Grafik-Fetisch adé: Schlichte Grafik ist nicht schlechte Grafik

(Kolumne)

von René Wiesenthal (18. März 2019)

Wenn Grafik in Games nicht ganz zeitgemäß ist, wird sie von Optikfetischisten schnell mal als schlecht abgestempelt. Dabei gibt es auch bei einfacherer Grafik feine Unterschiede. Und ganz generell lässt sich, wie ich finde, eigentlich nicht von schlechter Grafik sprechen. Ich sage euch, warum ich das so sehe.

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir von guter oder schlechter Grafik sprechen? Viele von euch werden spontan sicher an visuelle Kraftprotze denken, wenn sie sich einen Maßstab für die Optik von Spielen überlegen. An aktuellere Spiele wie Red Dead Redemption 2, Detroit – Become Human, God of War, vielleicht auch an das noch sehr frische Anthem.

Es geht sicher 'schöner' als Metro - Exodus. Hat es deshalb eine schlechte Grafik?

Das sind allesamt Exemplare, die bei einem Großteil der Spieler wohl für "gute Grafik" stehen. Gemein haben sie, dass sie mit einem für moderne Standards hohen Detailgrad aufwarten und einen optischen Realitätsgrad erreichen, der als zeitgemäß beschrieben werden kann. Zeitgemäß heißt aber auch, dass die optische Güte dieser Spiele ein Verfallsdatum haben muss, die Grafik also nicht gut bleibt, sobald Standards sich deutlich verändern. Sind das dann wirklich Spiele mit guter Grafik? Wenn ja, müssen sie über die Realitätsnähe hinaus etwas an sich haben, das die Qualität über die Zeit hinweg bestehen lässt.

Ich seh' in dein Spiel, sehe gute Grafik, schlechte Grafik ...

Um zu verstehen was das ist, kann man sich die Gegenfrage stellen: Was ist schlechte Grafik? Gemessen an dem oben beschriebenen Standard, der wohl für einige Spieler Gültigkeit hat, wären das alle Spiele, die nicht die Möglichkeiten aktueller Hardware ausreizen. Deren Texturen nicht kleinteilig und fein sind, die nicht mit realitätsnahem Licht- und Schattenspiel punkten können und so weiter.

Das geht besser - oder? Im Bild seht ihr das kunstvolle Journey.Das geht besser - oder? Im Bild seht ihr das kunstvolle Journey.

Nach einem solchen Standard wären Spiele wie Journey, Inside oder Rime welche mit schlechter Grafik. Das würde wohl niemand ernsthaft behaupten, der die genannten oder artverwandte Games gespielt hat. Weil hier gezielt ein ganz bestimmter Stil umgesetzt wurde, der mal abstrakt, mal schlicht, mal kunstvoll ausfällt, nicht aber dem Realismusanspruch entspricht. Die wären dann schon mal außen vor, weil sie etwas ganz anderes wollen.

Was ist aber mit Spielen, die mit ihrem Design und der Darstellung durchaus eher an der Realität angelehnt sind, trotzdem aber nicht dem Anspruch von Grafikenthusiasten entsprechen? Weil sie in dem, was sie Darstellen wollen, hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückbleiben – haben die eine schlechte Grafik? Auch hier sage ich nein.

Auf das Gesamtbild kommt's an

Warum das so ist, würde ich gerne am Beispiel Hellblade – Senua’s Sacrifice erklären. Das ist recht aktuell, strebt eine realitätsnahe Optik an, erreicht dabei auch ein hohes Niveau, ist aber im Detail längst nicht so ausgefeilt wie beispielsweise Horizon- Zero Dawn, das ebenfalls 2017 erschien.

Nicht der Stand der Dinge, dafür aber stimmig: Hellblade - Senua's Sacrifice.Nicht der Stand der Dinge, dafür aber stimmig: Hellblade - Senua's Sacrifice.

Dem Spiel sieht man jedoch an, mit wie viel Liebe es gestaltet wurde. Dass optische Elemente, Effekte und Animationen mit Bedacht eingesetzt wurden, um eine bestimmte Wirkung beim Spieler zu erzeugen – Gefühle von Beklemmung, Angst und Verzweiflung. Das gelingt so gut, dass das Gesamtbild immer stimmig bleibt und der Spieler gar nicht hinterfragen muss, ob die Umgebung nicht vielleicht noch mehr Politur hätte vertragen können.

Obacht bei der Wortwahl

Ähnlich ist es bei Spielen wie Nier – Automata, Fallout 4 oder aktuell Metro – Exodus. Bei allen ließe sich an der Grafik etwas aussetzen, wenn man diese schlicht nach dem Anspruch bewerten würde, welcher Standard zur jeweiligen Veröffentlichungszeit der bestmögliche gewesen ist.

Keines dieser Spiele sollte aber, so sehe ich das, mit der Plakette der schlechten Grafik versehen werden. Weil bei allen das Bild, das über die Optik transportiert werden sollte, gelungen ist. Man kann einzelne Facetten der Grafik sicher bemängeln, oder eben einordnen, wo die Spiele damit im Vergleich zur realitätsnäheren Konkurrenz standen. Man muss aber auch anerkennen, wie gekonnt ihre vielleicht etwas schlichtere optische Umsetzung die Gesamtstimmung des jeweiligen Szenarios einfängt und kann sie somit nicht als schlecht betiteln.

Wenn man genau hinguckt, fallen Mängel auf in Nier - Automata. Das Gesamtbild passt aber.Wenn man genau hinguckt, fallen Mängel auf in Nier - Automata. Das Gesamtbild passt aber.

Was ich also sagen möchte: Es gibt eine Reihe an Spielen, deren grafische Darstellung sich ganz objektiv als nicht zeitgemäß bezeichnen lässt. Spiele, die nicht dem Status Quo dessen entsprechen, was technisch möglich ist oder gewesen wäre, die aber eine bestimmte angestrebte Stimmung gelungen einfangen. Diese haben in meinen Augen keine "schlechte" Grafik und allgemein finde ich das Wort ungeeignet, um Grafik zu beschreiben.

Denn wenn man Spiele anhand ihrer Grafik abwatschen möchte, dann kann man das mit Worten tun, die – wenn angemessen – besser als "gut" oder "schlecht" das treffen, was sie sind: Zum Beispiel lieblos. Kandidaten wie Agony, teilweise auch Fallout 76 und ganz aktuell Left Alive merkt man an, dass sich entweder keine großen Gedanken um die Darstellung gemacht wurden, oder aber es wurde die angepeilte Wirkung nicht erzielt.

Wie so oft finde ich also, dass es um die treffende Wortwahl geht. Stempelt man ein Spiel, in dessen Grafik viel Liebe gesteckt wurde, und das eine angestrebte Wirkung damit erzielt, als schlecht ab, tut man manchmal sowohl dem Entwickler als auch seinem Produkt unrecht und hängt ihnen Makel an, die sie nicht verdient haben. Oder seht ihr das anders? Sagt es uns in den Kommentaren, wir freuen uns, sie zu lesen!

Tags: Hardware  

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