Videospielkultur

Hot Tubs auf Twitch: Wen juckt’s? (Kommentar)

von Nathan Navrotzki (Donnerstag, 06.05.2021 - 12:21 Uhr)

Hot Tubs gehen auf Twitch gerade durch die Decke. Wo ist das Problem? Bildquelle: Getty Images / PeopleImages, Twitch: xoAeriel
Hot Tubs gehen auf Twitch gerade durch die Decke. Wo ist das Problem? Bildquelle: Getty Images / PeopleImages, Twitch: xoAeriel

Ein neuer Twitch-Trend zieht alle Blicke auf sich – vor allem von denjenigen, die ihn angeblich gar nicht sehen wollen: Hot Tub Streams. Dabei geht es um Live-Streams auf Twitch, in denen vorrangig junge Damen in Bikinis im Pool sitzen und dabei mit ihren Zuschauern reden. Dass dieses Format Einiges an Kritik einstecken musste, war klar. Die Argumente hinter der Kritik sind jedoch weitaus problematischer als die Streams an sich.

Der folgende Kommentar ist die Meinung von Nathan Navrotzki und steht nicht stellvertretend für die Ströer Media Brands.

Was wird kritisiert?

Zu den heiß diskutierten Hot Tub Streams hat Kollege Michael erst vor kurzem einen Kommentar geschrieben, der auf mögliche negative Effekte solcher Streams eingeht. Der folgende Text ist ein Gegenkommentar, der die kritischen Stimmen etwas genauer beleuchten und hinterfragen soll. Was könnte hinter der Kritik stecken, die von vielen Gamern ausgeteilt wird?

Bei Beobachtung dieser Diskussion fällt nämlich schnell auf, dass valide Meinungen oft mit problematischen Denkstrukturen vermischt werden, die sich hinter folgenden Aussagen verstecken:

  • Es gäbe keinen Jugendschutz.
  • Aktiver Sexismus werde bestärkt.
  • „Andere“ toxische Personen könnten Twitch für ihre Zwecke nutzen.
  • Das Ansehen der Plattform könnte darunter leiden.

Ich habe mit weiblichen Personen aus meinem Bekanntenkreis geredet, um die genannten Argumente genauer zu untersuchen. Ihre Meinungen sind in den folgenden Kommentar mit eingeflossen.

Wie „erotisch“ darf Twitch sein?

Ab wann ist etwas zu erotisch für Twitch? Einigen Meinungen zufolge wurde diese Grenze mit Hot Tubs schon längst überschritten. Aber warum? Frauen haben auch in der Öffentlichkeit das Recht, sich selbstbestimmt im Bikini zu zeigen. Was sich einzelne Personen dazu denken, ist deren Sache.

Nacktheit bzw. Badebekleidung verstößt auch nicht gegen die Richtlinien von Twitch, wie Michael in seinem Kommentar richtig aufzeigt. In einem Auszug der Community Guidelines steht sogar, dass noch immer eine ungleiche Behandlung zwischen männlich und weiblich gelesenen Personen auf Twitch vorherrscht: Männer dürfen theoretisch Brustwarzen zeigen, Frauen nicht.

Wir haben Twitch nach einer Stellungnahmen zum Thema Hot Tubs gefragt. Das Unternehmen will zu diesem Zeitpunkt aber kein Statement dazu geben. Bis Twitch dies tut, kann weder von einer „cleveren Lücke“ noch von einem Verstoß der Richtlinien gesprochen werden.

Bis Twitch sich zu Wort meldet, bewegen sich Hot Tub StreamerInnen im Rahmen der Richtlinien. Bildquelle: Twitch / TheNicoleT
Bis Twitch sich zu Wort meldet, bewegen sich Hot Tub StreamerInnen im Rahmen der Richtlinien. Bildquelle: Twitch / TheNicoleT

Jugendschutz bei Hot Tubs: Denk doch einer an die Kinder!

Dass einige Hot Tub Streams durch Emojis in einen doppeldeutigen Kontext gerückt werden, ist ein anderes Thema. Gelten solche Handlungen bereits als „sexuelle Handlungen“, die eingeschränkt gehören, um die Community zu schützen? Aus den Richtlinien von Twitch geht dies nicht hervor. Die Diskussion darüber scheint daher auch vor allem eines zu sein: meinungsgetrieben. Das ist auch an der harschen Kritik gegenüber OnlyFans-Verlinkungen auf Twitch zu erkennen.

Bislang scheint es in Sachen OnlyFans keine Regulierungen vom Jugendschutz zu geben. Es gibt jedoch erste Bemühungen, die Gesetze anzupassen, damit die Plattform Minderjährigen noch unzugänglicher gemacht wird. Schon jetzt ist es so, dass sämtliche Inhalte auf OnlyFans nur für Personen mit Kreditkarten zugänglich sind – kein PayPal, keine EC-Karte. Dass Jugendliche also auf OnlyFans zugreifen können, ist zwar möglich, aber in den meisten Fällen doch eher unwahrscheinlich. Weiterleitungen auf Linktrees, in denen dann auch OnlyFans-Accounts zu finden sind, sind übrigens nicht verboten.

