Videospielindustrie:Wieso diese Angst vor Haltung? (Kolumne)

von Matthias Kreienbrink (15. März 2019)

Es ist inzwischen ein Allgemeinplatz, dass Videospiele immer größer werden. Nicht nur wachsen die Welten, das Budget, die Länge der Spiele, auch wird die Industrie immer größer. Die Einnahmen, die wirtschaftliche Relevanz, die gesellschaftliche Einflussnahme. Während das Medium selbst immer größer wird, scheint eines nicht mitzuwachsen: Die Haltung der großen Spielefirmen. Nichts scheint ferner zu liegen als Verantwortung zu übernehmen.

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Alleine in den vergangenen Wochen haben zwei große Spielefirmen einmal mehr ihre Scheu vor Haltung gezeigt. Der Publisher THQ Nordic veranstaltete ein „Ask Me Anything“ – die Möglichkeit also, dem Unternehmen jede beliebige Frage zu stellen – im Forum 8Chan. 8chan ist eine Plattform, die vor allem rassistischem, homophobem, misogynem und pädophilem Publikum eine Austauschmöglichkeit bietet. Nachdem eifrig einige teils unsägliche Fragen beantwortet wurden, bemerkte man anscheinend, dass die, milde ausgedrückt, Verwunderung über diesen PR-Schachzug doch größer war als angenommen.

Besonders auf Twitter fragten sich viele User, wie um alles in der Welt ein millionenschweres Unternehmen auf die Idee kam, sich mit diesen Menschen zu assoziieren. Schnell wurde ein Statement zusammengezimmert: "Man habe ja nicht gewusst, sonst hätte man ja niemals." Doch wie hätte man nicht wissen können? Eine einfache Google-Suche (der erste Schritt, den jeder fähige PR-Manager tun sollte) hätte direkt offenbart, dass 8Chan der letzte Ort ist, an dem man Fragen beantworten möchte. Bis heute gibt es keine plausible (!) Erklärung des Unternehmens zu dem Vorfall. Und vor allem keine Äußerung dazu, welches Signal sie damit aussenden an Menschen, die täglich rassistischen oder homophoben Anfeindungen ausgesetzt sind - auch und besonders in der Gaming-Szene. Denn dazu bräuchte es ja ein Verantwortungsgefühl. Aber man macht ja nur Videospiele, die sind zum Spaß da - also alles nicht so ernst nehmen.

Steam hat eine Haltung: Keine Haltung

Der letzte Vorfall ist erst wenige Tage alt. Die digitale Vertriebsplattform Steam hatte ein Spiel im Programm, in dem es darum geht, Frauen zu vergewaltigen, als einziges Ziel des Spiels. Auch hier folgte ein berechtigter Aufschrei und Steam nahm das Spiel wieder von seiner Plattform - noch bevor es für den Verkauf freigegeben wurde. Nicht jedoch aus ethischen Gründen. Sondern, wie aus einem Blogpost hervorgeht, weil man nicht wisse, welche Konsequenzen das Anbieten des Spiels haben könnte – man respektiere aber den „Wunsch des Entwicklers, sich selbst auszudrücken“.

Steam also hat eine Haltung. Nämlich die, niemals eine Haltung zu haben. Selbst wenn es darum geht, den frauenfeindlichsten Schmutz nicht anzubieten, den man sich erdenken kann. Es ist die ultimative Scheu davor, Verantwortung zu übernehmen - eine Ethik zu entwerfen, die einer milliardenschweren Branche mehr als gut zu Gesicht stehen würde.

Zwei Vorfälle in kurzer Zeit. Es sind nicht die ersten und es werden nicht die letzten sein. Es sei denn, diese großen Firmen entdecken endlich, dass sie schon lange keine Nische mehr bedienen, keine Subkultur. Das sollte ihnen eigentlich bekannt sein, wenn sie sich ihre Bilanzen anschauen. Doch noch immer benehmen sich viele dieser Unternehmen so als sprächen sie das Klischee des Gamers an, der alleine in seinem Keller sitzt und von der Welt nicht verstanden wird. Doch sie sprechen Millionen von Menschen an. Es wird Zeit, deutliche Worte zu finden.

Tags: Steam  

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