Cyberpunk 2077

Cyberpunk 2077 – 7 Monate später: Ist der PS4-Albtraum vorbei?

von Michael Sonntag (Sonntag, 25.07.2021 - 11:00 Uhr)

Cyberpunk 2077 nach sieben Monaten: Endlich durfte ich dieses Spiel wirklich kennenlernen.
Cyberpunk 2077 nach sieben Monaten: Endlich durfte ich dieses Spiel wirklich kennenlernen.

Das Marketing erschuf eine grenzenlose Euphorie, der katastrophale Release wandelte alles in grenzenlose Enttäuschung um: Sieben Monate später repariert Entwickler CD Projekt RED immer noch die Schäden an Cyberpunk 2077, aber der Traum ist geplatzt. Aber wie ist Cyberpunk 2077 nun und kann Entwarnung gegeben werden? Nach dem mittlerweile fünften Patch habe ich mich nochmal in die PS4-Version begeben, um dort weiterzumachen, wo ich im Dezember aufhören musste.

Cyberpunk 2077: Wieder in Night City, eine Rechnung begleichen

Aus meinem "Cyberpunk 2077"-Test vom 19. Dezember 2020:

Ich gebe es zu: Ich bin enttäuscht - und werde die Hoffnung dennoch nicht aufgeben, weil ich Cyberpunk 2077 selbst in seiner unfertigen Version seine Stärken anmerken konnte (...) Ich freue mich auf Februar 2021, wenn man sich wiedersieht, Cyberpunk 2077 und ich. Zwar endete dieses Gaming-Jahr auf einer schlechten Note, aber vielleicht fängt das nächste dann mit einer kolossal guten an. Johnny, du alter Halunke, wir sehen uns wieder.

Wieso Februar 2021? Der Zeitraum bezog sich ursprünglich auf Patch 2, den Entwickler CD Projekt RED in seinem Entschuldigungs-Statement auf Twitter angekündigt hat, und stellte hierbei meinen vermuteten Zeitpunkt dar, an dem das Spiel soweit bearbeitet worden wäre, dass sich auch eine erneute Betrachtung lohnen könnte. Aber es wurde nicht Februar. Es mussten noch drei weitere Patches (1.21 / 1.22 / 1.23) folgen, bis Sony Cyberpunk 2077 dann im Juni wieder in den PlayStation Store aufnahm, allerdings immer noch mit der Warnung versehen, dass weiterhin Stabilitätsprobleme in der PS4-Version auftreten.

Nun – da bin ich wieder – und habe mich erneut nach Night City begeben, um endlich das Spiel selbst und nicht mehr seinen katastrophalen Release zu bewerten. Unabhängig von einer kleinen Hoffnung habe ich mir dennoch keine Illusionen gemacht: Denn Cyberpunk 2077 ist in zweifacher Hinsicht nicht das Spiel, das der Entwickler versprochen hat. Abgesehen von der technischen Qualität lieferte es auch nie die ultimative Immersion. Der Zug ist abgefahren, was aber nicht heißt, dass nicht doch ein gutes Spiel in Cyberpunk 2077 stecken kann. Das, was das Marketing von Anfang an hätte bewerben sollen.

Das Spiel, das CD Projekt RED versprochen, aber nie geliefert hat:

Anmerkung: Es ist eine gute Frage, ob Cyberpunk 2077 überhaupt jemals für die "Old Gen"-Konsolen hätte erscheinen dürfen. Technisch gesehen nein, aber eine "Next Gen"-Konsole als Maß für jeden Spieler vorauszusetzen, ist zurzeit aufgrund der geringen Verfügbarkeit genauso fraglich. So oder so: Die PS4-Version stellt eine gute Basis dar, um den Fortschritt der Entwickler zu überprüfen und zu sehen, wie das Spiel selbst auf der "schwächsten" Plattform abschneidet.

Cyberpunk 2077 – Mehr Skyrim als fertig, mehr Telltale als GTA

Charaktere glitchen ab und zu in Autos. Autos können verschwinden. Einmal soll ich als Beifahrerin in ein Auto steigen, aber stattdessen verschmilzt mich das Spiel mit der Fahrerin, weshalb ich die gesamte Fahrt über Selbstgespräche führe und durch ihre Haarpracht starren darf. Kurz: Cyberpunk 2077 ist mittlerweile fast genauso spielbar wie Skyrim. Das bedeutet: Prinzipiell funktioniert das Spiel und die meisten Fehler, die auftreten, sind verschmerzbar oder amüsant. Das ist kein Idealzustand für eine Vollpreis-Produktion, aber schon eine deutliche Verbesserung zu den dutzenden Abstürzen und anderen Katastrophen zum Release.

