Test The Division 2: Eure Gier nach Beute bleibt unheilbar

von Michael Sonntag (20. März 2019)

Wir sind nicht fertig mit The Division 2, logisch, da das Spiel auch niemals enden muss. Aber wir haben genug gesehen, um zu sagen, wo die Reise hingegangen ist. Wie ihr in unserem Test zu The Division 2 für PlayStation 4 erfahren werdet, bietet der Shooter zwar nicht für jeden Spieler eine Plattform, aber für ein bestimmtes Kaliber ein neues Zuhause.

Das war erst der Anfang vom Ende der Welt:

Anstatt diesen großen und komplexen Shooter jetzt in all seinen spielerischen und technischen Details zu beleuchten, möchten wir uns hier auf das eigentliche Hauptspiel von The Division 2 konzentrieren - die ersten dreißig Stunden Spielzeit. Allem, was danach im "Open End"-Game kommt, werden wir uns in einem anderen Artikel widmen.

Who you gonna call?

Nein, die Apokalypse ist noch lange nicht überwunden. In The Division konnte die namensgebende Spezialeinheit zwar New York vor einem Virus und dem Bürgerkrieg retten, aber jetzt muss sie sich einer viel größeren Aufgabe stellen: Washington D.C. steht vor dem Untergang und somit auch das ganze Land. Also los, es bleibt keine Zeit zu verlieren!

Nachdem ihr euren Agenten im Charakter-Editor erstellt habt, reist ihr sofort in die amerikanische Hauptstadt und sollt das Weiße Haus von einer Belagerung befreien. Nachdem das geschafft ist, wird der ehemalige Präsidentensitz zu eurem Hauptquartier, von dem ihr aus die Stadt Gebiet für Gebiet zurückerobern und dabei andere Überlebendensiedlungen unterstützen sollt.

Je mehr Spezialisten ihr für das Weiße Haus rekrutiert, desto mehr Dienste stehen euch zur Verfügung.Je mehr Spezialisten ihr für das Weiße Haus rekrutiert, desto mehr Dienste stehen euch zur Verfügung.

Und an sich macht das die gesamte Geschichte und Ausgangssituation von The Division 2 aus. Die Position, dass ein Loot-Shooter nicht unbedingt eine spannende, komplexe Geschichte erzählen muss, da sie ohnehin im Hintergrund abläuft, ist durchaus vertretbar. Aber wo eine solche dem Spieler einen weiteren Anreiz hätte liefern können, führt es in The Division 2 dazu, dass Spiel und Geschichte vollkommen auseinanderdriften, mehr noch als im ersten Teil. Die Menschheit zu retten stellt sich als nicht besonders lohnend heraus.

Es wird zwar versucht, die Apokalypse erbarmungslos darzustellen und eurer Aufgabe eine hohe Bedeutung zu verschaffen, aber am Ende lässt das einen ziemlich kalt. Sämtliche Charaktere bleiben platt und werfen mit typischen Endzeit-Sprüchen um sich, wurden gefühlt schon cool und zynisch geboren. Hätte euer stummer Charakter eine Stimme, hätte er dem Ganzen trotzdem nichts hinzuzufügen. Ihr arbeitet alle Missionen ab, so cool sie auch sind, aber es gibt keine Wendungen, noch nicht einmal einen klar auszumachenden Feind.

Die Zwischensequenzen haben immerzu dieselbe Aussage: Ihr seid der einzige, der die Welt retten kann.Die Zwischensequenzen haben immerzu dieselbe Aussage: Ihr seid der einzige, der die Welt retten kann.

Die spannende Prämisse des ersten Teils - dass die Division selbst nicht ganz so unschuldig ist - wird ebenfalls nicht wirklich fortgesetzt. Verschenktes Potenzial. So erledigt ihr eure Aufträge, tötet gesichtslose Feinde für gesichtslose Verbündete, denen ihr zwar im Laufe des Spiels immer mehr Hoffnung und Wohlstand verschafft, aber an sich interessiert euch etwas völlig anderes: Beute, Waffen und der Ausbau eures Charakters.

Das ist zwar eine interessante Geschichte - der Söldner, der die Welt zufällig rettet - aber sicher nicht die, die Entwickler Massive Entertainment erzählen wollte. Wenn keine nennenswerte Geschichte vorrätig ist, um dem Ganzen einen Rahmen zu geben, sollte dann überhaupt eine erzählt werden? So oder so, die Handlung unterstützt das Gameplay nicht wirklich, nervt aber glücklicherweise auch mit ihrer Belanglosigkeit nicht. Das, was wirklich zählt, spielt sich sowieso draußen ab - im urbanen Dschungel der apokalyptischen Wildnis.

Der Schnee ist weg, das Blut ist geblieben

Die Zerstörung ist allgegenwärtig und hat viele Geschichten zu erzählen.Die Zerstörung ist allgegenwärtig und hat viele Geschichten zu erzählen.

Als es hieß, dass The Division 2 im Sommer spielen soll, wurden einige Spieler skeptisch. Der tiefe Schnee, die endlose Dunkelheit, das zerstörte New York - alles, was dem ersten Teil eine Aura der Schwere und Hoffnungslosigkeit verliehen hat, soll durch einen warmen Sommer ausgetauscht werden, der alles viel harmloser aussehen lässt? Schnell zeigt sich, dass diese Sorge vollkommen unberechtigt ist.

