Videospielkultur

Kriegsspiele: Echte Soldaten bewerten CoD, Battlefield & Co. für uns

von Michael Sonntag (Mittwoch, 04.08.2021 - 09:06 Uhr)

Kriegsspiele erfreuen sich großer Beliebtheit. Aber wie viel haben sie mit realem Krieg überhaupt gemein?
Kriegsspiele erfreuen sich großer Beliebtheit. Aber wie viel haben sie mit realem Krieg überhaupt gemein?

Kriegsspiele, vor allem First-Person-Shooter wie Battlefield und Call of Duty, erfreuen sich einer großen Beliebtheit in der Gaming-Welt. Dabei gilt beim Marketing oft folgender Grundsatz: Umso realitätsnäher, desto besser. Aber wie viel haben Kriegsspiele mit realem Krieg überhaupt gemein? Das haben wir echte Berufssoldaten gefragt.

CoD, Battlefield und Co. – Echter Krieg vs. digitaler Gaming-Krieg

Während Shooter wie Fortnite und Overwatch in fiktiven und bunten Comic-Universen spielen, verfolgen Call of Duty und Battlefield oft das Ziel, Kriegsschauplätze und -szenarien sehr "realistisch" darzustellen. "Echten Krieg" zu spielen – damit ist ein großer Reiz in der Videospielwelt verbunden, den zuletzt der kontrovers diskutierte Shooter Six Days in Falluja auf die Spitze getrieben hat, mit seinem Gameplay-Konzept, seinen Spielern authentische Erfahrungen ermöglichen zu wollen, die auf der Zusammenarbeit mit echten Soldaten und ihren Erzählungen basiert.

Echter Krieg dort draußen, digitaler Krieg in den Spielen – um eine realistischen Eindruck davon zu bekommen, wie diese Welten wirklich zueinanderstehen, haben wir echte Berufssoldaten interviewt, die in ihrer Freizeit ebenfalls Videospiele spielen. Ihre Namen haben wir durch Nummern anonymisiert.

  • Macht es dir Spaß, Militärspiele zu spielen?

Ein/e Soldat:in (1):Ja, mir macht es durchaus manchmal Spaß, Militärspiele zu spielen.

Ein/e Soldat:in (2):Das kommt stark darauf an welche. Vor meinem Dienst bzw. eigentlich bis zu meinem ersten echten Einsatz fand ich großen Gefallen an so ziemlich allen Shootern, die mir unter die Maus kamen. Hauptsache viel Action und große Multiplayerkarten, im Idealfall noch ein paar Fahrzeuge und Spielmodi mit etwas Taktik.

Heute widern mich viele Spiele einfach an. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, dass es Kriegsspiele gibt, die versuchen durch Nachstellung von Grausamkeiten und möglichst viel Blut Interesse zu wecken. Was mich aber massiv stört ist, dass in vielen Spielen das Töten von Menschen belohnt und teilweise gefeiert wird.

Ich finde inzwischen nur mehr Spaß an Spielen, in denen die Erfüllung des Auftrags im Vordergrund steht und das Töten selbst nur ein absoluter Nebenaspekt ist. Arma spiele ich beispielsweise noch ganz gern, gerade weil ich hier auch als Panzersoldat die Möglichkeit habe, Taktiken und Szenarien mit Kameraden auszuprobieren, die in der Realität nicht möglich wären. Spiele wie CoD machen mir hingegen definitiv keinen Spaß mehr.

Six Days in Fallujah will den Krieg wie kein Spiel zuvor zeigen:
  • Kannst du die Gründe für dein Empfinden nennen, Kriegsspiele gern oder nicht gern zu spielen?

Ein/e Soldat:in (4):Also grundsätzlich macht es mir auf jeden Fall Spaß. Was das Empfinden angeht, würde ich sagen, dass es einfach Spaß macht, ein Actionspiel zu spielen. Das hat aber mit dem Unterhaltungsfaktor ähnlich wie bei Actionfilmen zu tun und nicht konkret mit dem Militärischen.

Es macht natürlich mehr Spaß, wenn Spiele authentisch sind und man durch seine Kenntnisse Dinge festellen kann. Also bei WW2-Spielen, die Orte und Fahrzeuge zum Beispiel oder bei modernen Shootern die Ausrüstung und die taktische Komponente.

