Videospielkultur

"Ich fühle mich im Horror besonders wohl": Wir sprechen mit queeren Gamern

von Michael Sonntag (Donnerstag, 24.06.2021 - 13:26 Uhr)

Dead by Daylight verfügt über eine riesige LGBTQ+-Community. Wir haben mit verschiedenen Mitglieder über ihre Erfahrungen gesprochen, gute wie auch schlechte. Bildquelle: Getty Images / Aleksandr Durnov.
Dead by Daylight verfügt über eine riesige LGBTQ+-Community. Wir haben mit verschiedenen Mitglieder über ihre Erfahrungen gesprochen, gute wie auch schlechte. Bildquelle: Getty Images / Aleksandr Durnov.

Mehr Akzeptanz und mehr Aufmerksamkeit für LGBTQ+! Der Pride Month führt uns jedes Jahr vor Augen, dass wir uns zwar auf einem guten, aber noch sehr langem Weg zu einer idealen Gesellschaft befinden. Auch im Gaming-Bereich reagieren noch sehr viele Personen mit Hass und Unverständnis, während viele Entwickler:innen sich noch zu zögerlich an das Thema herantrauen. Dead by Daylight dagegen sei ein wichtiger Vorreiter im Pride Gaming, veraten uns queere Gamer:innen, auch wenn sie selbst noch viel dafür tun müssten.

Dead by Daylight: Ein Zufluchtsort, der noch nicht perfekt ist

Furchteinflößende Killer jagen schreiende Opfer und hängen sie an Fleischerhaken auf, während diese Survivor verzweifelt versuchen, mehrere Motoren zu reparieren, um das Tor zu ihrer Flucht zu öffnen. Dead by Daylight ist ein düsteres und nervenaufreibendes Horrorspiel, aber nichtsdestotrotz auch ein Spiel, das viele LGBTQ+-Gamer:innen ihr Zuhause nennen.

Ich kann es mir auch nicht erklären“, erzählt uns Sinan, der 8.200 Spielstunden im Horror-Multiplayer verbracht hat und sich als Gaymer (Gay + Gamer) definiert. „Auch in einem DBD-Interview wurde diese Frage mehr oder weniger gestellt und die Antwort war größtenteils, weil es unsere Zuflucht ist“, so der Spieler. „Und ich sehe das auch als Zuflucht. Meine RPG-Stories und Welten, in die ich mich flüchte, sind alle Horror gethemet. Teils wirklich krasse Themen.“ Der Killer mache halt keinen Unterschied, welcher sexuellen Orientierung seine Opfer angehören, witzelt Sinan in einem Nebensatz.

Er habe in Dead by Daylight viele Freunde und interessante Menschen kennengelernt und liebt es, sich auf Discord und Facebook mit ihnen über alles Mögliche offen und herzlich austauschen zu können. Auch Spieler:innen wie Leon (transgender) und Kiki (pansexuell), die wir getroffen haben, vermittelten uns dieses Bild von einer heimatlichen Bubble.

Mit einem Problem: Außerhalb dieser könne man in Dead by Daylight auch schnell auf Hass und Hetze treffen, mit höchst beunruhigenden Dimensionen: So hat Sinan seine Profilkommentare vor zwei Jahren deaktiviert, nachdem ein User ihm mit Auflauern und Mord gedroht habe, als er bekanntgab, dass er an einem Gay-RPG mit Michael Myers schreibe. „So etwas hat jeder Gaymer mal erlebt“, erklärt Sinan und verweist auf Erzählungen von Bekannten.

Im Horror ein Zuhause finden – Entwickler Behaviour Interactive widmete seiner Community zum Pride Month ein besonderes Artwork. Auch wenn dieses sich nur auf die schönen Seiten konzentriert und die anderen außer Acht lässt.
Im Horror ein Zuhause finden – Entwickler Behaviour Interactive widmete seiner Community zum Pride Month ein besonderes Artwork. Auch wenn dieses sich nur auf die schönen Seiten konzentriert und die anderen außer Acht lässt.

Dead by Daylight verfüge über diese beide Seiten. Die Entwickler:innen und Spieler:innen, die trotz der ganzen Killerei ein friedliches Miteinander pflegen und aktuell mit vielen Aktionen den Pride Month feiern, und eben jenen toxischen Spieler:innen, die andere im Spiel andauernd fertigmachen, während manche soweit gehen, jegliche "Pride Month"-Aktionen zu verteufeln, weil sie „ihnen aufgedrängt werden“ und weil sie angeblich „das Spiel kaputt machen“.

Sinan lobt, dass Entwickler Behaviour Interactive sich hierbei nicht von seinem Programm abbringen lasse und die LGBTQ+-Community so gut unterstütze, allerdings stünden wichtige Versprechen noch aus (wie beispielsweise die Einführung des LGBTQ+-Charakters) und genauso seien auch vorhandene Aktionen immer noch nicht umfassend genug. Behaviour Interactive sei deutlich weiter als andere Entwickler:innen, aber noch nicht am Ziel.

Ich bin zufrieden, aber sie fangen gerade erst an, in die richtige Richtung zu gehen. (...) Das würden viele jetzt für zu übertrieben finden, aber wenn sie jetzt mit der Pride-Flagge angefangen haben, sollen sie auch die anderen Flaggen aufnehmen: Die für Trans, Bisexuell. Wenn man einmal damit angefangen hat, sollte man es auch fertig machen“, so Sinan, der hier auf die Modder-Szene verweist, die diese zusätzlichen Flaggen bereits erstellt hat.