Abgesehen davon wirkt die Argumentation „Jugendschutz“ immer ein wenig wie „Killer-Spiele? Darf’s nicht geben. Denk doch einer an die Kinder!“. Sollte es den Kritikern tatsächlich um den Jugendschutz gehen: Warum nicht einfach Twitch dafür kritisieren, dass die Plattform keine Altersbeschränkungen für bestimmte Streams anbietet? Warum müssen StreamerInnen als „niveaulos“ bezeichnet werden, sobald sie selbstbestimmt ihren Körper zeigen oder damit sogar Geld verdienen?

Sexismus: Für sein Frauenbild ist jeder selbst verantwortlich

Ein Gedankenexperiment: Ihr öffnet Twitch und riskiert einen Blick auf die aktuell beliebtesten Live-Streams. Zwei muskelbepackte Russen tragen nichts außer einer Kochschürze. Ein paar englische Kommentare machen den beiden Komplimente, andere schlagen ein wenig über die Stränge.

Die Zwillinge Oleg und Kostya Zhankov zeigen sich auf ihrem Twitch-Channel - ohne Probleme - von ihrer freizügigen Seite. Bildquelle: Twitch / bratiki94
Die Zwillinge Oleg und Kostya Zhankov zeigen sich auf ihrem Twitch-Channel - ohne Probleme - von ihrer freizügigen Seite. Bildquelle: Twitch / bratiki94

Ihr verlasst den Stream, um euch anzuschauen, wie ein anderer männlicher Streamer CoD: Warzone zockt. Plötzlich kommen Frauen in den Chat und kommentieren Sachen wie: „Machst du heute noch einen sexy Koch-Stream?“, „Geile Finger, kann man die gegen Geld austesten?“, „Zeig deinen harten Schwxxz in die Kamera“, „Dich muss man mal richtig durchnehmen. Ob du willst oder nicht.“

Klingt das wie etwas, was männlichen Streamern passieren würde? Nein. Für StreamerInnen ist das oft Teil ihres Alltags. Obwohl es auch freizügige Männer auf Twitch gibt, die komischerweise keine Kontroversen auslösen, werden andere Männer als Folge dessen nicht objektifiziert. Warum also schieben wir Hot Tub StreamerInnen die Schuld in die Schuhe, wenn es um Sexismus gegen Frauen geht?

Zu viele Männer werden immer einen Weg suchen, um Frauen zu belästigen. Genauso wie Rechstextreme und andere gefährliche Personen immer einen Weg finden online ihr Gedankengut zu teilen. Dass erst Hot Tub StreamerInnen zum Beispiel Rechtsextremen die vagen Richtlinien aufzeigen, ist, meiner Ansicht nach, unwahrscheinlich. Die tummeln sich schon länger im Internet, wobei Twitch zum Glück oft einschreitet und Personen bannt.

Ist das der Untergang von Twitch?

Wenn Hot Tubs die Liste der beliebtesten Streams anführen und somit allseits präsent sind, könnte sich das Image von Twitch auf jeden Fall verändern. Wer sich zuvor auf der Plattform wegen ihres Gaming-Aspekts wohl gefühlt hat, hat jedes Recht seinen oder ihren Unmut über die Streams zu äußern. Da reicht es aber vollkommen zu sagen „Ich persönlich fühle mich unwohl mit solchen Inhalten auf Twitch”. In diesem Fall könnt ihr übrigens auch die drei Punkte bei einem Stream klicken und “Mich interessiert diese Empfehlung nicht” auswählen. Dann werden euch ähnliche Streams weniger häufig vorgeschlagen.

Es braucht aber keine weiteren Erklärungen zum Jugendschutz, der auf anderen Seiten wie Instagram und YouTube schon lange nicht mehr kritisiert wird. Dort sieht man übrigens auch, dass Frauen in Bikinis noch keine andere Plattform zerstört haben, wie es bei Twitch nun aber angeblich passieren soll.

Und es braucht ebenso keine Argumente darüber, was Frauen mit ihrem Körper zu tun und zu lassen haben um von anderen respektiert zu werden.

Fazit

Jeder hat das Recht, Missfallen daran zu finden, dass Frauen ihren Körper auf Twitch als Plattform zur Schau stellen und damit Geld verdienen. Ebenso hat jeder das Recht, diese Meinung auch zu äußern.

Diesen Denkanstoß möchte ich trotzdem jedem mit auf den Weg geben: Ihr mögt zwar gute Absichten verfolgen, doch die Argumente, die ihr für eure Kritik heranzieht, könnten aus einer Perspektive erwachsen, die unter anderem aus Gewohnheit entstanden ist. Ich betone: Niemandem, der Hot Tubs auf Twitch ablehnt, unterstelle ich Sexismus, weder latent noch aktiv. Es ist lediglich die Argumentation, die ich in Frage stelle und dazu anregen möchte, sie für sich selbst zu hinterfragen.

Bis zu dieser Debatte in Gaming-Communities, wusste ich selbst kaum etwas über Hot Tubs auf Twitch. Seit der Auseinandersetzung mit diesem Thema kann ich nur sagen: Einige der geteilten Ansichten zum Thema empfinde ich persönlich als gefährlicher als die Frauen in Bikinis selbst.

Vielleicht überdenkt der Eine oder die Andere ja eigene Positionen, bevor in den Kommentaren auf Facebook gleich die Pforte zum Fegefeuer für mich geöffnet wird.

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