Ein/e Soldat:in (2):Ich finde es inzwischen einfach nur grotesk, wenn Tötungsserien mit extra Punkten belohnt werden, das Eliminieren von Gegnern mit reißerischen Texten betont wird oder Spielmodi wie Deathmatch existieren und man sich gegenseitig an der K/D misst. Das vermittelt ein völlig falsches Bild.

Spätestens wenn im Einsatz der erste Schuss bricht, das Adrenalin einschießt und der Stresspegel bei 300 Prozent angelangt ist, rückt alles in den Hintergrund. Dann geht es nicht mehr um Aufträge, Ideologien oder Befindlichkeiten. Alles, was zählt ist, wie komme ich hier wieder unversehrt raus? Der Rest geschieht im Automatikbetrieb.

Erst im Nachhinein wird einem allmählich die Tragweite seines Handelns bewusst. In meiner bisherigen Laufbahn habe ich keinen einzigen Soldaten kennengelernt, der sich mit derartigen Erfahrungen brüsten, geschweige denn sich darüber freuen würde. Im Gegenteil, solche Erlebnisse brechen und belasten einen bis ans Lebensende. Ich kann daher keineswegs nachvollziehen, dass in Spielen Töten häufig als positives Verhalten dargestellt wird und schäme mich jetzt im Nachhinein dafür, mich früher über hohe K/Ds gefreut zu haben.

In CoD: Warzone kämpfen hunderte Spieler jede Runde um den Victory Royale.
In CoD: Warzone kämpfen hunderte Spieler jede Runde um den Victory Royale.
  • Kannst du dich mit den Soldaten in diesen Spielen identifizieren?

Ein/e Soldat:in (1):Nein, kann ich nicht, da es bisher kein Kriegsspiel gibt, in dem der Krieg und die persönlichen Folgen dargestellt und konkretisiert werden.

Ein/e Soldat:in (4): Das kommt sehr auf die Art der Spiele an. In Multiplayershootern à la CoD oder BF ist das eher schwierig. Aber in Singleplayergames, die den Charakteren eine Story verleihen, kann das durchaus sein. Das passt auch gut zum nächsten Punkt. Man will in Games natürlich Spaß haben und der Held sein. Wenn man aber eine gute Charakterentwicklung haben will, dann sollte man auch andere Facetten zeigen.

Als Soldat lebt man halt im Einsatzland oder an der Front, je nach dem wo das Spiel halt stattfindet. Und da spielen sich ganz viele Dinge im täglichen Leben ab. Es entstehen Freundschaften, jeder bringt Talente aus dem Zivilen mit. So kann der eine abends am Feuer vielleicht Gitarre spielen und ein anderer kann gut Haare schneiden. Klingt jetzt ein bisschen bescheuert, aber das sind so Dinge, da entwickelt sich dann so eine Art Infrastruktur. Wenn einer ein Problem hat, dann weiß man wer einem dabei am besten helfen kann.

Ein/e Soldat:in (2): Nein, keinesfalls. Die Spiele sind einfach dermaßen fernab der Realität, das geht gar nicht. Es gibt allerdings eine Szene, die mir hängen geblieben ist und an die ich auch im Einsatz oft denken musste, weil sie Zwiespalt und Zweifel gut reflektiert, mit denen man tagtäglich zu kämpfen hat. Konkret geht es um die Todesszene von Miller in Battlefield 3.

Gerade die letzten Sätze: „You come to our country to murder us. Yet we are the terrorist when we try to protect our nation and people.” Im realen Leben gibt es nicht dieses klassische, forcierte Freund/Feind-Szenario, am Ende des Tages sind wir alle Menschen, die für ihre Meinung und Werte kämpfen und man fragt sich ständig, ob das was man hier tut, überhaupt das Richtige ist. Erst als ich wirklich vor Ort war und die Menschen in den Ländern von Angesicht zu Angesicht kennenlernen durfte, wurde mir das so richtig bewusst.

1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Gegenwart, Zukunft – im Gaming ist es möglich, auf vielen verschiedenen Schlachtfeldern zu kämpfen.
1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Gegenwart, Zukunft – im Gaming ist es möglich, auf vielen verschiedenen Schlachtfeldern zu kämpfen.
  • Welche Spiele stellen deiner Meinung nach Kriege realistisch dar? Welche nicht?