Es ist einfach schön zu sehen das Dbd wirklich eine große LBTGQ+ Community hat und das man dort auch sehr viele neue Leute kennenlernen kann. Zwar gibt es Leute die sehr viel Mimimin aber das hat man bei eigentlich jedem Online-Game. Was mich aber stört war wirklich die Aussage von einigen das man die Leute tunnelt und campt sobald man die Pride-Flag trägt, ich mein sowas muss nicht sein aber was ich gut finde das BEhaviour dort sofort reagiert hat und meinte das man genau solche Leute reporten kann“, erklärt Leon.

Ich denke es fühlen sich Leute aus der LGQBT+ Community in Dbd wohl, weil es viele herzliche Communitys dort gibt, die einen so nehmen, wie man ist. (...) Ich finde gut, dass Behaviour Interactive die Regenbogen-Flagge als Anerkennung mit ins Spiel gebracht hat. Natürlich gibt es auch diese Menschen in dem Spiel, die halt abwertend über die LGQBT+ Community reden, diese bleiben aber nicht lange in meinem Umfeld bzw. landen seeehr schnell auf meiner Block Liste. Ich finde es allgemein gut, dass das Pride-Gaming mittlerweile eine so große Reichweite hat“, sagt Kiki.

Flagge zeigen nicht nur im Gamer-Tag, sondern auch im Spiel: Survivor tragen sie an der Hose, Killer können ihre Haken damit schmücken. Hier gehe Dead by Daylight für Sinan deutlich weiter als andere Spiele.
Flagge zeigen nicht nur im Gamer-Tag, sondern auch im Spiel: Survivor tragen sie an der Hose, Killer können ihre Haken damit schmücken. Hier gehe Dead by Daylight für Sinan deutlich weiter als andere Spiele.

Dead by Daylight: Die Community setzt sich für die Community ein

Mit gutem Verhalten und Mods, aber auch mit tagtäglichem Einsatz: Abseits der Entwickler:innen und einem verschärfterem Bann-System für Beleidigungen in Dead by Daylight, hängt es vor allem von den Spieler:innen selbst ab, für einen freundlichen Umgangston in der Community zu sorgen. Sinan arbeitet hierbei an "vorderster Front", ist in mehreren "Social Media"-Gruppen als Moderator tätig und geht dazwischen, wenn Personen andere diskriminieren.

Auch wenn ihn die immer gleichen toxischen Argumentationen ermüden, freut es ihn zu sehen, dass über die Jahre immer mehr Unterstützer:innen dazu kommen. Zur Veranschaulichung hat er uns einen Hate-Kommentar aus einer "Dead by Daylight"-Gruppe mitgebracht und genauso auch seine Reaktion darauf, die wir für sich selbst sprechen lassen wollen.

Eine Userin: „Ist das nicht das, was man möchte? Dass man ungeachtet von Geschlecht oder Sexualität als der Mensch gesehen und respektiert wird, der man ist? Du hörst dich an, wie die extremen Feministen, die schreien, die wollen Gleichberechtigung, letztendlich aber die Frau über den Mann stellen wollen.

Bevor du mir jetzt die Homophob-Karte auch aufdrücken willst - ich würde mich selbst zur LGBTQ+-Community zählen - möchte mich aber dennoch von Leuten wie dir distanzieren. Und ja, es ist schön, wenn Diversität ins Spiel gebracht wird - aber schlichtweg nicht nötig, da das im Hintergrund steht - oder fordern wir jetzt auch dass es Charaktere gibt, die irgendwo in einem Nebensatz erwähnt haben, dass sie Veganer / Vegetarier sind?

Selbst wenn sie es sind - vlt ist es nicht erwähnt? Weil es schlichtweg nichts zur Personalität beiträgt? Ist klar erwähnt, dass die anderen Charaktere nicht Schwul, Lesbisch, Bi oder gar Trans sind? Nein, es wird nirgends erwähnt, dass sie straight sind - also warum das Gegenstück fordern? Warum nicht den Spielern den Freiraum lassen, sich selbst vorzustellen, was ihr Lieblings Char ist - und sich damit identifizieren können? Ich bin nicht gegen Diversität, es ist mir einfach egal - ich nehme meinen Menschen gegenüber, wie er ist.

Sinans Antwort: „Wo nimmst du dir das Recht her, zu bestimmen, was wichtig ist und was nicht? Was für dich egal sein könnte, kann für den anderen sehr viel bedeuten. Repräsentation ist für sehr viele wichtig und in einem Spiel, das so viele verschiedene Charaktere bietet, sollte es auch vorhanden sein. Es geht bei der Feier des Pride Month auch darum, was die LGBTQ-Community geschafft hat, die Erinnerung, wie sehr sie leiden musste, um lieben zu dürfen und auch heiraten.

Denkt an die Leute, die bei Protesten gestorben sind, die zur Todesstrafe verurteilt wurden, weil sie Liebe erfahren wollten. Oder die jungen Männer und Frauen, die bei Attentaten erschossen wurden aus diesem Grund. Orlando, um ein Beispiel zu nennen. 50 Leute starben dort. Es hat tiefere Bedeutungen ... Einfach mal darüber nachdenken, bevor man sich über ein wenig Farbe, einen Regenbogen, etc. aufregt. Ich muss sagen, dass mir das sehr wichtig ist und ich mich auch extrem gefreut habe, den Glücksbringer im Spiel zu sehen.

Beispielhaft | LGBTQ-Charaktere in Videospielen

Beispielhaft | LGBTQ-Charaktere in Videospielen
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Wir bedanken uns an dieser Stelle für das Interview und wünschen der LGBTQ+-Community in Dead by Daylight alles Gute für die Zukunft. Einen schönen Pride Month euch allen da draußen und flinke Füße, um dem Killer zu entwischen. Flinke Füße gilt natürlich, wenn ihr die Killer spielt.

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