Nach sieben Monaten Berichterstattung, die sich hauptsächlich mit den Fehlern in Cyberpunk 2077 beschäftigt hat, bin ich froh, dass die launenhafte Performance mittlerweile nicht mehr das hervorstechendste Charaktermerkmal des Spiels bildet. Nun können auch endlich die Geschichten, Missionen und Kämpfe in den Vordergrund treten und ihre verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Was beim erneuten Anspielen aber umso deutlicher auffällt: Cyberpunk 2077 umfasst zu viele Spielgenres auf einmal. Das stärkste Element bleibt seine Geschichte und seine Erzählweise, die zu einer sehr linearen Spielweise einladen, wofür eine Open World mit dutzenden Nebenaufträgen, Crafting-Elementen und Nebenaktivitäten nicht notwendig gewesen wäre.

Cyberpunk 2077: Im Dezember 2020 eine unspielbare Bug-Katastrophe (links), im Juli 2021 ein einnehmendes Story-Spiel (rechts).
Cyberpunk 2077: Im Dezember 2020 eine unspielbare Bug-Katastrophe (links), im Juli 2021 ein einnehmendes Story-Spiel (rechts).

Cyberpunk 2077 ist eines der faszinierendsten Beispiele für den immer stärker tobenden Erwartungskonflikt innerhalb der Gamingbranche – Müssen Entwickler ihre Spiele eigentlich immer voller stopfen und können Spieler ihre Wünsche wirklich nur pauschal mit "Alles!" beantworten – aber um dieses Fass nicht zu öffnen, möchte ich nur sagen: Jeder unnötige und gleichzeitig durchschnittliche Aspekt von Cyberpunk 2077 torpediert die eigentlichen Stärken des Spiels. In meinen Spielstunden habe ich eine Gangsterin kennengelernt, ihr gestohlenes Auto zurückgeholt, mit ihr gelacht, geflirtet und getrauert, einen Angriff vorbereitet, verübt und zuletzt eine Verfolgungsjagd durch die Wüste unternommen. Anschließend habe ich einer wunderschönen Parade beigewohnt und eine Person entführt, bevor sich die Ereignisse komplett überschlagen haben.

Das hat alles super funktioniert und dieser spannende Sog wurde nur wieder vom langatmigen Kampfsystem mit seinen sperrigen Schadensmodellen unterbrochen. Was mich zu einer harten Erkenntnis bringt: Cyberpunk 2077 ist mehr Telltale Game als GTA. Die Präsentation mag in Telltale-Spielen viel altbackener sein, aber im Grunde fasziniert uns in beiden Spielen das Gleiche: Den Charakteren zuhören, ihnen beistehen, den eigenen Standpunkt klar machen, Geschichten erzählen, Entscheidungen fällen und mit den Konsequenzen zurechtkommen. Open World, Kämpfe, Roleplay, Crafting – all diese anderen Elemente hätten sich diesem Fokus unterordnen oder verschwinden müssen. In meinem Fall habe ich sie einfach, wenn ich konnte, ignoriert und den guten Teil herausgeschält.

Bei meinem zweiten Spieldurchlauf, mit genügend Wartezeit und befreit von der Marketing-Luftblase, konnte ich Cyberpunk 2077 neu und vor allem als anderes Spiel, viel linearer und story-fokussierter, kennenlernen. Die technische Performance ist nicht perfekt, aber immerhin nicht mehr spielzerstörend. Der ganze Inhaltskosmos mit all seinen Versprechen und Erwartungen ist und bleibt weiterhin eine Gaming-Titanic. Weniger wäre mehr gewesen, weshalb Deus Ex: Mankind Divided aufgrund seiner Konzentration auf weniger Elemente für mich das bessere Cyberpunk-Spiel bleiben wird.

CYBERPUNK 2077

CYBERPUNK 2077

Ich hatte erwartet, Cyberpunk 2077 für diesen Artikel zu installieren und danach wieder von der Festplatte zu schmeißen, aber jetzt habe ich tatsächlich Gefallen daran gefunden und bin gespannt, wie die Geschichte rund um Johnny Silverhand und V zu Ende geht. Es bleibt abzuwarten, wann die "Next Gen"-Versionen für Cyberpunk 2077 erscheinen werden, wobei die für mich nicht mehr viel ändern werden. Ich weiß jetzt endlich, was ein Cyberpunk 2077 für ein Spiel ist. Die Frage, die mir CD Projekt RED noch schuldig war.

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