Ein/e Soldat:in (4):Also ich denke zum Thema Arma muss ich nichts sagen. Also Battlefield war eigentlich so das 2er, 3er und 4er ganz gut. Das 1er WW1 fand ich ganz schrecklich unrealistisch. Wobei man natürlich immer dran denken muss: Entweder bin ich Panzerfahrer ODER Pilot ODER Infantrist und kann nicht alles. Jede dieser Fähigkeiten erfordert eine mitunter langjährige Ausbildung.

Des Weiteren sprintet niemand mit voller Ausrüstung mehrere hundert Meter über freies Feld. Aber es ist halt einfach schwierig solche taktischen und körperlichen Aspekte in ein Spiel einzubringen. Da würde wieder nur eine Simulation entstehen, die es mir nicht erlauben würde "eben mal" 'ne runde zu zocken.

Was mir persönlich zum Beispiel auch Spaß gemacht hat war, Star Wars Republic Commando. Das Spiel hatte im Vergleich zu anderen Spielen dieser Reihe relativ "starke Gegner". Und man hat hier halt auch versucht eine taktische Komponente miteinzubringen. Es ist einfach im militärischen das A und O, immer zu wissen was um einen rum passiert und seine Leute bestmöglich zu informieren und ihnen im selben Atemzug zu sagen: Was passiert wann? Wer macht was wenn?

Ein/e Soldat:in (2):Moderne Kriege entsprechen nicht dem klassischen Bild, das man vielleicht durch Weltkriegsdokus vermittelt bekommt. Es gibt kaum noch große Schlachten mit klaren Fronten, in denen große Armeen gegeneinander kämpfen. Ich kann daher nicht beurteilen, ob Spiele die solche Szenarien nachstellen, realistisch sind. Was ich aber sagen kann ist, dass Konflikte heutzutage absolut nichts mit dem zu tun haben was in Spielen präsentiert wird.

Ich halte es auch nicht für möglich, Kriege virtuell realistisch darzustellen, auch wenn mit zunehmender Digitalisierung Kriegsführung immer mehr einem Computerspiel ähnelt. Die einzigen Spiele die mir untergekommen und die annähernd realistisch sind, wären Squad und Arma, bei Letzterem speziell der Law of War DLC, in dem zumindest auch die Nebenschauplätze und das Leid der zivilen Bevölkerung behandelt werden.

Der Shooter Spec Ops: The Line liefert im Gegensatz zu vielen Shootern eine sehr kriegskritische Erfahrung.
Der Shooter Spec Ops: The Line liefert im Gegensatz zu vielen Shootern eine sehr kriegskritische Erfahrung.
  • Sollten Militärspiele deiner Meinung nach realistischer werden und die gesamte Palette des Krieges zeigen, nicht nur die heroischen?

Ein/e Soldat:in (1):Ja, Kriegsspiele könnten meiner Meinung nach realistischer werden und einen Großteil dessen zeigen, was Krieg wirklich bedeutet. Alles kann man einfach nicht darstellen, da ein Spiel nicht die Emotionen und Reaktionen hervorrufen kann wie ein echtes Gefecht.

Ein/e Soldat:in (3):Da gibt es ein ganz klares Ja von mir. Man sieht viel zu wenig von dem, was drum herum passiert und nur die „Rambo“-Seiten. Oder auch die Vereinbarkeit mit Familie und dem Soldaten-Beruf.

Ein/e Soldat:in (2):Schwierig zu sagen. Als Gamer würde ich sagen nein, weil das uninteressant ist. Schließlich spielt man die Spiele nicht, um zwanghaft moralisch belehrt zu werden, sondern um Spaß zu haben und den Kopf freizukriegen. Als Soldat würde ich mir natürlich schon wünschen, wenn Krieg und Konflikte nicht glorifiziert werden und den Spielern realistischere Bilder vermittelt werden würden. Der Soldatenberuf hat durchaus auch seine schönen Seiten, so absurd das für einen Außenstehenden vielleicht klingen mag, aber die Seiten, die in Spielen glorifiziert und mit Punkten belohnt werden, gehören definitiv nicht dazu.

