel zu schlecht wegkommt. Ob Anthem seinem Service-Charakter gerecht wird, können wir aktuell nicht beurteilen. Das Potenzial ist da.

Meinung von René Wiesenthal

Bioware und EA haben sich ein Ei damit gelegt, die Erwartungen zu Anthem im Vorfeld mit falschen Versprechen zu füttern. Fort Tarsis ist keine lebendige und einladende Welt. Ihr beeinflusst die Geschehnisse nicht durch eure Dialogentscheidungen. Und die Missionen sind so gleichartig, die Inhalte so wenig, dass das Spiel schon nach wenigen Stunden zu einer Grind-Schleife wird und Langlebigkeit bisher ein Gerücht ist.

Und doch hat Bioware genug Mühe in das Core-Gameplay der Expeditionen gesteckt, um diese Umstände nicht nur abzufedern und den Totalausfall zu verhindern, sondern sogar eine sehr überzeugende Motivation geliefert, trotzdem wiederzukommen. Die ganzen Schattenseiten des Hochglanzspiels über sich ergehen zu lassen.

Ich sage es frei heraus: Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß an der elementaren Spielmechanik eines Games wie in Anthem. Ich bin beeindruckt, wie vielseitig und dynamisch die Bewegungssteuerung der Javelins ist, ohne mich zu überfordern. Sobald ich meinen Anzug richtig beherrscht habe, wollte ich den NPCs zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Ein ums andere Mal.

Wäre da nur nicht immer diese Ernüchterung nach jeder der Teils viel zu kurzen und zu einfachen Expeditionen: Der Loot ist jedes Mal lahm und motiviert nicht wirklich zum Sammeln. Fort Tarsis bremst mich in meinem Spaß aus und wollte irgendwann nur noch von mir überbrückt werden, damit ich wieder ballern kann. Es ist schade, dass alles in Anthem, was abseits der Schlacht passiert, dem im vom Adrenalinrausch befallenen Spieler zum Klotz am Bein wird.

Trotzdem, und das muss ich ganz klar feststellen, ist Anthem kein Reinfall. Im Gegenteil, bei so viel ungenutztem Potenzial stecke ich meine Hoffnungen in die Tatsache, dass Updates ein Teil des Spielkonzeptes sind und hoffe darauf, dass diese richtig abliefern werden. Es gibt viel zu tun in Anthem, aber es ist kein Ding der Unmöglichkeit, es zu einem richtig guten Spiel werden zu lassen.

75

meint: Wenig Inhalt, wenig Abwechslung und eine unausgereifte Erzählung stehen krachender Action gegenüber, die unglaublich viel Laune macht.

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Tags: Multiplayer   Online-Zwang  

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