1378 (km) | Ein Spiel zur deutschen Geschichte wird zum Killerspiel-Skandal

von Sören Wetterau (Montag, 11.11.2019 - 12:43 Uhr)

Vor neun Jahren wollte die Modifikation 1378 (km) für Half-Life 2 Aufklärung rund um die innerdeutsche Grenze betreiben. Am Ende ist aus dem Studentenprojekt ein Skandal geworden, der landesweit rauf und runter diskutiert wurde.

1378 (km) wollte Aufklärung zur innerdeutschen Grenze betreiben.1378 (km) wollte Aufklärung zur innerdeutschen Grenze betreiben.

Im Jahr 1976 ist Deutschland noch in zwei Länder geteilt: Auf der einen Seite die Bundesrepublik Deutschland (BRD), auf der anderen Seite die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Um die Bewohner der DDR an Besuchen des sogenannten "Westens" zu hindern, entstand die etwa 1.400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze. Schwer befestigt mit Wachtürmen, Minen und Stacheldrahtzäunen zur Absicherung, während tausende von Grenzsoldaten mit Schießbefehl ein wachsames Auge haben sollten. Mehrere hundert, wenn nicht gar über tausend Menschen haben an der Grenze ihr Leben gelassen.

Zu diesem schwierigen und komplexen Thema hat der ehemalige Student und heutige Selbständige Jens Stober einst eine Modifikation entwickelt. Mit 1378 (km) für Half-Life 2 hat er an der Karlsruher Kunsthochschule 2010 ein Projekt ins Leben gerufen, welches später zu einem von Boulevardzeitungen diktierten Skandal wurde. "Ich wollte Jugendlichen mit meiner Mod den Irrwitz der Grenze näherbringen", so Stober in einem Rückblick beim Magazin Vice.

Vom ernsthaften Projekt zum DDR-Ballerspiel

1378 (km) spielt an einem bestimmten Ort der innerdeutschen Grenze und lässt Spieler in die Rolle eines Grenzsoldaten oder eines DDR-Flüchtlings schlüpfen. Auf dem ersten Blick, so ist es von Stober gewollt, ähnelt die Modifikation einem ganz klassischen Ego-Shooter. Wer jedoch als Soldat auf einen Flüchtling schießt, wird mit einer dreiminütigen Zeitstrafe belegt und landet temporär in den Mauerschützenprozessen des Jahres 2000. Wer dreimal jemanden erschießt, wird direkt vom Server geworfen. In weiteren Leveln, die nie fertiggestellt worden sind, sollten noch zusätzliche Elemente folgen, wie etwa Fahrzeugkontrollen.

Aus dem Plan ist jedoch nichts geworden, wie Stober und der Vice-Bericht rückblickend zusammenfassen. Als Stober und die Kunsthochschule die Modifikation auf einer Pressekonferenz als ein "Serious Game" vorstellen, wird daraus nur Stunden später im Bouvelard ein "widerwärtiges DDR-Ballerspiel". Während die Deutsche Presseagentur (DPA) auf Basis der Pressekonferenz relativ neutral davon spricht, wie ein Online-Spiel Geschichte vermittelt, heißt es in der Bild-Zeitung hingegen, dass es in der Mod darum geht, möglichst viele Flüchtlinge zu erschießen. Also das genaue Gegenteil von dem, was 1378 (km) eigentlich vermitteln möchte.

Eine "linke Tour" für den früheren Pressesprecher der Kunsthochschule Klaus Heid. Für Jens Stober beginnt damit erst der Albtraum: In den Tagen darauf folgen weitere Artikel der Bild und anderen Medien, zahlreiche Journalisten wollen mit ihm sprechen und Todesdrohungen und andere Anfeindungen gibt es ebenfalls. Später meldet sich sogar die Staatsanwaltschaft bei ihm, denn es hätte mehrere Anzeigen wegen Gewaltverherrlichung und Volksverhetzung gegeben.

Die Kunsthochschule hat ihren Studenten Stober damals in Schutz genommen und das Projekt verteidigt. Die Veröffentlichung der Modifikation am 3. Oktober 2010 musste allerdings nach hinten geschoben werden: Erst im Dezember 2010 wurde der Download freigeschaltet und über 750.000 Mal angeklickt.

Wirklich passiert oder von uns ausgedacht?

Der Skandal ist nach der Veröffentlichung schnell verflogen. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen 2011 eingestellt und der Presserrat den Artikel der Bildzeitung missbilligt. Der Ruf von 1378 (km) ist heute ein anderer: Die Modifikation hat es schon in die eine oder andere Ausstellung geschafft.

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