Videospielkultur

Hot Tubs auf Twitch: Wie das Niveau im Poolwasser untergeht (Kommentar)

von Michael Sonntag (Montag, 26.04.2021 - 15:43 Uhr)

Im Pool schwimmen und dabei mit den Fans interagieren: Der neue "Hot Tub"-Trend ist nicht nur naiv, er ist auch gefährlich. Bildquelle: Twitch / xoAeriel.
Im Pool schwimmen und dabei mit den Fans interagieren: Der neue "Hot Tub"-Trend ist nicht nur naiv, er ist auch gefährlich. Bildquelle: Twitch / xoAeriel.

Nicht jeder bedenkliche Internet-Trend muss kommentiert werden. Der aktuell laufende "Hot Tub"-Trend auf Twitch allerdings schon. Denn er kann vielen weiteren schädlichen Trends die Tür aufhalten.

Der folgende Kommentar ist die Meinung von Michael Sonntag und steht nicht stellvertretend für die Ströer Media Brands.

Hot Tubs auf Twitch: "Wenn sie es erlauben, dann erlauben sie es halt"

Mit Hot Tubs kursiert seit geraumer Zeit ein "kurioser" Trend auf Twitch: Streamerinnen betreten in Badekleidung ihre Pools und interagieren von dort aus mit ihren Fans. Eine sehr körperbetonte Sendung: Die Bikinis sind knapp, es wird im Wasser mit Aufblaskissen gespielt und bei besonderen Challenges winkt den Zuschauern sogar noch ein weiterer Reiz: Gegen ein Abonnement oder eine Spende schreibt die Streamerin beispielsweise den Namen des Fans auf ihren Körper oder bleibt länger im Wasser. Die Streams erhalten Aufrufe in Millionenhöhe, Personen wie Amouranth steigen mit ihnen zu den erfolgreichsten Streamern auf ganz Twitch auf. Und immer mehr Streamerinnen springen auf den Trend, auf die Aufblasbanane im Pool auf.

Als Amouranth neulich von ihren Zuschauern gefragt wird, ob diese Hot Tub-Streams schädlich für Twitch seien, antwortet sie: „„Nur weil du sie nicht magst, heißt das nicht, dass Twitch sie auch nicht mag. Trotzdem: Ich stimme zu, dass die "Hot Tub"-Streams langfristig dem Werbeumsatz von Twitch wahrscheinlich schaden. Aber: Wenn sie es erlauben, dann erlauben sie es. Ist halt so.“ Und das ist meiner Meinung nach ein naiver und vor allem gefährlicher Gedanke.

Hot Tubs auf Twitch: Falsche Plattform, schädliche Botschaft

  • Wir halten fest:

Ein "Hot Tub"-Stream zählt nicht zu den Formaten, für die Twitch in seiner Philosophie als Gaming-Lifestyle-Talk-Bastler-Was-auch-immer-Plattform bekannt oder ausgelegt ist. Egal welche Erklärungen Personen darum zurechtbauen mögen – Hot Tub ist ein Format, das sich nicht auf Streamer konzentriert, die sich als Frauen definieren, sondern vor allem auf latente Erotik. Das Wort "Hot" im Titel dieser Streams, das meistens von dutzenden doppeldeutigen Obst-Smileys angeführt wird, spricht hier eine sehr deutliche Sprache.

Prinzipiell distanziert sich Twitch von erotischen Inhalten auf seiner Plattform. Hot Tubs dagegen werden nur deshalb zugelassen, weil sie eine clevere Lücke in den Richtlinien bezüglich "Nacktheit, Pornografie oder andere sexuelle Inhalte" ausnutzen – hier eine kurze Übersicht:

Wir schränken Inhalte ein, die Nacktheit oder sexuelle Handlungen umfassen, um unsere Community zu schützen.

