Call of Duty: Warzone

Ich mag CoD: Warzone nicht – aber seit der Pandemie ist es für mich da

von Michael Sonntag (Sonntag, 23.01.2022 - 08:30 Uhr)

Michael hat sich während der Pandemie als Gamer komplett verändert. Selbst sein Hassspiel liebt er jetzt, weil es das einzige ist, das ihm gibt, was er sucht. Bildquelle: Activision.
Michael hat sich während der Pandemie als Gamer komplett verändert. Selbst sein Hassspiel liebt er jetzt, weil es das einzige ist, das ihm gibt, was er sucht. Bildquelle: Activision.

Seit jeher habe ich einen riesigen Bogen um Call of Duty gemacht. Erstens ist es mir zu stumpf und zweitens bin ich nicht gut darin. Das dachte ich zumindest, bis die Corona-Pandemie alles änderte, so auch mein Gaming. CoD: Warzone erschien zeitgleich und lässt mich seitdem unsere echte Apokalypse im Spiel verarbeiten.

Gaming in Corona: Die einen suchten Frieden, die anderen Stress

Das Corona-Virus stellte alle Menschen vor eine große Herausforderung: Um für den bestmöglichen Schutz vor Ansteckungen zu sorgen, musste der komplette Alltag umgekrempelt werden. Um mit dieser neuen Situation umzugehen, entwickelte jeder seine eigene Strategie dabei, so auch im Gaming. Viele Personen suchten und fanden beispielsweise Entspannung und Gemeinschaft in Spielen wie Animal Crossing: New Horizons. Ich dagegen empfand eine große Sinnlosigkeit und Langeweile. Vor der Pandemie hatte ich großen Spaß daran, wenn ich Königreiche, Welten und Galaxien in Videospielen rettete, aber was brachte mir das jetzt noch? Es war klar: Ich hatte nun andere Bedürfnisse und brauchte deshalb auch andere Spiele.

Hierbei entwickelte sich CoD: Warzone zu meinem Pandemiespiel. Der "Battle Royale"-Shooter, der ironischerweise im März 2020 pünktlich zum ersten Lockdown in Deutschland herauskam, hätte mit seinem Gameplay – diesem ewigen Kampf in einer Zeitschleife – mein wirkliches Leben nicht besser wiedergeben können. Das Ironische daran: Ich konnte Call of Duty zuvor nie viel abgewinnen. Zu kriegsverherrlichend, zu stumpf, zu mainstreamig. Und dann auch noch ein "Battle Royale"-Spiel? Bereits vor drei Jahren erklärte ich in einem meiner ersten spieletipps-Artikel, dass selbst Fortnite für mich nur aus Stress besteht – und dass ich nicht verstehe, warum sich jemand das freiwillig antun will.

Jetzt aber wollte ich in Videospielen keine Geschichten, keine Open Worlds und keinen seichten Spaß mehr erleben: Jetzt war Stress das einzige, was ich wollte. Wie praktisch, dass CoD nichts anderes servierte. Es war aber nicht nur der Stress, es war auch die scheinbar unmögliche Aufgabe, die mich reizte, die Aufgabe, dieses Match als letzter Überlebender zu gewinnen. Oder um es mit einem anderen Bild noch besser zu verdeutlichen: Stellt euch vor, ihr müsstet mit genügend Vorräten in einem Bunker ausharren und hättet zum Zeitvertreib nur einen Rubik's Cube dabei. Ihr wisst schon. Dieser klobige Würfel, der im Durchschnitt immer nach vier Minuten Dreherei genervt zur Seite gelegt wird. Nun war CoD: Warzone mein Rubik's Cube. Wenn ich ohnehin nichts machen konnte, konnte ich auch beweisen, dass ich sehr wohl das Zeug zu Shootern und Battle Royale habe.

  • Mit diesem Trailer wurde CoD: Warzone erstmals vorgestellt. Seit Verdansk hat sich viel geändert, Zombies kamen und gingen, und mittlerweile ballert man auf der tropischen Caldera-Map:
CoD: Warzone | Der neue Battle Royale-Modus

CoD: Warzone – Die wunderbare Hölle, mein neuer Sport

Das Flugzeug überquert Rebirth Island, hier herrscht ewiger Sonnenuntergang. Gleich springen wir mit dem Fallschirm raus und schauen, wie weit wir kommen. Ich will nicht unbedingt gewinnen, ich will nur in so viele haarsträubende Momente wie möglich geworfen werden. Seit dem zittrigen Versteckspiel und Verzielen in meiner allerersten Runde sind zwei Jahre und viele Kämpfe vergangen. Es ist wie im Film Edge of Tomorrow, genauso wie Tom Cruise bin ich in dieser Zeitschleife immer besser geworden, indem ich tausende Situationen erlebt, verloren und irgendwann auch mal gewonnen habe.

In keinem anderen Spiel wird mir die Bedeutung meines Muskelgedächtnisses so stark bewusst: Selbst auf der PS5 spiele ich CoD: Warzone weiterhin mit meinem PS4-Controller, weil ich diesen am besten kenne und mit diesem meine Gedanken am schnellsten in Bewegungen übersetzen kann. Eine völlig neue Vertrautheit, auf einer so basalen, mechanischen Ebene. Ich brauche keine Heimat, ich brauche nur Sport.

Auch wenn CoD: Warzone und ich weiterhin als Spiel und Spieler nicht zusammengehören und ich mir immer noch wie jemand auf der Durchreise vorkomme, zu einer Zeit und einem Ort, den ich noch nicht kenne, werde ich von den anderen Spielern nicht als Außenseiter oder Fremdkörper wahrgenommen. Selbstverständlich ist es ab und zu toxisch, aber in vielen Fällen gehen wir korrekt miteinander um, loben, kritisieren und sprechen uns wie lockere Freunde ab, selbst wenn wir uns erst vor wenigen Sekunden im Flugzeug kennengelernt haben. Wir kennen uns sowieso, weil wir das gleiche Ziel haben.

Alles ist so unverbindlich und zweckmäßig, so schnelllebig und chaotisch, aber dabei so mechanisch und strukturiert, jede Niederlage ist genauso schnell vergessen wie jeder Sieg. Denn die Show geht immer weiter und ich frage mich nie, ob ich jetzt endlich "gut" bin, sondern nur, was ich in welcher Situation falsch gemacht habe. Ich habe eine Herausforderung, die ich niemals komplett meistern werde und auch nicht muss, ich arrangiere mich mit meiner Situation, wie im echten Leben, ich verarbeite Niederlagen besser, ich verarbeite Stress besser und muss keine Angst mehr vor Langeweile haben. Denn CoD: Warzone frisst sie einfach.

CoD: Warzone wurde zu meinem Begleiter in der Pandemie. Ich kann mein alltägliches Arrangieren mit einem negativen Dauerzustand nachspielen und sämtliche Emotionen in diesem Simulator verbrennen. Ob Activision, Infinity Ward oder Raven Software das im Sinn hatten, ist bedeutungslos. Bis die Normalität zurückkehrt, weiß ich immer, wo ich einen Platz habe – ohne CoD jemals mögen zu müssen.

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