Washington ist auf seine ganz eigene Weise apokalyptisch und wunderschön surreal. Die Sonne scheint, Rehe fressen Gras, aber die Straßen sind leer, die Mülltüten stapeln sich zu Bergen und überall stehen noch Weihnachtsbuden herum. Washington D.C. ist so liegen geblieben wie es gestorben ist - beim Ausbruch des Virus vor sieben Monaten. Statt Eiscreme und Spaziergängen stehen Tod und Verzweiflung an der Tagesordnung. Und das hat einen ganz eigenen Charme.

Ihr könnt ein buntes Buffet an Schauplätzen genießen - von Museum bis Drogenlabor ist alles dabei.Ihr könnt ein buntes Buffet an Schauplätzen genießen - von Museum bis Drogenlabor ist alles dabei.

Was die Gestaltung der Welt angeht, hat The Division 2 mit Washington viel mehr Spielraum. Einkaufspassagen wechseln sich mit großen Parks ab, auf Geschäftsviertel folgen Industrieanlagen. Hinzu kommt der plötzlich eintretende Kontrast, wenn ihr vom sonnigen Draußen in ein komplett finsteres Gebäude lauft.

In einer Open World möchtet ihr vor allem entdecken - und während die Zerstörung irgendwann verständlicherweise als einheitlicher Welt-Skin aufgenommen wird - ist es überraschend, wie viele verschiedene Orte und deren Verwandlungen vorgestellt werden. Hotels, Museen, Planetarien, TV-Studios. Ja, es macht Spaß, überall zu kämpfen, vor allem wenn die Schauplätze so cool inszeniert werden und die Zerstörung eine viel lebendigere Geschichte als die Lebenden erzählt. Der stimmige Soundtrack rundet das Ganze perfekt ab.

Durch den Lichtwechsel kann sich eine Forschungseinrichtung binnen Sekunden in einen Höllenofen verwandeln.Durch den Lichtwechsel kann sich eine Forschungseinrichtung binnen Sekunden in einen Höllenofen verwandeln.

Vom Verlassen der Basis mit bester Vorbereitung bis zur Heimkehr mit diversen Verletzungen und vollen Taschen können Stunden vergehen. Denn abseits der Missionen werdet ihr immer noch links und rechts auf eine Feindaktivität, eine Basis oder eine Kiste treffen. Jede Expedition entwickelt sich zu einer vielversprechenden Halloween-Jagd, bei dem ihr sekündlich irgendetwas entdeckt oder bekommt.

Das Sahnehäubchen bilden die drei Dark Zones, die kontamininierten PVP-Gebiete, die Tod und Zerstörung in ihrer ultimativen Form präsentieren. Während man bereits angespannt beim Betreten ist, herrscht dort drin eine einnehmende Stille, in der ihr jederzeit damit rechnen müsst, den schlimmsten Plünderern zu begegnen, die die Apokalypse hervorgebracht hat: Die Division selbst.

Der moderne Gladiator

Der Kampf verläuft schnell, brutal und immer anders.Der Kampf verläuft schnell, brutal und immer anders.

Schießen, Deckungswechsel, Granaten werfen, Fähigkeiten einsetzen, sich absprechen, flankieren, in die Ecke getrieben werden und das Blatt am Ende vielleicht doch noch wenden können - das herausfordende Kampf-Gameplay machte bereits The Division so suchterregend und großartig. Oberflächlich betrachtet repetitiv, hat es im Detail doch viele taktische Nuancen zu zeigen.

In Teil 2 ist der Kern der Formel beibehalten worden und mit diversen Verbesserungen weiterentwickelt worden. Für Zuschauer mag es wie eine Kopie wirken, aber Spieler werden ab dem ersten Moment spüren, was anders ist, und Neueinsteiger können sofort die verbesserte Rezeptur genießen.

Der Entwickler hat den Überlebenkampf mit agressiveren und klügeren Gegnern herausfordender und mit organisatorischen Features wie der Clan-Gründung und den Level-Anpassungen zwischen Spielern "komfortabler" gemacht. Was euch neben dem Kampf über dutzende Stunden antreiben wird, sind der Loot, die Beute, die Waffen und Rüstungsteile.

Und selbst wenn es nur ein bisschen mehr Schaden oder Präzision ist, jede halbe Stunde dürft ihr eure Ausrüstung durch eine neue ersetzen und die Überbleibsel anderweitig verwenden, sprich verkaufen, zu Materialien verarbeiten oder für Erfahrungspunkte spenden. Das Management macht die zweitschönste Sache im Spiel aus. Was passt zu welcher Aufstellung? Wie funktionieren bestimmte Teile zusammen? Jedes Umrüsten und Vergleichen lohnt sich, im nächsten Kampf ist der errungene Fortschritt sofort spürbar.

Im Singleplayer findet ihr eine zehrende Herausforderung, im Multiplayer zusammenschweißende Kameradschaften.Im Singleplayer findet ihr eine zehrende Herausforderung, im Multiplayer zusammenschweißende Kameradschaften.

Jeden Schauplatz als potenziellen Kampfplatz zu nutzen, sich jederzeit ins Getümmel stürzen zu können, immerzu Hilfe durch andere Spieler anzufordern oder ihnen bei ihren Einsätzen zu helfen, gemeinsam zu scheitern und neue Taktiken zu besprechen oder gemeinsam zu siegen und die Beute auszuwerten, immer nach einer größeren Herausforderung zu suchen, bis man die finale Arena der Dark Zone betritt - es ist schwierig, in Kurzform zu erklären, warum The Division 2 so viel Spaß macht.

Die Spaß-Aufrüstungs-Erkundungsspirale ist wie eine Sucht, eine Krankheit, von der man sich nicht heilen lassen möchte. Und zu wissen, dass Entwickler Massive Entertainment noch viel neuen Content, neuen Stoff bereitstellen wird, freut das Looter und Shooter-Herz zu hören.

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