Uns ist bewusst, dass bestimmte Inhalte mit Nacktheit oder sexuellem Charakter pädagogischen, wissenschaftlichen, künstlerischen, publizistischen oder akademischen Zwecken dienen können.

Das Tragen von Badebekleidung ist erlaubt, solange sie die Genitalien vollständig bedeckt. Personen, die sich als Frau identifizieren und sich weiblich präsentieren, müssen die Brustwarzen bedecken. Das Gesäß muss in diesem Kontext nicht vollständig bedeckt sein, aber der Kamerafokus auf das Gesäß unterliegt dennoch unseren Richtlinien für sexuell anzügliche Inhalte und sollte vermieden werden.

Die Bedeckung muss vollständig blickdicht sein, auch im nassen Zustand. Durchsichtige oder teilweise durchsichtige Badebekleidung oder andere Kleidung ist keine angemessene Bedeckung.

Bei Hot Tubs geht es nicht darum, einen neuen kreativen Trend oder eine der Philosophie entsprechende Auslebungsform auf Twitch zu etablieren, sondern darum, die Grenzen und Richtlinien soweit auszureizen, damit dort plattformunpassende Erotik-Angebote Fuß fassen können – mit einfachen Mitteln und größtmöglichem Ertrag.

Diese Taktik erreicht den Gipfel ihrer Raffinesse, wenn bestimmte Streamerinnen diese Pool-Shows nutzen, um auf ihre expliziteren (Bezahl-)Inhalte auf anderen Plattformen wie Onlyfans aufmerksam zu machen. Ich mache deutlich: Gegen diese Inhalte selbst ist nichts einzuwenden, nur gehören sie (oder Weiterleitungen) eben nicht auf Twitch! Mit der Tolerierung von Hot Tubs ergeben sich für mich zahlreiche Probleme:

  • Kein Jugendschutz, wenn diese Streams auch für minderjährige Nutzer zugänglich sind.
  • Aktiver Sexismus: Egal welche Bemühungen und Marketingaktionen Twitch für mehr Diversität und weniger Diskriminierung auf seiner Plattform auffährt, Hot Tubs tragen dazu bei, objektivierte Vorstellungen von Frauen zu erhalten. Vor allem, wenn andere Streamerinnen wie beispielsweise QTCinderella berichten, dass sie mit Fragen belästigt werden, wann sie denn damit anfangen würden, Hot Tubs zu machen.
  • Nachahmer: Zum einen können weitere Personen auf den Trend aufspringen und ihn weiterausbauen, zum anderen könnten auslegbare und vage formulierte Richtlinien aber auch toxischen Personen wie beispielsweise Rechtsextremen das Signal geben, ähnlich latente Formate zu entwickeln, um ihre Ideologien auf Twitch zu verbreiten oder von dort aus auf andere Plattformen weiterzuleiten.
  • Massiver Schaden für das Bild von Twitch: Nicht nur, dass sich Zuschauer und Streamer mit der Tolerierung von Hot Tubs auf lange Sicht nicht mehr länger mit Twitch identifizieren können, es könnte auch dazuführen, dass die Plattform für Werbekunden wegen ihrer zweifelhaften Philosophie immer unattraktiver wird und somit den Arbeitsplatz von hunderten Streamern bedroht.

Wir haben auch Twitch diesbezüglich um ein Statement gebeten, aber bisher noch keine Antwort erhalten. Wir halten euch auf dem Laufenden und werden den Artikel bei Erhalt updaten.

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Hot Tubs ist kein Format künstlerischer Freiheit, es ist der Erfolg, auf Plattformen unpassende Inhalte über Richtlinienlücken zu etablieren – und ein Warnsignal, dass Twitch dringend seine Richtlinien aktualisieren und deutlicher formulieren sollte, damit seine Nutzer nicht etwas in die Philosophie hineininterpretieren können, was erstens nicht in ihr enthalten ist und zweitens auf längere Sicht ihr massiv schaden kann. Genauso wie allen Zuschauern und Streamern.

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