Schmuddelhobby Gaming? Wir können bewirken, dass Spiele ernster genommen werden

(Kolumne)

von René Wiesenthal (30. März 2019)

Diskussionen in Gaming-Communities sind meiner Meinung nach mitverantwortlich dafür, dass Videospiele noch immer nicht völlig ernst genommen werden. Und ich denke, wir Spieler haben es in der Hand, das zu ändern.

Geht es um Hakenkreuze in Spielen, fordern viele Gamer absolute Darstellungsfreiheit für eine authentische Repräsentation einer dunklen Zeit der Menschheitsgeschichte – Spiele seien Kunst- und Kulturgut, müssten also ernstgenommen werden. Geht es um sexualisierte Minderjährige oder mögliche negative Folgen des Gaming, in Form von Aggressionsförderung und Videospielsucht zum Beispiel, dann sind es doch "einfach nur Spiele."

Diese gegensätzlichen Standpunkte sind omnipräsent und leider im Diskurs oft auch dominierend. Dadurch ergeben sich nach außen hin Widersprüche, die meiner Einschätzung nach verhindern, dass Videospiele in der Gesellschaft richtig ernst genommen werden können.

spieletalks #9: EA, Activision und Co. - Ruinieren große Publisher die Games-Entwicklung?

Dabei ist der Gamer ja keine eigenartige Type, die sich immerzu selbst widerspricht. Der Gamer existiert nämlich gar nicht. Videospieler gibt es in vielfältigen Formen, sie erstrecken sich heutzutage über eine breite Demographie. Gamer anhand spezifischer Merkmale zu bestimmen, ist nicht nur unmöglich, der Versuch ist auch falsch.

Und trotzdem: Es gibt bestimmte Gruppen von Gamern, die immer wieder besonders auffällig in Erscheinung treten. Die mitunter den öffentlichen Diskurs über Gaming-Themen bestimmen, indem sie ihn vergiften oder gleich ersticken. Gruppen, die laut sind, aufbrausend. Zu allem Überfluss sind sie sich - wie beschrieben - entweder uneinig oder unentschlossen, haben aber kein Interesse, die dadurch entstehenden Widersprüche aufzulösen.

Die Tendez ist da

Vielleicht ist es aber auch so, dass es diese Gruppen ebenso nicht gibt. Dass immer wieder andere Leute bei kontroversen Themen aufschreien und die Gesprächskultur zerstören. Die zu Themen wie Vielfalt, Verantwortung, Repräsentation und Gewalt in Games Haltungen an den Tag legen, die eine vernünftige Annäherungen unmöglich machen. Das wage ich nicht zu beurteilen.

Was ich beurteilen kann, ist dass es im Gaming-Bereich auffällig oft Tendenzen zu bestimmten Meinungslagern und einer feindlichen Gesprächskultur gibt, durch die ein diffus-negatives Image vom Medium Videospiel in der Öffentlichkeit geprägt werden kann.

Starke Meinungen sind nicht das Problem

Dabei ist noch nicht einmal problematisch, dass Gamer starke Haltungen annehmen. Oder dass diese mitunter nicht meinen eigenen Vorstellungen entsprechen. Problematisch ist die reaktive Front, das fast schon reflexartige Beißen, aus dem sich unterm Strich herauslesen lässt, dass doch Spiele einfach alles dürfen und machen sollen, was die Fantasie zulässt.

Die Kritik an den "Gal Gun"-Spielen wollen einige Gamer nicht zulassen.Die Kritik an den "Gal Gun"-Spielen wollen einige Gamer nicht zulassen.

Jede mögliche Wirkung und Verantwortung wird damit vom Medium und dessen Produzenten gewiesen. Als Begründung wird gesagt, dass Spiele mal ein ernstzunehmendes Medium seien, oder eben ein anderes Mal reine Unterhaltung. So wie es gerade in den Zusammenhang zu passen scheint. Jeder, der dann eines von beidem anders sieht, habe keine Ahnung und solle doch die Hände von Games lassen. Also quasi jeder. Das kann ja keiner ernstnehmen, der nur auf Diskurse schaut und sich nicht eingehend damit befasst hat, was Videospiele sind und können.

Werden Spiele nicht schon ernst genommen?

Wieso denke ich eigentlich, dass Spiele nicht so ernst genommen werden, wie es möglich wäre? Denn das ist schließlich die Grundprämisse, auf der ich meine Argumente aufbaue. Ich gehe davon aus, weil es heutzutage kein Medium gibt, das in der "General Interest"-Presse so schnell in Verruf gerät wie Videospiele.

Reißerische, oft falsche Berichterstattung über Gefahrenpotenziale und fragwürdige Inhalte halten sich bei keinem anderen Medium als dem Videospiel so lange am Leben. Ebenso die teils schwere Schieflage in der Betrachtung des Mediums seitens der Politik.

