Call of Duty: Warzone

Pride Month in Blockbuster-Games: Flagge zeigen – es darf halt keiner sehen

von Daniel Hartmann (Mittwoch, 30.06.2021 - 14:44 Uhr)

In Warzone ist der Pride Month mehr eine Alibi-Aktion als echte Unterstützung. (Bild: Activision)
In Warzone ist der Pride Month mehr eine Alibi-Aktion als echte Unterstützung. (Bild: Activision)

Zum Pride Month finden sich mit jährlich wachsender Häufigkeit Pride-Flaggen auf Getränkedosen, Social-Media-Accounts und natürlich auch in Videospielen. Konsequent sind diese Bekundungen der Unterstützung aber selten.

So viel mehr als bunte Farben

Die Pride-Flagge ist nicht einfach nur ein Fahne. Sie ist Ausdruck von Identität, manchmal von Rebellion und leider auch eine Gefahr für das eigene Leben. Die Unterstützung durch große Marken und damit auch Publishern und Studios ist wichtig und gut, aber häufig inkonsequent und geht nur so weit, wie Marketing und PR es für sinnvoll halten.

Ein Regenbogen im Twitter-Profil eines Publishers oder die Flagge in ein Spiel zu integrieren, sind grundsätzlich gute Anfänge, aber eben auch nur Anfänge. Es braucht mehr, denn diese Flaggen brauchen Inhalt, sie brauchen Bedeutung und das nicht nur ein Mal im Jahr.

In Call of Duty Flagge zeigen

Es war als kleines Experiment gedacht, ich wollte mit einer der immerhin acht verschiedenen Flaggen Warzone spielen und schauen, wie die anderen Spieler reagieren. Ich mach es kurz, es gab kaum Reaktionen. Ich wurde in gut zwei Wochen zwei Mal als „Schwuchtel“ beschimpft und ich gebe zu, ich habe mit mehr gerechnet.

Habe ich mich etwa in der Community getäuscht? Sind alle "Call of Duty"-Spieler offenherzige Menschen, die nicht „schwul“ als Schimpfwort benutzen? Ich will keinem Spieler etwas unterstellen, aber das habe ich den letzten 17 Spielen der Reihe anders erlebt.

Ich kam zu dem Schluss, dass der Grund woanders liegt. Es ist die Sichtbarkeit der Flagge selbst, ich denke, die wenigsten registrieren das Banner neben meinem Spielernamen. In Warzone können sich Spieler zwar die Lobbys ansehen und dann auch die Banner der anderen Spieler sehen, doch während des Matches sieht man sie höchstens in der Killcam. In diesen paar Sekunden, wenn sich ein Spieler die Killcam überhaupt ansieht, versucht man meistens nur herauszufinden, ob der andere gecheatet hat oder im Idealfall etwas aus der Situation für das eigene Spiel zu lernen. Das Banner unten in der Mitte fällt vielen vermutlich nicht auf.

In Warzone begegnet ihr einem anderen Spieler vielleicht zwei Mal pro Match und selten öfter. Wenn nicht irgendwas Besonderes vorfällt, ist der Gegner schnell vergessen. In Black Ops Cold War wäre das anders, dort killt ihr denselben Spieler während einer Runde gerne auch ein Dutzend Mal, die Flagge ist also viel öfter zu sehen. Ich hätte das gerne ausprobiert, aber in Cold War gibt es die Flaggen nicht, vielleicht sogar genau aus diesem Grund.

Die Pride-Flaggen in Warzone bedeuten einfach nichts, sie sollen nur sagen „Wir haben doch auch was zum Pride Month gemacht.“ In Warzone gibt es keine queeren Charaktere. In Cold War könnt ihr als Geschlecht eures Charakters „non-binary“ angeben, das ist aber ebenfalls bedeutungslos, denn ihr habt weder eine Stimme noch eine wirkliche Identität.

Queere Charaktere in anderen Videospielen

Wie vorhin erwähnt, geht die Unterstützung der queeren Community gerne in den Interessen eines Unternehmens unter. Nehmen wir beispielsweise League of Legends. Dort gibt es mit den beiden Champions Leona und Diana offiziell seit ein paar Wochen ein lesbisches Paar. Zum Pride Month wurden ein Gedicht und eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die ihre Beziehung als Teenager thematisiert. Die Geschichte ist sogar sehr schön, nur schade, dass sie in einem Blogeintrag vergraben und nicht im Spiel gezeigt wird.

Das eigentliche Problem sind aber die russischen und chinesischen Versionen dieser Geschichte. In Russland gibt es sie einfach nicht und in China existiert nur das eher uneindeutige Gedicht. Repräsentation passiert nur da, wo es nicht dem Produkt schadet.

Aber Cyberpunk ist doch anders

In Cyberpunk 2077 sollte der Charaktereditor möglichst vielen Menschen die Möglichkeit bieten, sich wiederzufinden. Tatsächlich ist in Cyberpunk nur die Wahl der Genitalien nicht an ein Geschlecht gebunden. Haare, Make-up, Stimme und auch Kleidung gehören alle zu einem Geschlecht und das „trans sein“ wird beispielsweise auf die Wahl der Genitalien reduziert. Vs Identität spielt im Charaktereditor und dann später im Spiel ebenfalls keine Rolle.

Ellie und Dina – ein gutes Beispiel?

Ellie aus The Last of Us 2 ist eine der wenigen queeren Hauptfiguren in einem Blockbuster-Game. Ihre Beziehung mit Dina hat Bedeutung und es geht um Identität. Neben den beiden gibt es im Spiel auch noch bisexuelle und trans Charaktere, die queere Community ist also sehr prominent im Gegensatz zu anderen großen Spielen vertreten.

Grundsätzlich also ein gutes Beispiel, auch wenn die Spielwelt das Thema manchmal nicht so richtig stützt. In einem verlassenen Buchladen in Seattle stoßen Ellie und Dina auf eine Pride-Flagge und Dina fragt sich, was das mit den Regenbögen soll. Da hinter steckt aber nicht, dass solche Symbole nicht mehr nötig sind in der Welt von The Last of Us und die Gesellschaft all das hinter sich gelassen hat. Vorher wird Dina nämlich als „Lesbe“ beschimpft, die Feindseligkeiten gegenüber queeren Menschen existieren also weiterhin. Die Menschen erinnern sich also an den Hass und an die PSP, aber nicht an die Pride-Flagge im Jahr 2039?

Ganz oder gar nicht?

Das ist natürlich nicht die Aussage, die ihr mitnehmen sollt. Pride-Flaggen sollten weiterhin in Videospielen wehen, Publisher, Entwickler und auch Spieler müssen nur verstehen, dass sie mehr sind als eine Fahne, ein Stück Kleidung oder ein Bild für das Social-Media-Profil. Dieses Symbol hat eine Bedeutung. Es steht für Schmerz und auch für Hoffnung. Es ist Teil einer Identität und auch eine Erinnerung an die, die gekämpft haben und es noch tun und auch an die, die gestorben sind. Diese Bedeutung muss in Videospielen vorkommen und auch verstanden werden, nur die Flagge reicht einfach nicht.

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