Mir ist natürlich klar, dass es realitätsfremd ist von Spielherstellern zu verlangen, diesen Wünschen gerecht zu werden. Ich denke auch nicht, dass Spiele der richtige Kanal dafür sind, Schulen wären da eher der richtige Ort, aber gerade dort spricht man ungern über derartige Themen oder den Soldatenberuf.

Vielleicht könnte man in Zukunft zumindest versuchen, den Fokus und die Belohnungen in Spielen deutlich mehr auf das taktische Zusammenspielen und die Auftragserfüllung setzen, als direkt auf das Eliminieren von Gegnern und nicht mehr auf diesen klaren Feindbildern beharren, sondern den Spielern darlegen, dass auch die Gegenseite nur aus Menschen besteht. Menschen, die Partner und Kind haben. Menschen mit Bedürfnissen, Gefühlen, Ängsten und Hoffnungen.

Ein/e Soldat:in (5):Solche Spiele können der breiteren Bevölkerrung helfen zu verstehen, was die Bundeswehr zum Beipiel im Kosovo und in Afghanistan getan hat (den Menschen dort geholfen und bei vielen Sachen unterstützt). Aber solche Spiele dürfen meiner unmaßgeblichen Meinung nach kein Blatt vor dem Mund nehmen.

Aber auch die Fehler aufzeigen, die passiert sind. Als Beispiel die Tanker-Bombardierung in Afghanistan. Genauso die Situation der Soldaten nach dem Einsatz sollte veranschaulicht werden. Denn alle Kameraden, die ich kenne, die in Afghanistan waren, haben gesagt, dass sie das Land nie zu 100 Prozent verlassen haben.

In This War of Mine schlüpft der Spieler ausnahmsweise nicht in die Rollen von Soldaten, sondern in die von Zivilisten, die in einem Kriegsgebiet um das Überleben kämpfen müssen.
In This War of Mine schlüpft der Spieler ausnahmsweise nicht in die Rollen von Soldaten, sondern in die von Zivilisten, die in einem Kriegsgebiet um das Überleben kämpfen müssen.
  • Was würdest du Nicht-Berufssoldaten, die Militärspiele spielen, mit auf den Weg geben?

Ein/e Soldat:in (1):Den Spielern, die keine Soldaten sind würde ich mit auf dem Weg geben, dass sie diese Spiele nicht zu ernst nehmen und sich immer wieder vor Augen halten sollten, was Krieg für die Betroffenen wirklich bedeutet.

Ein/e Soldat:in (4): Jeder sollte das spielen, was ihm Spaß macht. Aber man sollte nie von einem Spiel auf die Realität schließen. Wer sich für dieses Thema abseits der Spiele wirklich interessiert, sollte sich einfach mal bei einem Tag der offenen Tür oder bei einem Praktikum mit den Kameraden unterhalten.

Ein/e Soldat:in (2):Seid euch über den Unterschied zwischen Realität und Spiel immer im Klaren. Konflikte und Krieg sind weder heldenhaft, actionreich oder in irgendeiner Weise positiv. Alles, was zurückbleibt, ist unfassbares Leid. Meldet euch bitte nicht zum Militär, nur weil ihr Spaß an Shootern habt oder auf der Suche nach Action seid. Der Beruf ist körperlich und psychisch unfassbar belastend und absolut nicht zu vergleichen mit einem Spiel.

Ich finde es fast schon amüsant, wenn junge Rekruten zu uns kommen und glauben, sie wären jetzt Experten, weil sie hunderte Stunden in Shootern verbracht haben, die Waffennamen besser kennen als das Kader und dann ganz schnell merken, was Soldat sein überhaupt bedeutet. So eine "4 Kilogramm"-Waffe im Anschlag halten, ist zum Beispiel viel schwerer als es aussieht. Auch nach einer 72h-Übung völlig durchnässt und mitten in der Nacht, merken viele, dass keine mentale Kapazität mehr da ist, um sich noch Gedanken zu Taktiken und Waffenstatistiken zu machen.

Ohne HUD und GPS ist es auch durchaus eine Herausforderung, den richtigen Weg zu finden, aber für die meisten endet der Karrierewunsch ohnehin bereits beim ersten Eingewöhnungsmarsch mit voller Ausrüstung.

Wir bedanken uns an dieser Stelle für die Ehrlichkeit der interviewten Personen und die unschätzbaren Einblicke, die sie uns gegeben haben.

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