Eine Steuer auf brutale Games? Für manchen Politiker eine sinnvolle Idee.Eine Steuer auf brutale Games? Für manchen Politiker eine sinnvolle Idee.

Und um einmal anekdotisch zu werden: Auch aus der eigenen Erfahrung, aus Gesprächen mit Menschen, die medienfremd sind, bin ich der Annahme, dass weder ein annähernd richtiges Bild über den Wirtschaftssektor Gaming in vielen Köpfen existiert, noch die inhaltliche Vielfalt von Videospielen bei Nicht-Spielern bekannt ist. Wie viel kultureller, erzählerischer und künstlerisch anspruchsvoller Stoff in Videospielen steckt.

Das muss man niemandem erklären, wenn es um Bücher geht, um Filme, um Musik. Erzähle ich Unbefangenen von den politischen und gesellschaftskritischen Implikationen eines Bioshock, machen sie große Augen. Die Bandbreite ist nicht bewusst, Games werden von vielen Menschen, so meine Einschätzung, als schlichte Unterhaltung betrachtet.

Das Echo aus der Industrie

Und auch die Industrie selbst sorgt meiner Ansicht nach dafür, dass Spiele nicht ernst genug genommen werden. Weil sie echoartig auf die toxische Diskussionskultur reagiert. Publisher sind mittlerweile zumindest auf den Trichter gekommen, dass es ein gesellschaftliches Interesse daran gibt, Minderheiten angemessen in Spielen zu repräsentieren und bei bestimmten, heiklen Themen Vorsicht walten zu lassen. Der Mut, bestehende Grenzen einmal so richtig auszuweiten, fehlt bei großen Herstellern aber nach wie vor.

Es bleibt bei Andeutungen von politischen Kommentaren auf aktuelles Zeitgeschehen – wie beispielsweise in Far Cry 5 – und einem rechtzeitigen Einlenken in Richtung der Unterhaltungs- und Schauwerte. Warum? Um eben nicht genau die Käuferschicht herauszufordern oder direkt zu verprellen, die Wutausbrüche kriegt, wenn Spiele auf unangenehme Weise zu nah an die wirkliche Lebenswelt heranreichen. Sich dabei vielleicht nicht kuschelkonform an dem eigenen Weltbild orientieren.

Politisch oder nicht? Far Cry 5 deutet die Botschaft nur an.Politisch oder nicht? Far Cry 5 deutet die Botschaft nur an.

Also schränkt sich das Medium auch hier in seinen Möglichkeiten dadurch selbst ein, dass die Produzenten wissen, welche Extreme und euch extremen Widersprüche in der Gaming-Community vorherrschen. Was wiederum dazu beiträgt, dass Spiele nicht richtig ernst genommen werden können. Wenn die erfolgsträchtigsten Spiele eher oberflächlich an gesellschaftlich relevante Themen herangehen, dann nimmt die Gesellschaft womöglich genau das wahr.

Jeder Spielende ist Gamer - und hat eine Stimme

Wir sollten die Auseinandersetzungen mit Themen wie Diversität von Figuren, Schnitten von Inhalten, Sexualisierung, Gewalt in Games und die Darstellung verfassungsfeindlicher Symbole nicht den Schreihälsen überlassen. Ihr, oder besser gesagt wir, haben es in der Hand, durch das Versachlichen der Diskussionskultur über Games, das öffentliche Bild zu prägen. Dafür zu sorgen, dass Spiele weitläufig noch viel stärker ernstgenommen werden. Dafür müssen wir Spiele ernst nehmen und zulassen, dass sie in die Kritik geraten. Aber auch, dass sie sich weiterentwickeln.

Und zu diesem „wir“ gehören – so wie ich Gamer eben nicht als homogene Masse betrachte – einfach alle, die Spiele spielen und sowohl ein Interesse, als auch die Möglichkeit haben, Gaming-Communities zu einem ernstzunehmenden Ort für Diskussionen zu machen.

Tags: Politik  

Als ich mit 10 Jahren den allerschlimmsten Fehler beging

Pokémon | Als ich mit 10 Jahren den allerschlimmsten Fehler beging

Liebes zehnjähriges Ich! Hallo, hier ist dein cooles 28-jähriges Ich aus der Zukunft. Es gibt etwas, das ich (...) mehr

Weitere Artikel

Werde Autor auf spieletipps

Du bist Games-Experte? | Werde Autor auf spieletipps

Habt ihr euch schon mal gedacht: "Ich kenne mich so gut in einem Videospiel aus, ich sollte mein Wissen unbedin (...) mehr

Weitere News

Newsletter

Mit diesem Formular kannst du den Spieletipps.de Newsletter kostenlos abonnieren.

Videospielkultur (Übersicht)
* Werbung